In „Gefahrengebiet“ verabschiedet sich Corinna Harfouch als Susanne Bonard vom „Tatort“. Wie bleibt sie in Erinnerung?
Überleben auch ohne Dienstausweis, damit muss man erst mal klar kommen: Corinna Harfouch als Susanne Bonard in „Gefahrengebiet“
Von Ulla Hanselmann
Ausgerechnet in ihrem letzten Fall gerät die scharfsinnige, souveräne, ausgeglichene Susanne Bonard ins Straucheln. „Gefahrengebiet“, so der Titel der letzten „Tatort“-Folge aus Berlin mit Corinna Harfouch, ist weniger ein Krimi als ein Endzeitdrama, in dem sich die Protagonisten auf ganz unterschiedliche Weise gegen womöglich drohende finale Katastrophen wappnen.
Die Handlung von „Gefahrengebiet“
Auslöser ist ein toter Obdachloser im Grunewald am Teufelsberg. Die Leiche ist arg zugerichtet und weist Bissspuren auf. Naheliegend, dass der Verdacht noch am Tatort schnell auf die Wölfin fällt, die am Teufelsberg gesichtet wurde und die Hauptstadt in helle Aufregung versetzt. Mira Thiel (Buch und Regie) macht das Mythen- und Märchen-Tier zwar zum atmosphärischen Leitmotiv ihres „Tatorts“, rückt es immer wieder geheimnisvoll und bedrohlich ins Bild. Im Vordergrund stehen aber weder der fotogen in Szene gesetzte Isegrim noch der unschöne Tote, sondern die Grenzgebiete der Selbsterfahrung, in die sich hier die Kriminalhauptkommissare Susanne Bonard und Robert Karow (Mark Waschke)zurückziehen.
Bonard, die in drei Tagen in den Ruhestand geht, lässt Karow einfach stehen und schließt sich der Wildnislehrerin Dara Kimmerer (Anne Ratte-Polle) an, der sie im Wald über den Weg gelaufen sind. Deren Schüler Noah Farrell (Nils Kahnwald) hat keine Lust mehr auf Überlebenstraining, als er von der Wölfin hört, und lässt sich von Karow zurück in die Stadt kutschieren.
Bonard fängt einen Fisch und sinniert über ihren Job
Es ist der kurz bevorstehende Lebenswendepunkt, der Bonard ins Chaos stürzt, auch wenn sie sich Karow gegenüber nichts anmerken lassen will: „Ich gehe Ende der Woche. Das ist der Lauf der Dinge, dem ist nichts hinzuzufügen“, fertigt sie ihn ab und überreicht ihm Handy und Waffe. Dann aber sieht man sie schluchzend einen Baum umarmen, mit ihrem aus Laub und einer Plastikplane gebastelten Schlafsack kämpfen und nachts im dunklen Tann mit Hildegard Knefs „Der alte Wolf“ gegen ihre Ängste ansingen. Der Survival-Trip – inklusive Fischfang mit selbstgeschnitztem Speer – fördert ihre Zweifel zu Tage: Sie sinniert über die sisyphosähnliche Vergeblichkeit ihrer Arbeit, wirft sich vor, über all die Jahre ihre Familie zu sehr vernachlässigt, den Kontakt zum Sohn nicht gehalten zu haben.
Karow wiederum ist außer sich, dass Bonard ausreißt und ihn im Stich lässt, nachdem sie sich in den drei Jahren Zusammenarbeit doch stets aufeinander verlassen konnten. Trotzdem deckt er im Kommissariat und gegenüber der Staatsanwältin die rätselhafte Eskapade seiner Kollegin. Er tanzt sich im Club Enttäuschung und Einsamkeit aus dem Leib und läuft dem von ihm abgesetzten Wanderer Noah wieder über den Weg. Sie landen in dessen perfekt ausgestattetem Prepper-Bunker, wo sie viel Sex haben.
Dass Mira Thiel in Bonards Ausstiegs-Fall keinen klassischen Ermittlungskrimi abliefert – gebongt. Indizien und Motive für den im weiteren Verlauf dann doch diagnostizierten Mord finden sich en passsant, etwa ein Beil mit Blutspuren unter den Ausrüstungsgegenständen von Tourguide Kimmerer. Der Regisseurin gelingt dafür aber ein visuell starker Film, in dem sie die kontrastierenden Varianten der Überlebensstrategien, um die es ihr thematisch geht, effektvoll gegeneinander schneidet. Hier die warmen Farben des Wildnistrainings im Herbstwald, dort die kalte Künstlichkeit eines mit Energie und Vorräten, Luftfiltern und Panzerstahl toppräparierten Betonbunkers.
Karow und Bonard blieben immer beim freundlichen Sie
Als Kriminalfall ist „Gefahrengebiet“ schwach auf der Brust, dafür dürfen die Ermittler aus ihrer kriminalistischen Routine ausscheren – und die Schauspieler sich in Bestform präsentieren. Diese Abschiedsvorstellung von Harfouch hebt sich vom Vorausgegangenen deutlich ab. Man steht ein bisschen ratlos da, wenn man resümieren soll, wie die Charakterdarstellerin dem Berliner „Tatort“ gut getan hat oder auch nicht. Ihre Sonntagskrimi-Phase war mit sechs Folgen – und nur fünf Fällen, denn der Auftakt war eine Doppelfolge – nicht nur sehr kurz, sie war auch sehr blass. Diese Bonard, die damals ihren Lehrauftrag an der Polizeiakademie aufgegeben hatte, um zur Mordkommission des LKA zurückzukehren, hat in ihrer menschelnden, oft humorvollen Art zwar gut kontrastiert mit dem rational-analytischen, zwischen schroff und sensibel changierenden Karow. Die beiden haben sich trotz ihrer Verschiedenheit – gemeinsam ist ihnen ihre schnelle Auffassungsgabe – zusammengerauft; dennoch sind sie beim freundlichen Sie geblieben – was sich dann zum guten Schluss aber noch ändert. ..
Um ihr Privatleben ging es fast nie
Doch hat es Harfouch in den drei Jahren nicht wirklich geschafft, eine Farbe, einen Ton, der nachhallt, in den Hauptstadt-„Tatort“ zu bringen. Ganz im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Nina Rubin, kongenial verkörpert von Meret Becker, die Rubins Exzesse, ihre ungebremste Emotionalität ins Zuschauergedächtnis brannte. Bei Bonard war ihre Familie, ihr Ehemann nur bei ihrem Einstand im Frühjahr 2023 präsent – in der Doppelfolge „Nichts als die Wahrheit“, in der sie den Tod einer ehemaligen Studentin aufklären will und dabei mit Karow auf ein rechtes Netzwerk stößt. Danach, in „Am Tag der wandernden Seelen“ (2024), „Vier Leben“ und „Erika Mustermann“ (beide 2025), blieb die private Seite der sanften und doch eigenwilligen und hartnäckigen Ermittlerin weitgehend außen vor. Dass sie Mutter eines Sohnes ist, hatte man völlig vergessen. Insofern schließt sich ein Kreis, wenn in „Gefahrengebiet“ der sich um seine abgängige Frau sorgende Ehemann Kaya Kaymaz (Ercan Karacayli) ein paar kurze Szenen hat.
Überhaupt erfuhr man wenig Persönliches; höchstens, dass Bonard sich bei Stress an Schokolade vergreift und, wenn’s sein muss, diese auch auf dem Klo vertilgt. Im vorletzten Fall „Erika Mustermann“ schlich sie besorgniserregend kraftlos durch die Kulissen der fingierten Bundesdruckerei.
Schauspielerisch, so hatte man zuletzt den Eindruck, blieb Harfouch bei ihren Sonntagabend-Auftritten hinter ihren Möglichkeiten zurück. Insofern gilt der Dank Autorin und Regisseurin Mira Thiel, die sie – wie auch Waschke – zum Abschied aus der Reserve lockt. Sicherlich führt sie die 71-Jährige auch körperlich an ihre Grenzen, wenn sie diese angekleidet in einen herbstkalten See springen und tief abtauchen lässt. Zur Vorbereitung auf die Dreharbeiten habe Harfouch sich einem Survival-Training unterzogen, verrät Thiel.
Robert Karow formuliert es an einer Stelle so: „Sie ist eine gute Partnerin, aber manchmal weiß man von Anfang an, das ist nur auf Zeit, und das ist auch gut so.“ Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen.
Der Trailer zu „Gefahrengebiet“
Die Schauspieler des heutigen Tatorts
Susanne Bonard (Corinna Harfouch)
Robert Karow (Mark Waschke)
Prof. Dara Kimmerer (Anne Ratte-Polle)
Noah Farrell (Nils Kahnwald)
Edda Odin (Catherine Stoyan)
Gerichtsmedizinerin Jamila Marques (Cynthia Micas)
Nancy Bauer (Johanna Polley)
LKA-Beamtin Pham Thi Mai (Trang Le Hong)
Bonards Ehemann Kaya Kaymaz (Ercan Karacayli)
Staatsanwältin Sara Taghavi (Jasmin Tabatabai)
Schupo Salitter (Holger Kunkel)
Der Tatort in der Mediathek
In der ARD-Mediathek sind alle Tatort-Folgen sechs Monate lang als Stream verfügbar. Aus Jugendschutzgründen kann der Tatort nur zwischen 20 Uhr und 6 Uhr gestreamt werden.
Gleichzeitig zur TV-Ausstrahlung zeigt das Erste den aktuellen Tatort auch als Livestream: Hier geht es zur ARD-Mediathek
TV-Ausstrahlung: Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
Kurzes Gastspiel
AnkündigungCorinna Harfouch hatte in einem Interview schon 2024 verraten, dass sie insgesamt nur sechs Folgen für den RBB drehen wolle. Als Grund gab sie ihr fortgeschrittenes Alter an. Ihrer Meinung nach wäre es absurd, wenn sie mit 75 Jahren immer noch als Kommissarin Verbrecher jagen würde.
NachfolgeEine Nachfolgerin oder einen Nachfolger hat der RBB noch nicht bekannt gegeben. Geplant ist, dass Mark Waschke als Karow in einer Episode solo ermittelt, wie es auch nach dem Ausstieg von Meret Becker der Fall war. Danach soll es mit einem neuen Partner/einer neuen Partnerin weitergehen.
QuoteMit mehr als 8 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern und einem Marktanteil von 29 und 32 Prozent waren die Episoden „Tatort: Am Tag der wandernden Seelen“ und „Tatort: Erika Mustermann“ die erfolgreichsten Filme des Teams Bonard und Karow.
Sechs Folgen lang waren sie ein Team: Corinna Harfouch als Susanne Bonard und Mark Waschke als Robert Karow vor ihrem Kommissariat im ehemaligen Flughafen Tegel.
Zu Beginn von „Gefahrengebiet“ fällt Bonards Dienstausweis in eine Pfütze im Wald – kein gutes Omen.
Ihr letzter gemeinsamer Fall führt Susanne Bonard (Corinna Harfouch, re.) und Robert Karow (Mark Waschke, li.) zum Teufelsberg.
Dort wurde die Leiche eines Obdachlosen gefunden. Susanne Bonard (Corinna Harfouch, re.) und Robert Karow (Mark Waschke, li.) lassen sich Bericht erstatten von ihrem Kollegen Polizeihauptmeister Salitter (Holger Kunkel, mitte), der nach dem Notruf als Erster am Tatort war.
Susanne Bonard (Corinna Harfouch, re.) und Robert Karow (Mark Waschke, li.) werten die Spuren am Tatort aus, wo der tote Obdachlose im Wald entdeckt wurde.
Robert Karow (Mark Waschke, Bild) sieht sich in der Nähe des Tatorts an der ehemaligen Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg um.
Die Spaziergängerin Edda Odin (Catherine Stoyan, re.) erzählt Susanne Bonard (Corinna Harfouch, li.) und Robert Karow (Mark Waschke, Mitte), wie sie den Toten gefunden hat. Und von der Wölfin, die sie gesichtet hat, erzählt sie auch.
Der Wildniswanderer Noah Farrell (Nils Kahnwald, Bild) bricht seine Wanderung nach dem Aufeinandertreffen mit den Ermittlern ab.
Noah ist Kunde der Wildnislehrerin Dara Kimmerer (Anne Ratte-Polle, Bild) – die Professorin führt Menschen zu Selbsterfahrungszwecken auf Wildniswanderungen.
Nach einer unüberlegten Handlung lässt Susanne Bonard (Corinna Harfouch, li.) ihren Kollegen Karow einfach im Wald stehen und folgt der Wildnislehrerin (Anne Ratte-Polle, re.). Sie bittet sie, sie mit auf die Tour durch den Wald zu nehmen.
Karow muss also alleine klar kommen. Irgendwann taucht Susanne Bonards Ehemann Kaya Kaymaz (Ercan Karacayli, re.) im Kommissariat auf, da er seine Frau telefonisch nicht erreicht, doch Robert Karow (Mark Waschke, li.) kann und will ihm nichts sagen.
Auch Staatsanwältin Sara Taghavi (Jasmin Tabatabai, re.) befragt Robert Karow (Mark Waschke, li.) zum Verbleib seiner verschollenen Kollegin.
Gerichtsmedizinerin Jamila Marquez (Cynthia Micas, Mitte) weist Staatsanwältin Sara Taghavi (Jasmin Tabatabai, li.) und Kommissar Robert Karow (Mark Waschke, re.) auf die Frakturen am Kopf des Toten hin. Der Wolf als Täter ist damit aus dem Spiel. Auch stellt sich heraus, dass Bissspuren post mortem entstanden sind.
Robert Karow (Mark Waschke, re.) trifft den Wildniswanderer Noah Farrell (Nils Kahnwald) wieder. Der nimmt ihn mit in seinen Prepper-Bunker, wo sie die Nacht zusammen verbringen.
Susanne Bonard (Corinna Harfouch, Bild) hat es geschafft: Sie verbringt ihren letzten Tag im Dienst in der Mordkommission des LKA.