Krim unter Beschuss

Der Krieg verdirbt vielen Russen den Urlaub

Die Ukraine nimmt die besetzte Halbinsel ins Visier und erzielt zahlreiche Wirkungstreffer. Auch US-Unternehmen sind an den Angriffen wohl beteiligt.

Der Krieg verdirbt vielen Russen den Urlaub

Eine ukrainische Drohne hat das Panorama-Museum in Sevastopol in Brand gesetzt.

Von Christian Gottschalk

Verglichen mit dem deutschen Glutofen ist es in Jalta gerade ziemlich angenehm. 28 Grad, eine schwache Brise, perfektes Badewetter. Mit einem Wort: Hochsaison, erst recht nach dem Beginn der russischen Sommerferien am 1. Juni. Eigentlich. Nun hat der Gouverneur der Halbinsel im Schwarzen Meer einen drastischen Schritt gewählt. Alle Ferienlager wurden geschlossen, der Tourismus ausgesetzt, erst einmal bis zum 1. September, dem Tag, an dem die Schule wieder los geht in Russland. Sergej Aksjonow begründete diese Maßnahmen mit der öffentlichen Sicherheit, die gewahrt werden müsse.

Ohne Benzin geht gar nichts mehr

Die Ukraine versucht seit Wochen, mit zunehmenden Angriffen die von Russland besetzte Krim von der Versorgung abzuschneiden, zunehmend mit Erfolg. Auf der Halbinsel gibt es inzwischen eine veritable Sprit-Krise. Die von Moskau eingesetzten Behörden informierten zu Beginn der Woche, dass sich die Kraftstofflieferungen weiter verzögerten. Eine geplante Zuteilung von Benzin und Diesel für Autofahrer musste abgesagt werden. Ohne Kraftstoff geht allerdings nichts. Weder für Einheimische, erst recht nicht für Touristen. Der ganz überwiegende Großteil der Besucher kommt aus Russland auf die Krim, weit mehr als 80 Prozent von ihnen mit dem Auto. Die Krise hat dazu geführt, dass schon vor dem offiziellen Tourismus-Ende durch die Behörden zahlreiche Besucher eine Storno-Meldung geschickt hatten. Ukrainische Drohnen zeigen inzwischen nicht nur den Menschen in Moskau, dass sich ihr Land in einem Krieg befindet – er verdirbt jetzt auch Hunderttausenden von Russen die Urlaubsfreude.

Inzwischen ist auch der Zugang zur Krim gesperrt. Die Krim-Brücke zwischen Kertsch und dem russischen Festland ist für Autos tabu. Kiew meldete am Dienstag, dass Teile der russischen Luftabwehr an der Brücke getroffen worden seien. Weitere Angriffe stünden bevor. Die Krim werde durch Drohnenangriffe weiter isoliert, sagte der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. „Aus der Halbinsel wird eine Insel“. Auch der Hafen Kawkas auf der russischen Seite der Straße von Kertsch soll bei Angriffen getroffen worden sein, Russland zufolge gab es bei den Attacken insgesamt mehr als zehn Tote.

Die Attacken auf die Krim haben aber weit größere Bedeutung als das vorläufige Ende der dortigen Tourismusindustrie. „Fällt die Krim, fällt auch der Krieg in sich zusammen“, sagt der Militäranalyst Andreas Rapp dem „Tagesspiegel“. Die Halbinsel habe eine zentrale Funktion als Aufmarschgebiet und Logistikknoten für die russischen Angriffe in der Südukraine. bereits vor drei Jahren hatte die Ukraine versucht, die seit 2014 von Russland besetzte Halbinsel durch massive Angriffe zu isolieren. Damals scheiterte das Vorhaben, damals wurden allerdings noch keine Drohnen eingesetzt. Man sei mit dem Krieg nun „endgültig im 21. Jahrhundert angekommen“, analysiert der österreichische Oberst Markus Reisner auf dem Sender n.tv.

US-Unternehmen mischen mit

Der Militärexperte, der durch seine Analysen des Ukraine-Krieges bekannt wurde, sieht viel US-amerikanische Technik hinter den Erfolgreichen Angriffen der Ukraine. Oft fungiere eine erste Drohnenwelle als Köder für die russischen Flugabwehrsysteme, um deren Standorte zu erkennen. Eine zweite Drohnenwelle schalte die Abwehrsysteme dann aus, damit die dritte Welle die Ziele trifft, so Reisner. Der ganze Prozess ist KI-unterstützt, Unternehmen wie Palantir oder Investoren wie Eric Schmidt, der langjährige Google-Chef, seien daran beteiligt.

Ende vergangener Woche hatte die Ukraine ihren bis dato größten Gegenangriff auf Moskau und Ziele in weiter entfernten Regionen gestartet. Dabei wurde unter anderem eine Ölraffinerie in der Nähe der russischen Hauptstadt getroffen. Nach Informationen der britischen Zeitung „Guardian“ hat Russland nun Luftverteidigungssysteme von der Front abziehen müssen, um die heimische Ölindustrie vor weiteren Angriffen dieser Art zu schützen.