Zahlreiche Jugendliche entscheiden sich für einen Auslandsaufenthalt. Dort gehen sie zur Schule und leben in einer Gastfamilie. Neben der Sprache lernen sie auch Land und Leute kennen.
Ganz neue Eindrücke: Jugendliche beim Schüleraustausch in den USA.
Von Dominika Bulwicka-Walz
„Ich bin offener geworden, spontaner und habe so viel erlebt: übers Wochenende mit Freunden zum Skifahren gehen, im Fluss baden, der durch die Stadt fließt und im Frühling habe ich einen Golfkurs in der Schule belegt“, schwärmt Annalena, wenn sie sich an ihr Auslandsjahr in den USA erinnert. Die heute 17-jährige Stuttgarterin verbrachte ihre zehnte Schulklasse im US-Bundesstaat Idaho. Von Anfang an kam für sie nur ein ganzes Schuljahr in Frage, weil sie überzeugt war: Man sei erst nach einem halben Jahr richtig angekommen. Auf die Frage, was sie besonders hervorheben würde, sagt sie: „Man lernt viel über sich selbst, wie man mit Problemen umgehen und wie man sich mit anderen verständigen kann. Außerdem nimmt man viele Erfahrungen mit“.
Auf die zahlreichen Erfahrungen, Erinnerungen und auch Freundschaften, die während eines solchen Aufenthalts entstehen, weist auch Stefanie Quack hin, Programm-Managerin bei Experiment e. V., einer gemeinnützigen Austauschorganisation, die seit 1932 Austauschprogramme mit den USA organisiert. Sie fügt ein ganz einfaches Beispiel an: „Plötzlich kann man während eines Films sagen: Mit so einem gelben Schulbus bin ich auch gefahren!“ Diese Erinnerung bewahrt auch Annalena. Der Bus sei zwar unbequem gewesen und habe geruckelt, aber es sei ein cooles Gefühl gewesen, damit zu fahren.
USA sind das beliebteste Ziel
Annalena gehört zu den knapp 1,4 Prozent der 15- bis 17-Jährigen in Baden-Württemberg, die sich jedes Jahr dafür entscheiden, einen mindestens dreimonatigen Auslandsaufenthalt einzulegen. Der Bildungsberatungsdienst Weltweiser erfasst jährlich die Daten von 62 Austauschorganisationen, und erstellt auf der Basis eine Statistik zu Auslandsaufenthalten. Laut Erhebungen von Weltweiser packen rund 13000 Jugendliche in Deutschland pro Jahr ihre Koffer und machen sich auf den Weg ins Ausland. 5000 von ihnen gingen im Programm-Jahr 2024/2025 in die USA. Das zweitbeliebteste Land war Kanada.
Sind denn die Zahlen der am USA-Aufenthalt interessierten Jugendlichen, angesichts der politischen Turbulenzen in den Vereinigten Staaten von Amerika, womöglich rückläufig? „Die USA sind nach wie vor der Spitzenreiter“, sagt Stefanie Quack. Rund 300 Jugendliche würden sich jedes Jahr über Experiment auf den Weg in die USA machen. Die Programm-Managerin bestätigt zwar, dass ein leichter Rückgang zu beobachten sei, dieser aber nur minimal sei. Eine Beobachtung, der sich auch Claus Kunze vom Deutschen Fachverband Highschool anschließen kann. Auch er sieht zwar einen Rückgang der Zahlen, aber der sei sehr gering. Bei Weltweiser bemerkt man, dass sich der Abstand zwischen den USA und Kanada zwar verringert, aber auch hier sieht man die Vereinigten Staaten von Amerika immer noch weit vorne.
„Man liebt die Menschen wie sie sind“
Die Auslandsaufenthalte geben den Jugendlichen die Gelegenheit hautnah mitzuerleben, wie das Leben anderswo verläuft und eine neue Kultur, andere Denkweisen und Meinungen kennenzulernen. So erinnert sich auch Annalena an den Tag im November 2024 als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Ihr Auslandsjahr fiel nämlich in eine, wie sie selbst sagt, sehr interessante Zeit. „Überall in unserer Wohngegend hingen Trump-Fahnen, und am Wahlabend fand bei meinen Gasteltern eine Party statt.“ Der US-Bundesstaat Idaho ist eine stark republikanisch geprägte Gegend. 66,9 Prozent der Wählerstimmen konnte Donald Trump dort damals für sich gewinnen.
Hat denn die politische Meinung von Annalenas Gastfamilie ihr Verhältnis womöglich geprägt? „Nein“, antwortet die Schülerin entschieden. „Die Leute können ganz anderer Meinung sein und trotzdem freundlich und hilfsbereit. Und man liebt sie so wie sie sind.“ Allerdings sagt Annalena auch, dass sie froh sei, die Auslandserfahrung bereits 2025 gemacht zu haben. Ob sie jetzt aktuell nochmal in die USA gehen würde, vermag sie selbst nicht zu sagen. Dennoch findet sie die USA seien ein spannendes Land, auch deshalb, weil es wirtschaftlich und politisch so wichtig sei.
Situationen, in denen zwei sehr unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen können, werden von den Austauschorganisationen im Vorfeld bedacht. In Annalenas Vorbereitungsseminar auf den Auslandsaufenthalt wurden die Jugendlichen auch darauf vorbereitet, wie man damit umgehen kann. Themen wie Politik sollen schließlich nicht für Unmut zwischen den Gastfamilien und den Jugendlichen aus dem Ausland sorgen. So betont auch Stefanie Quack: Politische Themen außen vor zu lassen, sei nichts Neues. „Als ich vor 22 Jahren mein eigenes Vorbereitungsseminar für den USA-Aufenthalt hatte, wurde uns damals schon vermittelt: Politik ist nichts, was man in den USA am Küchentisch diskutiert“, erinnert sie sich.
Fragen- und Antworten-Katalog für die Jugendlichen
Und nicht nur die Organisationen der langen Austausche berücksichtigen dieses Thema. Auch für die dreiwöchigen Schüleraustausche der Stuttgarter Schulen mit den USA hatten die Lehrer den Jugendlichen vorab geraten Themen zur Politik zu meiden. Die Jugendlichen vom Königin Olga Stift, die nach Salem gereist sind, hatten einen Fragen- und Antworten-Katalog von ihren Lehrkräften Lucas Leister und Stefanie Maurer-Class an die Hand bekommen. Darin enthalten: möglichst unverfängliche und diplomatische Kommentare, für den Fall, dass die Gespräche innerhalb der Gastfamilien auf kritische Themen kommen sollten.
Bevor es nach Los Alamitos in Kalifornien ging, wurden auch am Paracelsus-Gymnasium die Kinder dafür sensibilisiert bei politischen Themen zurückhaltend zu sein. Die beiden Lehrerinnen Katja Schulz und Kathrin Hirt betonen aber auch, wie wichtig es sei zu sehen, dass auch Menschen, die nicht die gleiche Meinung haben, herzlich sein können und sich mit ihnen langfristige Freundschaften entwickeln können.
Stipendien senken die Kosten
Die Beliebtheit der USA für ein Auslandsjahr ist womöglich auch damit zu erklären, dass die Kosten für den Austausch immer noch verhältnismäßig günstig sind im Vergleich zu anderen Ländern. Das liegt daran, dass die Gastfamilien in den USA die Jugendlichen für die Zeit eines Austauschs auf ehrenamtlicher Basis bei sich aufnehmen. Die Kosten für einen USA-Aufenthalt mit Experiment belaufen sich für ein Schuljahr im Classic-Programm auf rund 13000 Euro. Hierbei ist allerdings auch zu berücksichtigen, dass ein Schuljahr nicht mit dem Kalenderjahr zu verwechseln ist. So kann es sich dabei eventuell auch um neun Monate handeln. Der finanzielle Unterschied ist zwischen einem Schulhalbjahr und vollem Schuljahr nicht groß: Das Schulhalbjahr kostet 12390 Euro.
Um den finanziellen Aufwand eines solchen Aufenthalts zu reduzieren, können sich Jugendliche für ein Stipendium bewerben. Die Austauschorganisationen bieten unterschiedliche Voll- oder Teilstipendien an. Annalena ist beispielsweise mit einem Stipendium des Deutschen Bundestages in die USA gegangen. Die bei diesem Programm ausgewählten Jugendlichen fungieren vor Ort als eine Art Juniorbotschafter für Deutschland.
Möglichst früh bewerben
Ist die Entscheidung für einen Auslandsaufenthalt gefallen, stellt sich die Frage, wann man sich bewerben sollte. „Je eher, desto besser“, sagt Stephanie Quack. Der Grund ist, dass zahlreiche Schritte zu tun sind, bevor es losgehen kann. Die Kandidaten bewerben sich über die Homepage der Organisationen mit einer Kurzbewerbung und bekommen eine Online-Einladung zu einem persönlichen Gespräch. Natürlich interessiert es die Veranstalter, was die Beweggründe für die Bewerbung sind, ob ein grundlegendes Sprachniveau vorliegt, ob die Jugendlichen offen für Neues sind, ob die Schulnoten passen. Schließlich müssen sie sich in einer Gastfamilie einfinden und in der Schule zurechtkommen.
Werden die Jugendlichen angenommen, stehen eventuell noch Impfungen an, und die Schülerinnen und Schüler müssten in einem US-Konsulat vorstellig werden, um dort ihr Visum zu beantragen. Komplizierter seien die Formalien alles in allem aber nicht geworden, so Stefanie Quack.