Lkw L 312

Ein Mercedes-Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Wenn der Besitzer etwa dasselbe Alter hat wie sein Fahrzeug, dann ist das eine persönliche Geschichte. So wie bei Michael Wider und seinem Mercedes-Benz L 312.

Ein Mercedes-Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Michael Widers Mercedes-Benz-Lkw, Baujahr 1956.

Von Peter Stolterfoht

Diese Geschichte wirkt ein bisschen wie aus dem Bilderbuch. Das fängt schon beim malerischen Ortsnamen an: Auenwald. Dort steht in einer alten Lagerhalle ein Fahrzeug, das so gar nicht in die moderne Zeit passt. So alt, so groß, so laut. Und dann sieht der Besitzer mit seiner blauen Latzhose auch noch aus wie Peter Lustig aus der Wissenssendung „Löwenzahn“. In diesem Fall heißt die Hauptfigur aber Michael Wider. Und wenn der mit seinem 70 Jahre alten Lkw durch Auenwald fährt, gefällt das den dortigen Kindern ganz besonders. Deren Daumen gehen regelmäßig hoch, wenn der Mercedes-Benz L 312 an ihnen vorbei knattert.

Großer Auftritt hinter Backnang

Das alles muss Michael Wider jetzt aber erst einmal erklären. Wie ein Stuttgarter, der in Degerloch wohnt und bis vor Kurzem Inhaber eine Baustoffhandlung auf dem Pragsattel gewesen ist, zu solch viel beachteten Auftritten in einem kleinen Ort hinter Backnang kommt.

In Auenwald hat Michael Wider einen Unterstellplatz für seinen 1956 im Mercedes-Benz-Werk Mannheim produzierten Lkw gefunden, den er sich vor fünf Jahren gekauft hat: für rund 13 000 Euro, noch einmal so viel hat der 71-Jährige in die Restaurierung des Fahrzeugs gesteckt. Und das wird gerne vorgeführt. Zu diesem Zweck hat Michael Wider seinen Oldtimer-Kumpel Peter Bossle dazu geholt. Der frühere ICE-Lokführer fährt bei den Präsentationstouren das Begleitfahrzeug, einen Mercedes-Unimog, der ebenfalls Michael Wider gehört. Der Unimog, Baujahr 1992, kann im Notfall den Lkw-Oldtimer abschleppen. Doch der L 312 gibt sich auch an diesem Tag keine Blöße.

„Gewohnt zuverlässig“, sagt Michael Wider, der es gerade erst ohne Komplikationen bis nach Pforzheim zum dortigen Stadtfest und wieder zurück geschafft hat. In Pforzheim ist die Oldtimer-Schau der Hingucker gewesen. Dort waren auch die Frauen von Michael Wider und Peter Bossle dabei ,was zeigt: ein altes Auto ist beileibe nicht nur eine reine Männerkiste. Daneben sind es immer wieder Kinder, die sich für den L 312 begeistern. „Auf der anderen Seite verbinden Erwachsene häufig Kindheitserinnerungen mit dem Fahrzeug“, erzählt Michael Wider, den gerade erst wieder ein Italiener angesprochen hat, dessen Vater einst eine L 312 für ein Bauunternehmen gefahren sei.

Im Dienst der Oberpostdirektion Kiel

Die Geschichte von Michael Widers Kastenlastwagen, den es auch als Pritschen-, Kipper und Zugmaschinen-Lkw gibt, beginnt Ende der 50er-Jahre bei der Oberpostdirektion in Kiel. Und zwar im Fernmeldedienst. Mit Hilfe einer auf dem Fahrgestell montierten Kraftwinde wurden damals Kupferkabel durch die dafür vorgesehenen Rohre gezogen. Zuletzt nutzte ein Büromaschinenhersteller aus der Nähe von Köln den Wagen als Promofahrzeug bei Werbeveranstaltungen. Dazwischen war der Lkw für zwei Baufirmen am Start.

Nun ist der L 312 das große, sieben Meter lange Hobby von Michael Wider. Der erkennt in ihm die DNA von Mercedes-Benz. „Und die besteht für mich auch darin, ein ganz wichtiger Begleiter von Handwerkern, von Taxi-, Bus- und Lkw-Fahrern zu sein “, wie er sagt. Den Stern sieht er nämlich lieber in einem hemdsärmeligen Umfeld von früher als im exklusiven von heute.

Hier erklärt sich der Begriff „Kraftfahrer“

Ein globales Produkt ist das zwischen 1953 und 1961 gebaute Fahrzeug aber schon damals gewesen. Neben Mannheim ist der L 312 nämlich auch in Argentinien, Brasilien und Indien entstanden. Die 7,2-Tonen-Version von Michael Wider mit einem sogenannten „Kofferaufbau auf einem gekürzten Rahmen“ hat 98 PS und schafft es in der Spitze etwa 75 Stundenkilometer. Der Verbrauch liegt zwischen 13 und 14 Litern. „Wenn man ihn auf eine längere Strecke fährt, erklärt sich auch der Begriff ‚Kraftfahrer`“, sagt der stolze Besitzer. Das Lenken geht auf die Arme und die lauten Motorengeräusche auf die Ohren. „Das kann dann schon anstrengend werden.“

Auto

Ein Mercedes-Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Michael Wider mit dem L 312.

Ein Mercedes-Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Eine Halle bei Backnang ist das Zuhause des betagten Lkw.

Ein Mercedes-Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Blick in die Fahrerkabine des L 312.

Ein Mercedes-Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Der Grill beeindruckt.

Ein Mercedes-Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Mit einer Leiter geht es in den Kofferaufbau.

Ein Mercedes-Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Auch von hinten durchaus sehenswert.

Ein Mercedes-Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Der Unimog dient als Begleitfahrzeug.