Selbst wenn der Iran-Krieg bald endet, wird die Region schwer an den Folgen zu tragen haben, kommentiert unser Korrespondent Thomas Seibert.
Das Regime in Teheran gibt sich nicht geschlagen.
Von Thomas Seibert
Die Welt werde nach dem Iran-Krieg sicherer sein, verspricht die Regierung von US-Präsident Donald Trump. Das Gegenteil zeichnet sich ab. Die Theokratie im Iran hält den Angriffen bisher stand, teilt weiter gegen Israel und die arabischen Staaten aus und setzt darauf, dass den Gegnern die Abwehrwaffen schneller ausgehen als ihrem Militär die Raketen und Drohnen. US-Generäle zollen den Iranern Respekt.
Anders als von Trump und dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu erwartet, gibt es keinen Aufstand gegen das Regime. Wenn die Führung den Krieg übersteht, wird sie sich trotz der schweren Verwüstungen und der vielen Toten als Siegerin sehen. Das würde den Iran für die anderen Nahost-Staaten noch gefährlicher machen, als er es vor dem Krieg schon war.
Hardliner in Teheran fühlen sich stark und dürften Lehren aus dem bisherigen Kriegsverlauf ziehen. Erstens: Verhandlungen mit dem Westen über das iranische Atomprogramm sind sinnlos, zumindest so lange, wie Trump im Weißen Haus sitzt. Schließlich haben die USA und Israel den Iran zweimal während laufender Gespräche angegriffen. Die zweite Lehre aus iranischer Sicht ist die Erkenntnis, dass ein riesiges Arsenal an Raketen und Drohnen selbst gegen die modernsten Streitkräfte der Welt wirksam ist. Der Iran wird daher nicht ab-, sondern weiter aufrüsten.
Die dritte Lehre lautet, dass sich Angriffe auf die Golf-Staaten lohnen. Teheran kann damit den militärischen und politischen Druck erhöhen, ohne dass die arabischen Staaten zurückschlagen. Das werden sich die iranischen Strategen für den nächsten Konflikt merken.
Radikale Kräfte werden erstarken, Rivalitäten zunehmen
Nach dem Krieg werden radikale Kräfte im iranischen Staatsapparat wieder daran gehen, den Nahen Osten für Israel und die USA so gefährlich zu machen wie möglich. Schon vor dem Krieg forderten einige iranische Politiker die Entwicklung von Atomwaffen, um das Land gegen den Westen zu schützen.
Israel dürfte auch nach diesem Krieg immer wieder im Iran zuschlagen, ob nun mit den USA oder ohne sie. Netanjahu will das Regime in Teheran zerstören und wird dieses Ziel weiterverfolgen. Die Rivalität zwischen Israel und der Türkei wird zunehmen, weil sich Jerusalem und Ankara gegenseitig im Verdacht haben, die ganze Region beherrschen zu wollen.
Auch im Verhältnis zwischen den arabischen Staaten und den USA wird nichts mehr sein wie zuvor. Trump hat seine Verbündeten am Golf zu Opfern eines Krieges gemacht, den sie nicht wollten und der sie wirtschaftlich um Jahre zurückwirft. Die USA werden sich nach Kriegsende aus der Region zurückziehen, doch den Arabern bleibt ein aggressiver Iran als Nachbar. Der Schock darüber, dass Israel voriges Jahr in Katar angriff, ohne dass die USA das verhinderten, sitzt zudem tief. Wenn der Iran nach der Atombombe greift, werden die arabischen Staaten und die Türkei nachziehen: In der Krisenregion droht ein atomares Wettrüsten.
Weniger Sendungsbewusstsein, ähnliche Aggressivität
Selbst wenn das iranische Regime zusammenbrechen sollte, würden die Aussichten für den Nahen Osten nicht automatisch besser. Am wahrscheinlichsten wäre nach einem Sturz der Theokratie die Errichtung einer Militärdiktatur der Revolutionsgarde, die vielleicht weniger religiöses Sendungsbewusstsein hätte, aber sicher nicht friedlicher wäre als die Islamische Republik. Ein Bürgerkrieg im Iran mit seinen 90 Millionen Menschen würde nicht nur den Nahen Osten destabilisieren, sondern auch die benachbarte Atommacht Pakistan.
Trump und Netanjahu hatten sich den Iran-Feldzug als Spaziergang vorgestellt. Doch der Krieg wird zum Horrortrip.