FDP im Europaparlament

Der letzte FDP-Abgeordnete

Andreas Glück ist der letzte Parlamentarier, den die FDP im Südwesten noch hat. Nun will der Europapolitiker im Land mitmischen.

Der letzte FDP-Abgeordnete

Andreas Glück kandidiert für den FDP-Landesvorsitz.

Von Theo Westermann

Nein, den Begriff mag er gar nicht. Er sehe sich nicht als „letzten Mohikaner der FDP Baden-Württemberg“, sagt Andreas Glück auf eine entsprechende Nachfrage. „Da würde man ganz vielen Mandatsträgern der FDP unrecht tun“, betont der FDP-Europaabgeordnete und verweist auf die kommunale Verankerung der FDP im Südwesten, auf die vielen örtlichen Mandatsträger und Bürgermeister. Aber er sei natürlich der letzte Parlamentarier, den die FDP im Südwesten hat – nach dem Ausscheiden aus dem Landtag im März 2026 und dem Scheitern bei der Bundestagswahl im Februar 2025.

Glück steht im Europaparlament in Straßburg in einem für Abgeordnete und Mitarbeiter zugänglichen Café mit schönem Blick auf das Flüsschen Ill zum Gespräch bereit, es ist Sitzungswoche. Soeben rücken die Kamerateams ab, am Dienstag war dem Parlament weltweite Aufmerksamkeit gewiss. Es hat dafür gestimmt, die Zollvereinbarung zwischen der EU und den USA vom vergangenen Jahr umzusetzen.

Man schätzt seine verbindliche Art

Die Weltpolitik ist das eine, das andere die Zukunft der FDP: Welche Rolle Andreas Glück für sich in der Südwest-FDP sieht und wie er sich einbringen will, diese Fragen muss man dem 51-jährigen Liberalen aber nicht mehr stellen – denn er hat sie aktuell selbst beantwortet. Vor wenigen Tagen teilte er via Instagram mit, dass er sich um den FDP-Landesvorsitz bewerbe. Er tat dies mit dem ihm eigenen Humor, in dem er in einem kurzen Video einen Hut in einen Ring warf. Am Wochenende wurde er vom einflussreichen Stuttgarter FDP-Bezirksverband nominiert, inzwischen folgten die Bezirke Südbaden und Nordschwarzwald. Viele in der Landespartei schätzen seine offene und verbindliche Art.

Viele Parteifreunde hätten ihn angesprochen, ihn aufgefordert, zu kandidieren, berichtet Glück. „Ich mache meiner Partei ein Angebot.“ Von all den Unkenrufen über die Zukunft der FDP will er sich nicht beeindrucken lassen. „Wir Liberale haben den Glauben, dass das Beste noch vor uns liegt.“

Bisher hat nur ein weiteres Mitglied, der 29-jährige Sean Braun von Stumm aus Karlsruhe, ebenfalls seine Kandidatur erklärt. Die Südwest-FDP will im Juli einen Mitgliederentscheid ansetzen, wenn es mehrere Kandidaten gibt. Ein Parteitag im September vollzieht dann den Wechsel. Sollte Glück gewählt werden, wäre er der Nachfolger von Hans-Ulrich Rülke, der nach dem Wahldebakel das Ende seiner politischen Laufbahn verkündete.

Bodenhaftung behalten

Andreas Glück, von Beruf Arzt, stammt aus einer liberalen Politikerfamilie. Sein Vater, Horst Glück, war ebenfalls Arzt und von 1996 bis zu seinem Tod 2004 Landtagsabgeordneter der FDP im Wahlkreis Hechingen-Münsingen. Sein Sohn war wie der Vater zunächst Gemeinderat in Münsingen, trat 2011 im selben Wahlkreis zur Landtagswahl an und wurde gewählt, 2016 zum zweiten Mal. 2019 kandidierte er erfolgreich für das Europaparlament und schied aus dem Landtag aus. Seit 2019 ist Glück Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie seit 2022 stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. 2024 gelang ihm erneut der Einzug ins Europaparlament, er ist einer von fünf Abgeordneten der FDP.

Seit 2019 macht Glück den Spagat zwischen Brüssel, Straßburg und dem heimischen Münsingen auf der Schwäbischen Alb, wo er mit seiner Familie lebt. Dass er daheim verortet ist, vom Leben jenseits der Politik etwas mitbekommt, ist ihm wichtig. So arbeitet er immer noch mehrere Stunden pro Woche in Teilzeit als Facharzt für Chirurgie in der Albklinik Münsingen. „Die Arbeit als Arzt ist der Garant dafür, dass ich in der Politik mit den Füßen auf dem Boden bleibe.“ Und er spüre dort zudem die Auswirkungen des eigenen Handelns. Bis heute ist er auch begeisterter Motorradfahrer, wenn ihm die Zeit dafür bleibt.

Am besagten Dienstag gibt es in Straßburg im Europaparlament mit dem Zolldeal große Weltpolitik. Doch oft geht es auch um Klein-Klein, um höchst bürokratische Fragen. Deshalb sagt der Liberale Glück offen: „Ich bin ein Europakritiker, aber nicht mit dem Ziel, die EU zu zerstören, sondern um sie besser zu machen.“ Bei manchen Themen, die eben besser vor Ort entschieden würden, könne sich Europa auch zurückziehen. Bei anderen Themen müsse Europa stärker werden. Stichwort Zolldeal: „Internationale Beziehungen und Handelspolitik sind genau die Bereiche, wo Europa die Hosen anhaben muss.“

Zurück zur Innenpolitik: Aus den desaströsen Niederlagen der FDP will Glück lernen. „Wenn man solche Wahlniederlagen hinzunehmen hat, tut man gut daran, einfach mal den Mund zu halten und dem Bürger zuzuhören.“ Man müsse sich als FDP die Frage stellen, „braucht man uns, und wenn ja, warum? Darauf darf es keine abstrakten Antworten geben“. Das Thema Wirtschaft steht für ihn dabei ganz vorne. „Ich bin überzeugt, dass es ein zentrales Thema der Liberalen ist.“ Auch wenn man es vielleicht bisher nicht ausreichend sympathisch rübergebracht habe.

Mit ihm würde die FDP Baden-Württemberg auf „bewährtem Kurs“ fahren, aber „dennoch anders“, so Glück. Es gehe auch nicht um ihn selbst. Ein Teil seiner Motivation: „Es hat mich erschreckt, wie wenig andere Parteien bereit sind, das Motiv aus Freiheit und Verantwortung ins Parlament zu tragen.“