Millionen suchen in der NSDAP-Kartei online nach ihren Familienmitgliedern. Gut so – auch für die Gegenwart.
Von Lisa Welzhofer
Stuttgart - Als das US-Nationalarchiv im März dieses Jahres die Mitgliederkartei der NSDAP ins Netz stellte, suchten darin zeitweise so viele Menschen nach den Namen ihrer Großeltern und Eltern, dass die Homepage zusammenbrach. Mehr als 1,5 Millionen Aufrufe hatte das Angebot bis heute. Auch deutsche Archive berichten von einer Flut an Rechercheanfragen, mehr als 10 000 erreichen beispielsweise das Freiburger Militärarchiv jährlich.
Die Enkel der Kriegsgeneration sind auf Spurensuche in diesem Jahr 2026, da sich das Ende des NS-Regimes am 8. Mai zum 81. Mal jährt. Sie wollen wissen, was ihre Großmütter und -väter damals gedacht und getan haben und recherchieren deshalb im Familiengedächtnis ebenso wie in öffentlich zugänglichen Datensätzen. Das kann man durchaus als Paradigmenwechsel in der kollektiven Erinnerungskultur bezeichnen. Noch 2002 belegte der Soziologe Harald Welzer, dass eine Mehrheit der Deutschen die eigene Familiengeschichte beschwieg, verdrängte, umdeutete. „Opa war kein Nazi“ überschrieb Welzer denn auch sein Buch zur Studie. Heute müsste es wohl eher heißen: „War Opa nicht doch ein Nazi?“
Dabei liegt das breite Interesse nicht nur am zeitlichen Abstand, der es Enkel möglich macht, unbefangener an das Thema heranzugehen, als es noch ihre Eltern vermochten. Heute wühlt in der Vergangenheit eine durchpsychologisierte Generation, die es gewohnt ist, sich im intergenerationellen Kontext selbst zu befragen und die Erkenntnisse unbefangen zu teilen. Anders gesagt: Biografiearbeit ist spätestens seit dem Bestseller „Kriegsenkel“ von Sabine Bode ein Ding der Stunde, das mit Online-Recherchemöglichkeiten an Fahrt gewinnt und durch Podcasts, Instagram-Accounts, How-to-do-Tutorials zeitgeistig und öffentlichkeitswirksam vorangetrieben wird.
Auch wenn die Recherche alles andere als trivial ist, auch wenn sich nicht immer ein abschließendes Bild ergibt, Unschärfen und Fragen bleiben: Zu wissen, wie die Großeltern dachten und lebten, ob sie mitmachten oder mitliefen, wie oft sie auch gegen das System standen oder ums eigene Überleben kämpften, reicht über die einzelnen Familien hinaus. Nicht nur die Geschichtsschreibung schöpft aus neuen Quellen. Es wird mit Legendenbildung und Umdeutungen aufgeräumt. Schließlich destilliert sich aus der Graswurzelbewegung die Frage: „Was hat das heute noch mit uns zu tun?“
Darauf eine Antwort zu geben, ist umso wichtiger in Zeiten, da rechtsextreme, menschenfeindliche Meinungen Zulauf haben – und jenen, die nun recherchieren, mindestens ebenso viele gegenüber stehen, die das keinesfalls tun möchten, ja, dies vehement ablehnen. 38 Prozent wollen einen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus setzen. Das ergab eine Befragung der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft im Frühjahr 2025.
Gefährlich ist dieser erinnerungspolitische Graben in einer ohnehin tief gespaltenen Gesellschaft auch, weil es immer weniger direkte Zeugen dieser Schreckensjahre gibt. Auf der Opferseite bemühen sich die Nachgeborenen im Verbund mit Archiven und Museen schon länger darum, deren Vermächtnis zu dokumentieren, lebendig zu halten und dafür einzustehen. Vor allem für die jungen Menschen, die Informationen am liebsten in den sozialen Medien über Audio- und Videoformate aufnehmen, die so genannte Narrative brauchen, sind solche „Testimonials“ umso wichtiger.
Es gilt deshalb unbedingt auch für die Enkel derer, die Mitläufer waren, zu Tätern oder Widerständlern wurden, ihr Erbe weiter offenzulegen, Zeugnis abzulegen, was in Deutschland damals geschah und welche Rolle die Menschen dabei spielten.