Europäische Zentralbank

EZB-Spitze: Wie stehen die Chancen der Deutschen?

Gerüchte um einen vorzeitigen Abgang von Christine Lagarde heizen die Debatte an. Zwei Deutsche hoffen auf den Führungsposten der mächtigen Europäischen Zentralbank.

EZB-Spitze: Wie stehen die Chancen der Deutschen?

Die beiden deutschen Notenbanker Joachim Nagel und Isabel Schnabel zeigen Interesse am Chefposten der EZB.

Von Rainer Pörtner

Eigentlich bewirbt man sich nicht öffentlich für den Chefposten der Europäischen Zentralbank (EZB). Solche Karrierewünsche werden hinter verschlossenen Türen geäußert. Denn entschieden wird über diese Personalie nicht in einer Volksabstimmung oder einem Parlament, sondern nach langen Abstimmungsgesprächen durch die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union.

Isabel Schnabel (54) sorgte deshalb in der Finanzwelt für einiges Aufsehen, als sie im Dezember vorigen Jahres ganz offen ihre Ambition kundtat, der amtierenden EZB-Präsidentin Christine Lagarde nachzufolgen. „Wenn ich gefragt würde, stünde ich bereit“, sagte Schnabel. Die Deutsche sitzt bereits im sechsköpfigen Direktorium der EZB.

Kommt der Nachfolger aus dem Kreis der Notenbanker?

Etwas weniger forsch, aber auch vernehmbar meldete sich Joachim Nagel zu Wort: „Grundsätzlich dürfte jeder Notenbanker im EZB-Rat die Kompetenz zur Nachfolge für das Spitzenamt im Eurosystem haben.“ Als Präsident der deutschen Bundesbank ist der 59-Jährige ein Mitglied genau dieses Führungsgremiums und empfahl sich damit durchaus elegant zur Wahl.

Seit in dieser Woche die Spekulationen neu befeuert wurden, dass die Französin Lagarde vorzeitig ausscheiden will, stellt sich verschärft die Frage: Welche Chancen haben die beiden deutschen Kandidaten, an die Spitze der EZB zu kommen?

Personalwechsel vor der französischen Präsidentenwahl?

Christine Lagarde, deren Amtszeit eigentlich erst im Oktober 2027 endet, äußert sich bisher nicht persönlich zu den Spekulationen. Aber die „Financial Times“ berichtete unter Berufung auf Vertraute der 70-Jährigen, sie strebe einen Wechsel noch vor der französischen Präsidentschaftswahl im April kommenden Jahres an. Das würde Präsident Emmanuel Macron erlauben, noch selbst bei der europäischen Top-Personalie mitzureden, bevor möglicherweise der euroskeptische Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen das Sagen im Élysée-Palast hat.

Nun gibt es gute Argumente, dass ein Deutscher Lagardes Nachfolge antritt. Bisher ging Deutschland hier leer aus. Für den Bundeskanzler Helmut Kohl war es bei Gründung der EZB im Jahr 1998 wichtiger, dass die Bank ihren Sitz in Frankfurt bekommt. Dafür hielt er sich beim Präsidentenamt zurück. Das besetzte seither Frankreich mit Jean-Claude Trichet und Christine Lagarde zweimal, Italien mit Mario Draghi und die Niederlande mit Wim Duisenberg je einmal.

Das große Nationen-Schach in der EU

Auch die persönliche Qualifikation der beiden deutschen Aspiranten ist unumstritten hoch. Beide sind gelernte Ökonomen – im Unterschied zur Juristin Lagarde. Beide haben sich als versierte Notenbanker erwiesen. Schnabel gilt als Vertreterin einer restriktiven Geldpolitik, ohne dabei dogmatisch zu sein. Auch Nagel hält grundsätzlich nichts von einer lockeren Geldpolitik. Allerdings äußerte er sich gerade wohlwollend zur Einführung von Eurobonds, also der Schuldenaufnahme durch die EU.

Wichtiger als die fachliche Eignung dürfte aber der Ausgang des großen Nationen-Schachs in der Europäischen Union sein – und da sinken Chancen von Schnabel und Nagel, wenn Lagarde wirklich vorzeitig gehen sollte. Die Staats- und Regierungschefs versuchen die Führungsposten in der EU so zu verteilen, dass alle Staaten einigermaßen fair berücksichtigt werden. Mit Ursula von der Leyen steht jedoch bis zum Jahr 2029 eine Deutsche an der Spitze der EU-Kommission. Es gilt als ausgeschlossen, dass die Bundesrepublik für einen längeren Zeitraum gleichzeitig die beiden mächtigsten Posten in der EU besetzen darf.

Ein Spanier und ein Niederländer stehen laut Umfragen vorn

Die Chancen von Schnabel und Nagel würden wieder steigen, wenn Lagarde doch noch die volle achtjährige Amtszeit ableistet. Oder wenn Ursula von der Leyen ihrerseits vorzeitig geht. Das könnte passieren, wenn sie als Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier zur Bundespräsidentin gewählt würde. Diese Wahl soll am 30. Januar 2027 stattfinden. Von der Leyen gehört als Frau mit CDU-Parteibuch zum engeren Kreis derjenigen, die für eine Kandidatur in Frage kämen.

Für den Moment aber dürfen sich andere als die Deutschen Hoffnungen machen. In einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg unter professionellen EZB-Beobachtern stand im Januar der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot auf Platz Eins. Dahinter folgte der Spanier Pablo Hernández de Cos, aktuell Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Bundesbank-Präsident Nagel kam nur auf den dritten Platz.