Der Landkreis Freudenstadt hat nur noch ein Krankenhaus. Der Landrat tut viel, um es zu erhalten. Doch das geht auf Kosten anderer Angebote – vor allem für Familien.
Landrat Andreas Junt hat schon viel getan, um das Krankenhaus in seinem Landkreis zu erhalten.
Von Annika Grah
Nach der Insolvenz des Stuttgarter Marienhospitals ist die Sorge um die Krankenhäuser im Land groß. Die von der Bundesgesundheitsministerin geplante Gesundheitsreform, so die Befürchtung, könnte die Misere noch verschärfen. „Ich kann nicht verstehen, wie man auf die Idee kommen kann, dass Geld abgeschöpft werden kann bei den Krankenhäusern“, sagt der Freudenstädter Landrat Andreas Junt (parteilos) und warnt: „Wir werden die Rückgabe von privaten Krankenhäusern an die Landkreise erleben.“ Doch auch, wenn ein Krankenhaus erhalten bleibt, geht Junt davon aus, dass die Menschen das zu spüren bekommen - denn dafür werde an anderer Stelle gespart.
Das einzige Krankenhaus im Umkreis von 40 Kilometern
Der Landkreis Freudenstadt, der sich von Eutingen im Gäu bis zum Kniebis erstreckt, hat seit mehr als zehn Jahren nur noch ein Krankenhaus. „Unser Krankenhaus ist die einzige Klinik im Umkreis von 35 bis 40 Kilometern“, sagte Junt. Und er tut alles dafür, dass es erhalten bleibt: „Wir kämpfen für den Erhalt unseres Krankenhauses“, sagt er unserer Zeitung.
Doch das hat seinen Preis. „Jeder Euro mehr schlägt voll bei den Bürgern durch“, sagt Junt. Schon vor der Ankündigung der Gesundheitsreform von Nina Warken (CDU) habe der Landkreis jeden Cent umgedreht, um das Krankenhaus zu erhalten. „Wir sparen bei den freiwilligen Aufgaben. Das geht dann zu Lasten von Schulen, Kindergärten, der Schulsozialarbeit und des ÖPNV.“ Gerade erst habe er die Zuschüsse bei der Schulbeförderung kürzen müssen, sagt Junt. „Das dritte und jedes weitere Kind muss nun auch zahlen, außerdem haben wir den Eigenanteil für das erste und zweite Kind erhöht.“ Welche Folgen das für die Menschen in seinem Landkreis hat, ist dem Landrat bewusst: „Die Kosten kommen bei den Bürgern an. Einen Handwerker mit einem normalen Einkommen trifft das schon.“
Die Insolvenz des Stuttgarter Marienhospitals hat die finanzielle Misere vieler Krankenhäuser im Land drastisch vor Augen geführt. Die Pläne von Bundesgesundheitsministerin Warken, zur Stabilisierung der Beiträge für die gesetzliche Krankenkasse auch die Mittel für Krankenhäuser zu kürzen, stößt deshalb nicht nur bei Junt auf Unverständnis. Landkreistag und baden-württembergische Krankenhausgesellschaft warnen bereits vor weiteren Insolvenzen. Auch Landesgesundheitsminister Oliver Hildenbrand (Grüne) sieht die Reform kritisch. Junt sagt: „Ich kann nicht verstehen, wie man auf die Idee kommen kann, dass Geld abgeschöpft werden kann bei den Krankenhäusern.“
Junt fürchtet, dass Sparmaßnahmen verpuffen
Denn schon ohne die Ankündigung von Warken ist die Lage angespannt, wie das Beispiel des Marienhospitals zeigt. Junt fürchtet nun, dass „alles, was wir schon gespart haben, verpufft. Wir haben 2013 bereits eine Klinik geschlossen, eine Kooperation mit der Uni Tübingen initiiert und einen Neubau für mehr Energieeffizienz.“
Die Folge von Warkens Plänen sei im schlimmsten Fall eine Verdopplung des Defizits des Krankenhauses, doch auch im besten Fall müsse der Landkreis sparen. „Jede Million mehr tut uns weh“, sagt Junt.
Der Landrat sieht deshalb auch das Land in der Pflicht. „Wenn wir das Krankenhaus nicht mehr alleine finanzieren können, muss uns das Land unterstützen, um die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum sicherzustellen.“ Eigentlich lautet die Aufteilung: der Bund unterstützt die Krankenhäuser bei Betriebskosten, das Land bei Investitionen. Junt sieht aber keinen anderen Ausweg: „Die Alternative ist eine Versorgungslücke“, sagt er. Er selbst sieht nur noch kleine Spielräume: „Wir haben schon gestrichen, was wir streichen konnten. Überall gehen wir an unsere Grenzen.“