Dopen ist nicht nur möglich. Dopen ist ausdrücklich erwünscht. Die Enhanced Games verschieben die Grenzen des Erlaubten im Sport - ein Tabubruch. Zu den Geldgebern gehört auch Donald Trumps Sohn.
Wenn Doping nicht verboten, sondern erwünschtes Mittel zu "Weltrekorden" wird. (Archivbild)
Von Von Jens Marx und Christian Johner, dpa
Las Vegas - Die Ansage von den Machern der sogenannten Enhanced Games lässt keine Zweifel an den Zielen. "Das menschliche Potenzial in Übermenschlichkeit verwandeln", heißt es. Leistungssteigerung ohne Limit und vor allem ohne Doping-Verbote. Sonst untersagte Substanzen sind nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Ausreizen, was geht.
Nach aktuellem Stand wollen 42 Athletinnen und Athleten - darunter zwei Deutsche - Rekorde unterbieten und in neue Sphären der Leistungsfähigkeit vordringen. Gelockt wurden die Sportler, unter denen auch der wegen Verstößen gegen die Anti-Doping-Meldepflicht gesperrte ehemalige Sprint-Weltmeister Fred Kerley ist, mit Prämien von bis zu einer Million US-Dollar.
Eigens für das Event am kommenden Wochenende wird in der Resorts World von Las Vegas ein Komplex errichtet. 2.500 Gäste sind geladen.
Wer steckt hinter den Enhanced Games?
Gründer der Spiele ist Aron D'Souza. Er sieht sich auf einer Mission, "eine neue Supermenschheit zu schaffen". Der Mitte der 1980er Jahre geborene Australier machte seinen Abschluss in Rechtswissenschaften in Oxford. Er ist auch Gründer eines KI-Tribunals, das Behauptungen in Medien überprüfen soll. Der Kampf gegen Doping ist für D'Souza heuchlerisch, 99 Prozent der Sportler würden ohnehin zu Doping greifen, behauptete er.
Geschäftsführer der Spiele ist der gebürtige Münchner Maximilian Martin. Ein ehemaliger Investmentbanker, der in Deutschland und den USA studierte. Martin investierte viel in das neue Projekt. "Ich habe schnell bemerkt, dass Enhanced für mich die aufregendste Firma ist, die ich je gesehen habe", sagt er in einem "Forbes"-Bericht.
Er und Christian Angermayer, der als Vorstandsvorsitzender und Mitbegründer geführt wird, waren D'Souza 2023 begegnet. Angermayer ist Milliardär, Filmproduzent und unter anderem auch Mitgründer eines Biopharma-Unternehmens. Er stammt aus der Oberpfalz und investierte schon in Kryptowährungen, Psychedelika, Gehirnimplantate und Longevity (Langlebigkeit). Zu begeisterten Investoren der Enhanced Games gehören auch der Paypal-Gründer Peter Thiel oder US-Präsidentensohn Donald Trump Jr.
Welche Substanzen werden verabreicht?
Der Blick in den Online-Shop der Enhanced Games dürfte für nicht wenige absurd wirken: Testosteron oder Sermorelin, ein Wachstumshormon, für sechs Monate jeweils im Topangebot. Einfach klicken und bestellen. Immerhin: nur für Erwachsene ab 18 Jahren.
Der Verkauf und die Entwicklung von Medikamenten gehört auch zum Konzept: Deshalb seien sie auch nicht auf Medienrechte oder Ticketverkäufe angewiesen wie das Internationale Olympische Komitee (IOC), erklärte D'Souza dem Schweizer "Tagesanzeiger".
Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Enhanced Games werden bestimmte Testosteron-Präparate, anabole Steroide, Erythropoetin, Meldonium, Adderall und Modafinil verabreicht, wie die Veranstalter dem "Deutschen Ärzteblatt" mitteilten. Alles unter medizinischer Aufsicht. Geleitet wird die Studie Berichten zufolge vom Sheikh Shakhbout Medical Center in Abu Dhabi. Im Königreich in den Vereinigten Arabischen Emiraten bereiteten sich die Teilnehmer auch vor.
In welchen Sportarten treten die Athletinnen und Athleten an?
Drei Sportarten haben die Macher vorgesehen: Schwimmen, Leichtathletik, Gewichtheben - hier gibt es auch noch die Kategorie Strongman. Über 50 und 100 Meter wird geschwommen, jeweils Freistil und Schmetterling. Bei der Leichtathletik geht's über 100 Meter sowie 100 und 110 Meter Hürden, im Gewichtheben sollen in drei Kategorien bisher nicht erreichte Lasten bewältigt werden.
Wie hoch sind die Prämien?
Die Veranstalter werben damit, dass eine Gesamtprämie von 25 Millionen US-Dollar ausgeschüttet wird. Für den ersten Platz gibt es 250.000 US-Dollar. Wer unter den Weltrekorden über die 100 Meter in der Leichtathletik oder den 50 Meter Freistil im Schwimmen bleibt, kassiert eine Million US-Dollar.
Was sagen Teilnehmer?
"Schwimmen war mein Leben für viele Jahre", erklärte Marius Kusch, einer der beiden deutschen Starter: "Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe, aber die Wahrheit ist, dass mir der Sport nie die finanzielle Stabilität gegeben hat, um mir eine Zukunft aufzubauen. Die Wirklichkeit war immer eine Herausforderung."
Er wolle sich jetzt um seine Familie kümmern und ihr alles zurückgeben, was sie ihm gegeben habe. Der Ex-Europameister ist 33 Jahre alt und macht wie auch andere keinen Hehl über den Hauptantrieb für eine Teilnahme an den Enhanced Games: das Geld. Zweiter Deutscher ist Sprinter Michael Bryan, der hierzulande aber eher unbekannt ist.
Wie steht der DOSB zu den Enhanced Games?
Der Deutsche Olympische Sportbund übt deutliche Kritik. "Wir lehnen die Enhanced Games ab. Jeder Mensch hat das Recht, frei über seinen Körper bestimmen zu können. Wer sich allerdings gesundheitsgefährdenden Projekten wie den Enhanced Games anschließt, nimmt wissentlich in Kauf, sich damit außerhalb der Gemeinschaft des Sports zu positionieren", teilte der DOSB mit.
Die Enhanced Games seien mit den Werten des Sports nicht vereinbar, hieß es weiter. "Sie verstoßen durch den Einsatz von Doping gegen in Deutschland geltendes Recht und stehen in ihrer Ausrichtung auf Leistungsoptimierung mit Hilfe verbotener Substanzen dem entgegen, wofür sich der Sport in Deutschland und weltweit einsetzt: faire und saubere Wettkämpfe."
Was sagen andere Verbände?
Die Vereinigung Athleten Deutschland lehnt die Enhanced Games ebenfalls ab. "Sie stehen für ein System, das gesundheitliche Risiken ökonomisch belohnt – und damit Anreize zur Ausbeutung von Athletinnen und Athleten schafft."
Gleichzeitig fordert die Vereinigung eine bessere Athletenförderung durch die Bundesregierung und eine angemessene Beteiligung an den Einnahmen des IOC. "Nur so lässt sich gewährleisten, dass sie sich ohne existenzielle Sorgen auf ihren Sport konzentrieren können. Das stärkt Leistung und Erfolg – und entzieht Initiativen wie den Enhanced Games den Sauerstoff."
Als "gefährliches und unverantwortliches" Konzept verurteilte die Welt-Anti-Doping-Agentur die Spiele. "Die Macher der Enhanced Games wollen vielleicht schnelles Geld verdienen, aber dieser Gewinn geht auf Kosten von Kindern auf der ganzen Welt, die glauben, dass sie Dopingmittel nehmen müssen, um ihre Träume zu verwirklichen", erklärte der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur, Travis Tygart.
Lars Mortsiefer, Vorstandsvorsitzender der Nationalen Anti Doping Agentur Deutschland, betonte: "Ein Wettbewerb, der gezielt auf den Einsatz von Dopingmitteln setzt, ist ethisch und moralisch absolut verwerflich."
Ein Ort mit viel Schein: Las Vegas, Stätte für die ersten Enhanced Games. (Archivbild)
Einer von zwei Deutschen bei den Enhanced Games: Marius Kusch. (Archivbild