Familiengeschichte

Ermordet im KZ – Das Geheimnis meiner Familie

Unsere Autorin findet heraus, dass ihr Urgroßvater von den Nazis im Konzentrationslager getötet wurde. Seither recherchiert sie und fragt sich, welche Verantwortung Nachkommen tragen.

Ermordet im KZ – Das Geheimnis meiner Familie

Harri und Elsa in einer Kleingartenanlage in Forst in der Lausitz in den 1920er Jahren. Viele Fragen bleiben offen – war Harri Paul? Oder ein anderer?

Von Eva-Maria Manz

Forst in der Lausitz vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Schlote der Tuchmacher-Fabriken rauchen. Hier werden die feinsten Stoffe gefertigt und ins ganze Deutsche Reich verschifft. Elegante Damen sitzen in Cafés und Schankstätten. Die Lange Brücke über die Neiße wird 1922 feierlich eingeweiht. Sie verschafft breiten Zugang zu den neuen Mietshäusern im Viertel Berge. Auch die Schwarze Jule rattert darüber, eine Stadteisenbahn, die Fabriken mit Garnen, Chemikalien und Kohle versorgt. Drei Kinos gibt es, einen Rosengarten auf der Wehrinsel, Sportvereine und vornehme Kaufhäuser. Forst wächst ab der Jahrhundertwende rasant, man wähnt sich am Beginn einer strahlenden Zukunft. In den Tanzpalästen wird so wild gefeiert wie im nahen Berlin, Jüngere wollen frei leben und lieben.

Paul aus ärmlichen Verhältnissen – doch er will etwas werden

Doch nicht jeder schafft es, nach der Weltwirtschaftskrise beruflich Fuß zu fassen. Paul Max Gobisch, geboren 1899 in Zitzschewig bei Dresden, gehört zu jenen, die sich schwertun. Ihn verschlägt es nach seinem Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg als jungen Mann nach Forst. Geboren als Sohn einer ledigen Dienstmagd, stammt Paul aus ärmlichen Verhältnissen. Doch er will etwas werden. Wo, wenn nicht hier, in der lebhaften Tuchmacherstadt? Paul nennt sich „Kaufmann“ oder „Handelsvertreter“, das hat was. Es klingt modern.

In Wahrheit sitzt Paul ab 1927 immer wieder wegen Diebstählen, „Sittlichkeitsverbrechen“, versuchter Erpressung und Urkundenfälschung in Guben, Görlitz oder Cottbus im Gefängnis. Als er gerade auf freiem Fuß ist, trifft er in Forst auf die junge Elsa Plinz, 1902 in der Tuchmacherstadt geboren, und Tochter eines Töpfers aus Berlin. Was erfährt Elsa über Paul? Schwärmt er ihr vor von seinen Geschäftsideen? Der schicke, ernste „Kaufmann“ aus Dresden, der oft wochenlang „unterwegs“ ist – ist er in Wahrheit ein Hasardeur, einer, der mit bürgerlichen Regeln bricht oder einfach einer jener Pechvögel, von denen es damals viele gibt?

Die Lange Brücke in Forst ist noch immer eine Ruine

Elsa bekommt 1928 und 1929 zwei Kinder, sie lebt bei ihrer Großmutter und später wieder eine Zeit lang bei der Mutter. In Forst denkt man in den 20ern fortschrittlich. Aber so fortschrittlich dann auch wieder nicht. Paul und Elsa heiraten 1931, Paul gibt im Standesamt an, Erzeuger und Vater der Kinder zu sein. Zusammen zieht man in eine Wohnung in die Heidestraße in Forst-Berge auf die andere Seite der Neiße.

Dieses Viertel existiert längst nicht mehr. Wo die Häuser von Berge standen, ist heute polnischer Wald. Die Neiße markiert die Grenze – und die Lange Brücke ist mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer eine Ruine.

In den Familiengeschichten der Deutschen gibt es „Blinde Flecken“. Sie sind wie Räume, die man jahrzehntelang nicht betritt. Wie das legendäre „schwarze Loch“ im Keller des Mietshauses im Schwäbischen, in dem mein Vater in den 50er Jahren aufwächst. Der tiefdunkle Raum verschluckt das Licht vollkommen. Keines der Kinder weiß, was sich in dem Loch verbirgt, sie fürchten und meiden es. Eines Tages nimmt der Vater eine Taschenlampe und leuchtet hinein.

Seit dem Krieg sind viele Jahrzehnte vergangen. Und doch ist so vieles unerforscht. Neuerdings hat eine Welle der Auseinandersetzung mit den Familiengeschichten in der NS-Zeit eingesetzt. Die Beschäftigung Tausender mit der NSDAP-Mitgliederkartei ist ein Beispiel. Nachfahren haben Fragen, bestehen auf Antworten. Die Täter und Opfer kannten sie nicht mehr. Sie sind bereit, in die dunklen Räume ihrer Familien zu leuchten.

Paul Max Gobisch war mein Urgroßvater. Und bis vor wenigen Jahren wusste keiner etwas über ihn. Was ich dann herausfinde, ist erstaunlich. Und auch wieder nicht, denn mir fällt bald auf, dass ich über meine Uroma Elsa genauso wenig weiß. Noch bis in die 80er Jahre lebte sie als schweigsame Frau im Schwäbischen und aß in ihren letzten Lebensjahren angeblich jeden Tag nichts als ein Hanuta. Das ist nicht viel.

Wenn Familiengeheimnisse zufällig auffliegen, herrscht Fassungslosigkeit. Doch wundert man sich vor allem über sich selbst. Die offenen Fragen liegen meist auf der Hand. Wenn man nur hingeleuchtet hätte. Dass Verdrängung über Generationen wirksam ist, sich ein System der Lügen und des Schweigens etabliert, das ist schwer zu begreifen. Und wer schon einmal ein Geheimnis hatte, weiß, dass man in Geheimnisse auch hineinwachsen kann. Die passenden Sätze sind: „Das durfte man nicht fragen“, „Erzählt wurde bei uns nichts.“ Oder sogar: „Ich wurde nur angelogen“, und: „Das haben damals doch alle gemacht.“

Meine Urgroßmutter Elsa flieht mit ihrer Tochter Irmgard 1945 aus dem zerstörten Forst. Irmgards Bruder stirbt 16-jährig an der Front. Am Rand der Schwäbischen Alb beginnen die Frauen ein neues Leben. Und man beschließt offenbar, die schmerzhafte Vergangenheit hinter sich zu lassen. Elsa heiratet noch einmal, Irmgard bald auch. Über den Vater von Irmgard spricht man nie wieder. Irgendwo hängt ein Foto, das den Gobisch zeigen soll. Mehr nicht.

„Todesursache: Bauchdurchschuss (auf der Flucht angeschossen)“

Vor wenigen Jahren entdecke ich auf einer Taufurkunde Irmgards den Namen ihres Vaters. Ich tippe ihn in eine Suchmaschine. Es erscheint die Totenbuch-Liste des Konzentrationslagers Neuengamme. „Paul Max Gobisch, Geburtsdatum: 25.08.1899; Geburtsort: Zitzschewig; Geburtsland: Deutschland; Todesdatum: 06.05.1941; Todesort: Hauptlager KZ Neuengamme. Beruf: Kaufmann, Häftlingsnummer: 01375.“ Kann das sein? Ist das mein Urgroßvater? Der Nachname ist selten. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Warum ist er im KZ gestorben? Und wieso wusste keiner das?

In den folgenden Tagen stoße ich auf das Onlinearchiv Arolsen, das weltweit größte Archiv über Opfer und Überlebende des Nationalsozialismus. Ich gebe den Namen ein, ein Dokument erscheint: „Hamburg-Neuengamme, den 20. Mai 1941. Der Kaufmann Paul Max Gobisch, evangelisch, wohnhaft in Forst, Nieder-Lausitz, ist am 6. Mai 1941 um 15 Uhr 45 in Hamburg-Neuengamme, Hausdeich 60, verstorben. Der Verstorbene war geboren am 25. August 1899 in Zitzschewig. Der Verstorbene war verheiratet mit Ida Margareta Elsa, geborene Plinz. Todesursache: Bauchdurchschuss (auf der Flucht angeschossen).“ In diesem Moment weiß ich, dass es sich wirklich um jenen Mann handelt, der als mein Urgroßvater gilt.

In der Nacht spuken abgemagerte Häftlinge in gestreiften Anzügen durch mein Zimmer, Männer in braunen Uniformen stürmen eine Baracke. Es sind Bilder aus Geschichtsbüchern. Das weiß ich, und doch ergreift mich eine beklemmende Furcht, als läge ein gigantisches Monster unter meinem Bett. Meine Gedanken rennen mir davon. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Ein historisches Ereignis, weit weg, rückt nah an mich heran, auch an andere, denen ich in der folgenden Zeit davon erzähle.

An die 20 Archive kontaktiere ich in den folgenden Monaten. Das Brandenburgische Hauptstaatsarchiv schickt mir eine 40-seitige Häftlingsakte von Gobisch. In einem Gerichtsurteil von 1933 steht: „Der Angeklagte wohnt mit seiner Familie in Forst. Er ist schon seit einigen Jahren arbeitslos. Am 12. September 1933 fuhr er mit seinem Fahrrad über Land, um Obst billig einzukaufen. Hierbei kam er nach Gosda. Er betrat das Gehöft des Oberweichenwärters Friedrich Lehmann. Da er niemanden antraf, fasste er den Entschluss, in die Wohnung einzudringen, um zu stehlen. Er stieg durch ein unverschlossenes Fenster in eine Stube. Hier nahm er einen fotografischen Apparat und einen Rasierpinsel an sich.“

Was damals keiner ahnt: Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 wird es für Leute wie Paul, die Vorstrafen haben, schlagartig gefährlich. Dass Paul Gobisch seine Haftstrafe ordnungsgemäß abgesessen hat, reicht den Nazis nicht. Sie gehen gezielt gegen Menschen am Rand der Gesellschaft vor: Sinti und Roma, arme kinderreiche Familien, wohnungslose Menschen, Homosexuelle. Wer mehrmals straffällig wird, habe „kriminelle Gene“, mit seiner Festnahme sollen Verbrechen verhindert werden. Mir wird klar: Die Nazis wollen beliebig Menschen ausrotten, und sie wollen dabei auch verhindern, dass es Menschen wie mich gibt, ihre Nachfahren.

1939 wird Paul Opfer der pogromartig ausgetragenen „Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung durch die Polizei“. Er kommt in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Von dort wird er ein Jahr später ins KZ Neuengamme transportiert. 1941 erschießen ihn die Nazis „auf der Flucht“. Diese Formulierung wird meist als Tarnung gezielter Tötungsaktionen verwendet.

In den vergangenen Jahren reise ich nach Berlin, Hamburg und in die Lausitz, um in Archiven zu recherchieren und die Gedenkstätten zu besuchen. Auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg hat Paul Max Gobisch sogar einen Grabstein. Kam je irgendjemand zuvor zu seinem Grab? Und zu all den anderen, die hier in dieser Reihe liegen?

Es sind viele Fragen offen. Eines Tages tauchen Bilder auf, die Elsa mit einem Mann in den 1920ern zeigen, der sich den Notizen auf der Rückseite des Bildes zufolge Harri nennt. Er hat Elsa auf dem Bild eine liebevolle Widmung eindeutiger Art hinterlassen. Harri sieht demjenigen, der angeblich Paul Max Gobisch war, zum Verwechseln ähnlich. War Harri Paul? Oder ein anderer? Die alten Fotos von Elsa und Irmgard aus Forst zeigen vornehm gekleidete Frauen, es gibt Aufnahmen von Weihnachtsfesten mit Geschenken und Urlauben an der Ostsee. Und das, wo doch alle in bitterer Armut lebten?

Wie viel Zeit sollte man als Nachfahre in die Aufarbeitung investieren?

War Paul überhaupt mein leiblicher Vorfahr? Oder muss ich diese Geschichte neu schreiben, und Elsas Kinder waren in Wahrheit von einem Mann namens Harri? War Harri mit einer anderen Frau verheiratet oder hatte er vielleicht den jüdischen Glauben? Das hätte für Elsas Kinder damals gefährlich werden können. Hat Elsa an seiner statt einen evangelischen Mann geheiratet, um ihre Kinder zu schützen? Der vorbestrafte Kaufmann sie, um einem bürgerlichen Leben näher zu kommen? „Alles wirst auch du nicht herausfinden“, sagen manche.

In unserer Geschichte gibt es kein Schwarz oder Weiß, nicht nur Gut oder Böse. Mein Vorfahr war kein „politischer“ Häftling, kein Regimegegner der Nazis, auf dessen Mut man nach dem Krieg hätte stolz sein können. Er war nicht unschuldig und doch ein Opfer, wie so viele. Die Aufarbeitung solcher Geschichten verläuft schleppend, erst 2020 hat der Bundestag die als „Berufsverbrecher“ Verfolgten offiziell als NS-Opfer anerkannt. In vielen Familien herrscht Schweigen. Tausende Akten über „Berufsverbrecher“ liegen unberührt in Archiven.

Dreißig Prozent seiner Zeit, sagen Holocaustforscher, sollte man als Nachfahre maximal mit der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte verbringen. Weil man vielleicht Kinder hat und einen Beruf und ein Leben, das nach vorne geht. Nachkommen werden aber zunehmend in der Arbeit der Gedenkstätten benötigt, Zeitzeugen sterben.

Ich überlege jahrelang, ob ich diese Geschichte öffentlich erzählen will. Wie viel Zeit kann man gedanklich im KZ verbringen? Weiß ich nicht viel zu wenig über meine Vorfahren, um erzählen zu können?

Eine zweite Chance kannten die Nazis nicht

Zugleich habe ich in wenigen Jahren so viel herausgefunden. Antworten können heilsam sein, stelle ich fest. Und wer Worte und Ressourcen hat, trägt ein Stück weit die Verantwortung, diese zu benutzen. Weder sollte man sich dabei als moralischer Aufklärer noch als spätes Opfer inszenieren. Fragen stellen hingegen, etwa die, wie die Ausgrenzung von Minderheiten innerhalb weniger Jahre in eine skrupellose Todesmaschinerie führen konnte, das sollte man. Besonders in Zeiten, in denen der gesellschaftliche Zusammenhalt erneut bröckelt. Mit unseren Vorfahren verknüpft uns ein immerwährendes Band. Was hinterlassen wir unseren Nachfahren?

Paul Max Gobisch muss als Strafgefangener in Plötzensee am 5. März 1934 Fragen in einem „Lebenslauf“ beantworten, das Dokument ist überliefert mit seiner Schreibschrift. „Was gedenken Sie nach der Entlassung zu tun?“ – „Arbeiten“, schreibt Paul. „Wollen Sie Ihren früheren Beruf wieder ergreifen oder sich einem neuen zuwenden und welchem?“ Paul schreibt: „Nehme jede Arbeit an.“ Dann fährt er offenbar mit einem Zugticket zurück nach Forst zu seiner Familie. Eine weitere Straftat danach ist nicht überliefert. Doch wenige Jahre später wird er im Konzentrationslager ermordet. Denn eine zweite Chance kennen die Nazis nicht.

Dieser Text erschien erstmals am 7. August 2026.

Ermordet im KZ – Das Geheimnis meiner Familie

Das Foto zeigt Aussagen der Familie zufolge Paul Max Gobisch, den Urgroßvater der Autorin

Ermordet im KZ – Das Geheimnis meiner Familie

Elsa mit ihrer Tochter Irmgard zu Beginn der 1930er Jahre in Forst in der Lausitz