Südwestunternehmen hoffen auf Aufbruch. Die Industriemesse in Hannover soll wieder Impulse, neue Kunden und Geschäfte bringen.
Der Esslinger Automatisierungsspezialist Festo sorgte 2019 mit einem bionischen Arm für Furore.
Von Ulrich Schreyer
Die unsicheren Zeiten setzen auch der Industriemesse in Hannover zu. Etwa 3500 Aussteller werden von diesem Montag an auf der weltweit wichtigsten Industrieschau vertreten sein – etwa 500 weniger als noch vor einem Jahr. Auch mit einer Prognose zur erwarteten Besucherzahl ist die Messe zurückhalten. Letztes Jahr konnten noch 127 000 Gäste gezählt werden. „Wir erwarten auf jeden Fall mehr als 100 000 Besucher“, heißt es jetzt vorsichtig seitens der Veranstalter.
Internationale Strahlkraft bleibt die größte Stärke der Messe
Dennoch blicken Unternehmen aus dem Südwesten optimistisch bis hoffnungsvoll auf die Messe. Die Zeiten seien bekanntermaßen unsicher, meint Matthias Lapp, der Chef des Stuttgarter Spezialkabelherstellers Lapp (5700 Beschäftigte, 1,93 Milliarden Euro Umsatz). Lapp gehört zu den rund 200 Ausstellern aus dem Südwesten. Der Firmenchef hat „die Hoffnung, dass wir auf der Messe dieses Jahr trotz allem auch echte Aufbruchstimmung spüren“. Die internationale Strahlkraft bleibe die große Stärke der Messe, nirgendwo sonst komme Lapp mit derart vielen Kunden aus aller Welt ins Gespräch. Abschlüsse würden dagegen eher auf Fachmessen getätigt. Den Interessenten zeigt Lapp in Hannover Spezialkabel für Roboter, die „millionenfach gebogen und verdreht werden können, ohne kaputtzugehen“, wie es bei dem Unternehmen heißt. Den eigenen Stand jedenfalls habe man gegenüber dem vergangenen Jahr nochmals „ein gutes Stück vergrößert“.
Start-ups und Wissenschaft arbeiten zusammen
Im Wesentlichen gehe es an der Leine um neue Kontakte, meint auch Susanne Herre, die Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart. Kontakte in Hannover könnten auch Autozulieferern helfen, neue Kunden zu finden, „vielleicht sogar außerhalb der klassischen Autoindustrie“. Die Messe sei mehr als nur eine traditionsreiche Industrieausstellung, meint Dietrich Birk, der Geschäftsführer des Maschinenbauverbandes VDMA in Baden-Württemberg. So bringe etwa die „Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg“ am Stand des VDMA Maschinenbauer, Start-ups und die Wissenschaft zusammen. Dabei gehe es unter anderem um die industrielle Anwendung von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz.
EBM-Papst setzt auf digitale Effizienz
Der Ventilatoren und Motorenhersteller EBM-Papst aus dem hohenlohischen Mulfingen (13 500 Beschäftigte, 2,1 Milliarden Euro Umsatz) hofft auf einen intensiven Austausch über Digitalisierung und Effizienzsteigerungen in der Luft- und Klimatechnik. „Digitale Effizienz ist ein zentraler Hebel für Industrie, Gebäude und Rechenzentren“, sagt Klaus Geißdörfer, der Vorsitzende der Geschäftsführung. Mit einer von KI unterstützten Plattform zur Optimierung von Lüftungs- und Kühlsystemen unter dem Namen Nexaira, die in Hannover präsentiert wird, könnten bis zu 50 Prozent der Energie eingespart werden. Ein deutliches Wachstum sieht das Unternehmen besonders im Geschäft mit der Kühlung von Rechenzentren. Sparen kann auch die Messe selbst: Für diese nämlich wurde ein solches System schon vor Beginn der Industrieschau installiert. Da man glaubt, die Messe habe sich gut entwickelt, stellt EBM-Papst dieses Jahr wieder aus. Im vergangenen Jahr hatten die Hohenloher auf eine Teilnahme verzichtet.
Unternehmen lassen sich von positiver Sicht anstecken
Der Ventilatoren- und Motorenhersteller Ziehl-Abegg aus Künzelsau (5800 Beschäftigte, gut eine Milliarde Euro Umsatz) will auch „andere Unternehmen mit unserer positiven Sicht auf das laufende Jahr anstecken“, wie der Vorstandsvorsitzende Joachim Ley erklärt. „Wir sind für unser Unternehmen noch positiver gestimmt als vor einem Jahr“, sagt Ley. Seinen Stand jedenfalls hat das Unternehmen schon mal von 195 auf 264 Quadratmeter vergrößert. Und gezeigt werden soll dort auch, was niemand sonst hat: Der weltweit erste Aufzugsmotor ohne seltene Erden.
Auch der Automatisierungsspezialist Festo (20 600 Mitarbeitende, 3,45 Milliarden Euro Umsatz) aus Esslingen ist dieses Jahr wieder mit von der Partie. Gerade die aktuellen Entwicklungen zeigten, wie wichtig „stabile Wirtschaftsbeziehungen und belastbare Partnerschaften sind“, heißt es bei Festo. Der eigene Stand hat eine Fläche von 930 Quadratmetern und gehört damit zu den größeren, ist aber gegen über dem Vorjahr „merklich kompakter“.
Das Partnerland Brasilien ist mit 160 Ausstellern vertreten
Dass Brasilien, das Partnerland der Messe, in diesem Jahr mit mehr als 160 Ausstellern vertreten ist biete auch Unternehmen aus dem Südwesten „einen breiten Zugang zu einem dynamisch wachsenden Industriemarkt“, meint VDMA-Geschäftsführer Birk. „Brasilien ist für uns ein aufstrebender Markt“, freut sich der Ziehl-Abegg-Chef Ley, Ähnliches teilt EBM-Papst mit. Bei Lapp heißt es dazu, „im vergangenen Geschäftsjahr sind wir dort deutlich zweistellig gewachsen“.
Erstmals ist auf der Messe in diesem Jahr der Bereich Verteidigung vertreten. Dort stellen etwa 40 Unternehmen auf 1200 Quadratmetern aus – die Fläche ist nicht sehr viel größer als der Stand von Festo allein. Unternehmen wie Ziehl-Abegg, EBM-Papst und Lapp sagen unisono, für sie spiele dieses neue Messethema keine Rolle. Für andere könnte es aber durchaus interessant werden. „Es ist gut, dass die Hannover Messe auch im Bereich Defence aktiv geworden ist“, meint Susanne Herre, „für Unternehmen kann dies eine Chance sein, neue Geschäftsfelder zu erschließen“.