Alarmierende Studie

Das sind die Worst-Case-Szenarien in einer um zwei Grad wärmeren Welt

Schon bei zwei Grad Erwärmung können Dürren und Starkregen extremer ausfallen als bislang angenommen. Was neue Klimasimulationen dazu zeigen. Und das für die Zukunft der menschheit bedeutet.

Das sind die Worst-Case-Szenarien in einer um zwei Grad wärmeren Welt

Starkregen und Dürren nehmen durch den Klimawandel dramatisch zu – und mittendrin sitzt der Mensch, der die selbst verursachte Erderwärmung ausbaden muss.

Von Markus Brauer/dpa

„Wir befinden uns im Jahre 50 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ Mit diesen Worten beginnt jeder Asterix-Band (mit Ausnahme des 2017 erschienenen Albums „Asterix in Italien“).

Übersetzt in die Sprache der Klimatologie würde diese legendäre Comic-Intro so lauten:

„Wir befinden uns im Jahr 2100 nach Christus. Die ganze Erde ist vom Klimawandel betroffen. Die ganze Erde? Nein! Einige von Klimaleugnern bevölkerten Eilande hören nicht auf, der Erderwärmung Widerstand zu leisten.“

Lustig? In naher Zukunft ist Schluss mit lustig! Dann wird’s ernst – wie eine neue Analyse von Klimamodellen durch ein Leipziger Forscherteam zeigt. Deren Ergebnis ist alarmierend: Schon bei zwei Grad Erwärmung könnten die Worst-Case-Szenarien schlimmer ausfallen als die erwartbaren Szenarien bei drei oder sogar vier Grad Erwärmung.

Schon zwei Grad mehr könnten verhängnisvoll sein

Eine Studie unter Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig zeigt jedoch, dass diese Annahme zu kurz greift.

 Denn auch eine moderate Erwärmung von 2 Grad Celsius könnte erhebliche Klimarisiken für Sektoren mit besonderer gesellschaftlicher und ökologischer Bedeutung mit sich bringen, etwa Starkniederschläge in dicht besiedelten Regionen, Dürren in wichtigen Agrargebieten und extreme Feuerwetterbedingungen in Wäldern.

Die Studie ist im Fachjournal „Nature“ erschienen.

"Limiting warming to 2C above pre-industrial temperatures may not be enough to prevent “extreme global climate outcomes”, according to new research..." All the latest global #climatecrisis news here:https://t.co/GWiHQGUrmt — ClimateAndEconomy (@EconomyClimate) March 26, 2026

Erhebliche Unsicherheiten bei Klimasimulationen

Weil Klimamodelle immer noch erhebliche Unsicherheiten aufweisen, lässt sich nicht ausschließen, dass sich das Klima dramatischer entwickelt als erwartet.

„Im Sinne einer verantwortungsvollen Risikobewertung sollten wir deshalb über die wahrscheinlichsten Entwicklungen hinausblicken und auch extreme Szenarien berücksichtigen, die schwerwiegende gesellschaftliche oder ökologische Folgen haben könnten“, sagt UFZ-Klimaforscher Emanuele Bevacqua.

Weniger Erwärmung, mehr Folgen

Bislang wurden diese extremen, globalen Worst-Case-Szenarien in der Regel anhand der Durchschnittswerte vieler Klimamodelle bei hohen Erwärmungsniveaus von 3 oder 4 Grad Celsius beschrieben. Dieser Ansatz berücksichtigt jedoch nicht, dass selbst bei moderaten Erwärmungsniveaus einzelne Klimaprojektionen für bestimmte Regionen sehr gravierend ausfallen können.

Zudem sei das Wetter in benachbarten Regionen stark korreliert – also miteinander in Verbindung steht, während es dies mit dem Wetter in weit entfernten Regionen weitgehend nicht tue.

„Das erschwert es, aus lokalen Unsicherheitsabschätzungen Rückschlüsse auf globale Risiken zu ziehen“, erklärt Co-Autor Jakob Zscheischler, Klimaforscher am UFZ und Professor für Data Analytics in Hydro Sciences an der Technischen Universität Dresden (TUD).

Mehrere Klimafaktoren miteinander verglichen

Die Forscher wählten daher für ihre Studie einen neuen Ansatz: Sie identifizierten sektorspezifische Treiber wie etwa Niederschlagsextreme oder Dürren sowie Regionen, in denen die vulnerablen (störanfälligen) Sektoren Wald, Landwirtschaft oder dicht besiedelte Regionen vorhanden sind.

Deren Kombination ermöglicht es, Klimaveränderungen dort zu untersuchen, wo sie für bestimmte globale Risiken besonders relevant sind. So analysierten sie beispielsweise Starkniederschläge in dicht besiedelten Regionen, Dürren in globalen Agrarflächen und das Feuerrisiko in Wäldern.

Dafür werteten sie globale Simulationen vieler Klimamodelle aus, die auch die Grundlage für die Berichte des Weltklimarats (IPCC) bilden. Auf diese Weise konnten sie jene Modellprojektionen identifizieren, die im Vergleich die stärksten (Worst-Case) beziehungsweise die geringsten (Best-Case) Auswirkungen zeigen – jeweils bezogen auf den untersuchten Sektor.

Das Ergebnis: Für jeden der drei untersuchten globalen Bereiche (starke Regenfälle in dicht besiedelten Regionen, Dürren in globalen Agrarregionen, Brandgefahr in Wäldern) zeigen einzelne Klimamodell-Projektionen bei einer Erwärmung von 2 Grad deutlich stärkere Veränderungen als die durchschnittliche Veränderung über alle Modelle hinweg bei 3 oder sogar 4 Grad.

Klimaprognosen werden übertroffen

Besonders deutlich wird dies beispielsweise im Bereich der Ernährungssicherheit und damit in Anbauregionen, die einen großen Teil der weltweiten Produktion von Mais, Weizen, Soja und Reis abdecken. Hier zeigen die Klimamodelle sehr große Unterschiede:

Je nach Modell kann die Häufigkeit von Dürren bei 2 Grad Erwärmung unverändert bleiben – oder um mehr als 50 Prozent zunehmen. „10 der 42 untersuchten Modelle liefern bei 2 Grad Ergebnisse, die deutlich über dem Modellmittel bei 4 Grad Erwärmung liegen“, berichtet Emanuele Bevacqua.

Das Risiko von Dürren in global wichtigen Anbauregionen ist somit deutlich höher, als es eine Analyse der Durchschnittswerte erwarten ließe.

Auch in den Bereichen „Starkniederschläge in dicht besiedelten Regionen“ und „extreme Feuerwetterbedingungen in Waldgebieten“ zeigen die Worst-Case-Modelle bei 2 Grad Klimatrends, welche die durchschnittlichen Veränderungen bei einer Erwärmung um 3 Grad übertreffen.

Falsches Sicherheitsgefühl

Die große Spannbreite der Ergebnisse ist vor allem auf die Unterschiede zwischen den Klimamodellen zurückzuführen, nicht auf natürliche Klimaschwankungen.

„Da die Projektionen mit Unsicherheiten behaftet sind, sind extreme Klimaentwicklungen selbst bei einer globalen Erwärmung um 2 Grad möglich und werden häufig unterschätzt, wenn der Fokus auf Modell-Mittelwerten liegt. Diese Orientierung an Durchschnittswerten kann zu einem falschen Sicherheitsgefühl beitragen“, warnt Emanuele Bevacqua.

Eine moderate globale Erwärmung ist daher keine Garantie für moderate Auswirkungen. Zugleich warnen die UFZ-Forscher vor Fehlinterpretationen: „Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass eine 2-Grad-Erwärmung insgesamt so gravierend wäre wie eine deutlich stärkere Erwärmung“, sagt Jakob Zscheischler.

Vielmehr zeigten sie, dass extreme Auswirkungen in besonders verwundbaren oder gesellschaftlich wichtigen Sektoren auch bei einer moderaten Erwärmung von 2 Grad auftreten könnten.

Erderwärmung um 2,8 Grad wahrscheinlich

In einem „Nature“-Kommentar weist Rachel Warren von der britischen University of East Anglia in Norwich darauf hin, dass derzeit geplante Maßnahmen gegen den Klimawandel vermutlich zu einer Erderwärmung um 2,8 Grad führen werden.

„Die Studie veranschaulicht deutlich, dass extreme Änderungen - wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit - selbst bei einer Erwärmung von “nur“ zwei Grad nicht mehr auszuschließen sind“, sagt der Klimaforscher Douglas Maraun von der Universität Graz, der nicht an der Studie beteiligt war. „Diese Worst-Case-Änderungen könnten so stark sein, dass sie in etwa den erwarteten Änderungen einer vier Grad wärmeren Welt entsprechen.“

Risikoabschätzungen und die Planung von Anpassungsmaßnahmen könnten zu kurz greifen, wenn sie lediglich auf den wahrscheinlichsten Bereich klimatischer Änderungen ausgelegt würden, sagt Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

Carl-Friedrich Schleussner vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg (Österreich) hält die Studie für einen wichtigen Beitrag zur Klimawandelforschung. Er fordert politisches Handeln: „Die Studie sollte ein Weckruf sein, dass dringendes Umsteuern erforderlich ist.“