VfB und Politik

Die Geschichte lehrt: Nur ein Roter taugt zum Landesvater

Wer in Baden-Württemberg Ministerpräsident werden möchte, muss VfB-Fan sein. Das wissen auch die Kandidaten. Der einzige Bayern-Fan in der Historie des Landes bestätigt die Regel.

Die Geschichte lehrt: Nur ein Roter taugt zum Landesvater

Im Fanblock des VfB Stuttgart fühlt sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann wohl.

Von Eberhard Wein

Der CDU-Mann Manuel Hagel wird nicht müde, sich als Fan des VfB Stuttgart zu bezeichnen. Der Grüne Cem Özdemir hat sogar eine Dauerkarte und war schon als Aufsichtsrat und als Präsident im Gespräch. Beide Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten bei der Landtagswahl am 8.März wissen: Ohne VfB-Parteibuch geht es nicht in die Villa Reitzenstein.

Trotz der Bundesliga-Konkurrenz in Baden und auf der Ostalb ist der VfB der unumstrittene Baden-Württemberg-Verein. Das wussten alle bisherigen Ministerpräsidenten seit der Gründung des Südweststaats im Jahr 1952. Dafür braucht der VfB den Namen des Bundeslandes – anders als ein konkurrierender Großverein aus München – nicht einmal im Namen führen.

Kretschmann hat das VfB-T-Shirt immer griffbereit

Nicht taktisch, sondern emotional ist die Verbindung des aktuellen Ministerpräsidenten (seit 2011) zu den Männern mit dem Brustring. Seit Kindesbeinen hält Winfried Kretschmann (Grüne) es mit dem VfB. Etwas anderes wäre in seinem Elternhaus auch nicht geduldet worden, sagte er einmal. Ein VfB-Shirt hat er immer griffbereit im Kofferraum seiner Dienstlimousine. Wenn den Bayern so richtig „die Lederhosen ausgezogen“ werden, freut er sich aber auch mit anderen Vereinen. Bei einem Gastspiel des VfB in Hoffenheim von TSG-Mäzen Dietmar Hopp befragt, wem er denn die Daumen drücke, sagte er unumwunden: wenn Hoffenheim ein Tor schieße, sei das auch recht, aber gewinnen solle natürlich „schon der VfB“.

Auch der aus Pforzheim stammende Vorgänger Stefan Mappus (CDU, 2010 bis 2011) zeigte sich immer gerne in der Mercedes-Benz-Arena. Allerdings fuhr er auch regelmäßig nach München. Er habe Sympathien für die Bayern, gab er einmal zu, unterstütze aber natürlich mit ganzem Herzen den „FC Baden-Württemberg“. Insider wissen es besser: Mappus ist eingefleischter Bayern-Fan seit frühester Jugend, was die Eingangsthese im Anbetracht seiner kurzen Amtszeit aber eher bestätigt. Ohne VfB im Herzen konnte er sich auf dem Chefsessel des Landes nicht lange halten. Da half auch nicht seine Vorliebe für Fußballvergleiche: Politik brauche eine „klare Aufstellung“ und Erfolg sei „nur als Mannschaft möglich“, lautete sein Credo. Blickt man auf seine Amtszeit, scheiterte er wohl eher an äußeren Einflüssen und individuellen Fehlern.

Als Oettinger einen blauen Schal trug

Günther Oettinger (CDU, 2005 bis 2010) wurde einmal bei einem Landesderby in Karlsruhe mit KSC-Schal abgelichtet. Das Foto war Anlass, an der VfB-Treue des Ditzingers zu zweifeln. Dabei trug der Ministerpräsident das blaue Stück Wolle wohl nur aus Höflichkeit und für den Landesproporz. Sein damals halbwüchsiger Sohn, mit dem er das Stadion besuchte, durfte natürlich im VfB-Schal jubeln. Eine gewisse Tendenz zum VfB-typischen Bruddler lässt sich bei Oettinger ebenfalls erkennen. Als der Verein 2023 in der Krise steckte, diente er ihm – damals längst Privatier – als Negativschablone: Die Region Stuttgart müsse „besser werden, als es der VfB derzeit ist – exzellent!“, erklärte er in einem Interview.

Als Schwabe aus dem Süden des Landes hatte Erwin Teufel (CDU, 1991 bis 2005) kein so inniges Verhältnis zum VfB. Trotzdem wird er in Medienberichten als VfB-Fan bezeichnet. Tatsächlich waren seine Hobbys eher Lesen und Geschichte. Als Jugendlicher engagierte er sich in der katholischen Jugendarbeit. Doch als Guido Buchwald, Fritz Walter und Matthias Sammer 1992 die Meisterschaft feierten, holte Teufel die Mannschaft höchstpersönlich vom Flughafen ab.

Späth war ein früher Ultra

Auch Lothar Späth (CDU, 1978 bis 1991) hatte große Sympathien für den Verein aus Cannstatt. Manches, was er damals äußerte, dürfte heute sogar die Zustimmung bei Ultras finden. Sponsoring sei zwar gut. Doch der VfB müsse der Verein der Bürger bleiben und dürfe sich nicht zu sehr von Konzernen vereinnahmen lassen, sagte er im Hinblick auf die starke Rolle der Daimler-Benz AG. Trotz einer gewissen Skepsis wegen der Doppelrolle machte er 1980 den damaligen VfB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder zum Kultusminister.

Auch Späths Vorgänger Hans Filbinger (CDU, 1966 bis 1978) erkannte die Identifikationswirkung des VfB und feierte 1977 enthusiastisch den Wiedereinzug der Cannstatter in die Bundesliga nach zweijähriger Abstinenz. Dabei hatte er seinem Staatssekretär Mayer-Vorfelder zunächst abgeraten, als der das Amt des VfB-Präsidenten übernehmen wollte. Als der Verein aber im Aufstiegsjahr Rekordzuschauerzahlen verbuchte, wurde Filbinger auch zum Fan. Dokumentiert ist ein Empfang für die Mannschaft am Dienstsitz des Ministerpräsidenten. Als ein Jahr später ein Sportclub aus seinem Wahlkreis im Freiburger Osten in die Zweite Liga aufstieg, kümmerte den ehemaligen NS-Marinerichter das hingegen wenig.

Staatsmännische Zurückhaltung in der Frühzeit

Die ersten drei Ministerpräsidenten – Reinhold Maier (FDP-DVP, 1952 bis 1953), Gebhard Müller (CDU, 1953 bis 1958) und Kurt Georg Kiesinger (CDU, 1958 bis 1966) – entstammten einer Politikergeneration, für die Fußball noch nicht Teil der persönlichen politischen Inszenierung war. Als der VfB 1952 deutscher Meister wurde, bewertete Maier – eigentlich ein passionierter Wanderer – dies gleichwohl als „positives Signal“ für den gerade neu gegründeten Südweststaat. In ähnlicher Form begrüßte Gebhard Müller, obgleich als Aktenmensch bekannt, den Pokalsieg zwei Jahre später. Von Kiesinger ist hingegen ist überliefert, dass er „mit Fußball nichts am Hut hatte“, ihn sogar ablehnte, wie manche Biografen behaupten. Offenbar ging er lieber baden.