Songs, Nachtmusik, Waldklänge und Resilienz: Im Stuttgarter Theaterhaus hat das Eclat-Festival für neue Musik begonnen.
Die Eclat-Komponistin Kirsten Reese bei der Recherche
Von Susanne Benda
Warum singen Vögel in einem biodiversen Wald mehr als in einem artenarmen? Diese Frage ist so in einem musikalischen Werk wohl noch nie gestellt worden. Aber jetzt. In „Future Forest“ verbindet Kirsten Reese ökoakustische Aufnahmen von Naturgeräuschen mit instrumentalen Aktionen: Eingespieltes Vogelzwitschern und das mit Kontaktmikrofonen eingefangene Knarzen von Bäumen und Schaben kleiner Insekten treten, akustisch vergrößert, in den Dialog mit Klängen von Flöte, Oboe, Klarinette, Klavier, Streichinstrumenten und Schlagzeug. Sehr vorsichtig ertastet das Ensemble Recherche den Raum zwischen Natur und Kunst, schafft mal eine frappierende akustische Mimikry, mal einen effektvollen Kontrast. Schade nur, dass sich das Experiment mit der Zeit erschöpft. Und dass projizierte Textzeilen nicht nur die Hirne der Lauschenden übermäßig bombardieren, sondern am Ende auch noch allzu zeigefinger-didaktisch einherkommen.
Die Nacht ist nicht nur zum Träumen da
Immerhin trifft die Eingangsfrage ins Herz des alljährlichen Stuttgarter Neue-Musik-Festivals Eclat, das am Donnerstagabend begonnen hat. Diversität ist hier nämlich oberste Maxime, und so entfaltet sich noch bis zum Sonntag im Theaterhaus ein buntes Biotop der singenden, klingenden Vielfalt. Wer erleben will, wie die zeitgenössische Musik auf unsere immer diverser werdende Gegenwart reagiert, der wird hier fündig.
Zum Beispiel in Hans Thomallas „Nachtmusik“. Sieben Mitglieder des Ensembles LUX:NM sitzen verteilt im verdunkelten Raum, den mal flackernde, bunte Lampen, mal Stroboskoplicht, mal Neonröhren und mal auch sternartige kleine Pünktchen an der Decke erhellen. Das musikalische Material besteht aus zahlreichen Wiederholungen von Tonleitern, Terzen, verhaltenen Akzenten des Schlagzeugs; der Puls ist extrem langsam, die Tonalität fast ungestört. Man gleitet hinein in die Nacht. Und gerät bei der Frage, ob dies nun bloß retro und eskapistisch ist, dann doch ins Grübeln. Denn die Nacht ist hier nicht nur zum Träumen und Schlafen da, sondern fordert ein differenziertes Hören ein, das wirkt wie eine Mahnung: Bleibt wach!
Die Kraft des gemeinsamen Zuhörens
Direkter formuliert dies Andreas Eduardo Franks multimediale Performance „Hear it coming“. Dort generieren von der Decke hängende Lautsprecher unterschiedliche Hör-Situationen und -Perspektiven. Die Sopranistin Sarah Maria Sun, der Saxofonist Marcus Weiss, Uli Fussenegger am Kontrabass und die Schlagzeugerin Jeanne Larouturou bewegen sich ständig durch den Saal, der Komponist selbst sitzt am Synthesizer, das SWR-Experimentalstudio vervielfacht und verwandelt das live Produzierte auf oft kaum glaubliche Weise, und das Publikum ist herausgefordert, inmitten der vielfältigen, auch mit Momenten von Pop und Rock durchsetzten Beschallung einen eigenen Standort und einen Umgang mit dem Gefühl des Ausgesetztseins zu finden. Die Kraft des gemeinsamen Zuhörens, um die es dabei auch geht, erlebt man auch deshalb sehr stark, weil die Interpreten sich hochvirtuos durch den musikalischen Kosmos bewegen. Ein grandioses Experiment!