Migration und Arbeit

Flucht in das deutsche Sozialparadies?

Gibt es eine Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme? Die Experten sind uneins.

Flucht in das deutsche Sozialparadies?

Jobmesse für Geflüchtete in Berlin, organisiert vom Berliner Jobcenter, der IHK Berlin und von der Handwerkskammer

Von André Bochow

Hunderttausende Kriegsflüchtlinge und andere Asylbewerber leben in Deutschland teilweise oder gar nicht vom Lohn für ihre Arbeit, bekommen aber finanzielle Unterstützung vom Staat und nutzen das Gesundheitssystem. Das entspricht nicht gerade der Idealvorstellung von einem Einwanderungsland. Deswegen steht im Koalitionsvertrag von Schwarz-Rot: „Die Anreize, in die Sozialsysteme einzuwandern, müssen deutlich reduziert werden.“

Welche Migranten sind in den deutschen Sozialsystemen und wie viele?

Die Bundesagentur für Arbeit hat Anfang des Jahres 2,4 Millionen Ausländer als Regelleistungsberechtigte registriert. Das entspricht 46 Prozent der Gesamtzahl von 5,2 Millionen. An der Spitze der Statistik stehen Ukrainer, Syrer, Afghanen und Zuwanderer aus der Türkei. Hinzu kommen Asylbewerber, die zunächst Asylbewerberleistungen empfangen. 2024 waren das laut dem Bundesamt für Statistik etwa 460 000 Menschen, neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

Dürfen Asylbewerber arbeiten?

Am Anfang nicht. Nach drei Monaten ist in der Regel eine Arbeitsaufnahme möglich, nach sechs Monaten in fast allen Fällen.

Migrieren Menschen gezielt nach Deutschland, weil die Sozialsysteme so attraktiv sind?

Ob es diesen sogenannten „Pull-Faktor“ gibt, ist umstritten. Oft wird eine Studie aus Dänemark aus dem Jahr 2020 zitiert, die fragte: „Wirken generöse Sozialleistungen magnetisch auf gering ausgebildete Immigranten?“ Die Studie beantwortet die Frage im Wesentlichen mit Ja. Andere Studien kommen laut dem Migrationsökonomen Herbert Brücker dagegen zum Schluss, dass die Sozialleistungen im Zielland keinen nennenswerten Einfluss auf die jeweilige Migrationsentscheidung haben. Auch die dänische Studie sagt übrigens nicht, dass die Sozialleistungen, die Migration auslösen, sondern „dass die Großzügigkeit des Sozialsystems für die Wahl des Ziellandes eine Rolle spielt“.

Wie lange sind Flüchtlinge durchschnittlich in den Sozialsystemen?

Im Kurzbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für das Jahr 2025 heißt es: „Die Beschäftigungsquote der 2015 nach Deutschland zugezogenen Schutzsuchenden belief sich neun Jahre nach dem Zuzug auf 64 Prozent, im Vergleich zu 70 Prozent in der Gesamtbevölkerung.“ Bei den Männern dieser Gruppe lag die Beschäftigungsquote bei 76 Prozent, bei den Frauen nur bei 35 Prozent. Der Migrationsforscher Ruud Koopmans von der Humboldt-Uni Berlin zweifelt diese Zahlen an. Im Podcast „Ronzheimer“ wies er darauf hin, dass es sich um Hochrechnungen handelt und die Zahl der tatsächlich arbeitenden Syrer deutlich niedriger sei.

Warum gibt es so große Unterschiede zwischen den Migranten?

Laut dem IAB integrieren sich Geflüchtete langsamer in den Arbeitsmarkt als andere Einwanderer. Gründe seien unter anderem Beschäftigungsverbote, langwierige Asylverfahren und Wohnsitzauflagen. Unterschiede gibt es auch zwischen den Nationen. So waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im April dieses Jahres zum Beispiel 81 440 Iraker sozialversicherungspflichtig beschäftigt, während 61 040 ihrer Landsleute Sozialleistungen bezogen. Bei Iranern lauteten die entsprechenden Zahlen 79 640 und 22 830. Folgt man dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) gilt das Argument nicht, dass die Iraner schon länger im Land seien. „Betrachtet man nur die Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, hielten sich 81,9 Prozent der Iraner maximal neun Jahre und 40,3 Prozent maximal drei Jahre im Land auf. Ein großer Teil dieser Personengruppe ist also erst in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen“, heißt es in einer Studie des IW.

Stärken Migranten auf Dauer die Sozialsysteme?

Auch hier gibt es völlig gegensätzliche Ansichten. Rudd Koopmans sieht die Bilanz bei den Flucht-Migranten negativ. „Wenn wir auf die deutschen Staatsangehörigen schauen, kommen auf einen Empfänger von Sozialleistungen zehn sozialversicherungspflichtig Beschäftigte“, sagt Koopmans. „Bei den EU-Ausländern ist das Verhältnis sechs zu eins, bei türkischen Staatsbürgern drei zu eins, bei Ukrainern, Syrern oder Afghanen haben wir deutlich mehr Leistungsempfänger als Beschäftigte.“ Insgesamt, das würden Daten aus den Niederlanden und Dänemark zeigen, trage Fluchtmigration nicht zur Stabilisierung der Sozialsysteme bei, sondern zum Gegenteil.

Dagegen ist Herbert Brücker, ebenfalls Professor an der Humboldt-Uni und Forschungsbereichsleiter am IAB, der Ansicht, „mit Blick auf den demografischen Wandel wird die Migration zunehmend positiv zum Sozialstaat beitragen“. Die deutsche Bevölkerung altere. „Durch die Zu- und Rückwanderung haben Sie einen Hebel, der die Bevölkerung permanent verjüngt“, sagte Brücker im FAZ-Interview. „Die Jungen zahlen aber Steuern und Abgaben und finanzieren damit die Rentner.“ Natürlich hänge das auch von der Arbeitsmarktintegration der Migranten ab. „Aber die verbessert sich auch schrittweise. Die Evidenz deutet also eher darauf hin, dass die Migranten unterm Strich mehr zum Sozialstaat beitragen, als sie von ihm in Anspruch nehmen“, so Brücker.