Früher waren Enid Blytons Kinderromane Kult. Ben Gregor haucht der Reihe „Der Wunderweltenbaum“ neue Seele ein.
Fran (Billie Gadsdon, Mitte) wird von Seidenhaar (Nicola Coughlan) und Mondgesicht (Nonso Anozie) den Baum hinaufgeführt.
Von Kathrin Horster
Bloß raus aus dem Schlamassel dieser Welt und rein ins Vergnügen, dachte sich vielleicht Enid Blyton, als sie 1939 die Kinderbuchserie „Der Wunderweltenbaum“ begann. Blyton hatte als Kind selbst kein schönes Leben verbracht; der Vater verschwand mit einer anderen Frau, die Mutter war streng und kühl. Als Erwachsene hat die Britin womöglich aus diesen Erfahrungen heraus ausschließlich Abenteuerromane für ein Lesepublikum bis zu 12 Jahren geschrieben. Lange waren sie Kult, später aber gerieten sie ihres einfachen Wortschatzes, der seichten Inhalte und abgegriffenen Rollenklischees wegen unter Beschuss.
Angesichts des ungebrochenen Hypes um Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Romane und deren Filmadaptionen ist die Rückbesinnung auf die altmodischere, fast vollständig verdrängte Literatur Enid Blytons bemerkenswert. Neue Seele haucht deren Fantasymärchenreihe „Der Wunderweltenbaum“ über die Abenteuer dreier Geschwister in einer magischen Parallelwelt nun der Brite Ben Gregor ein, mit enormem visuellen Witz und Respekt vor der Vorlage, ohne krampfhaften Modernisierungszwang.
Die freundliche Fee wohnt im Baum
Sehr modern arbeitet allerdings Polly (Claire Foy), die Mutter des zentralen Geschwistergespanns, als Ingenieurin für Kühltechnik, während Vater Tim (Andrew Garfield) den Haushalt schmeißt. Als Polly ihren Job verliert, zieht die Familie aufs Land, in ein Dorf, das Tim noch aus seiner Kindheit kennt. Beth (Delilah Bennett-Cardy), Fran (Billie Gadsdon) und Joe (Phoenix Laroche) sind von der maroden Hütte ohne Glasfaseranschluss, in der sie nun leben sollen, gar nicht begeistert. Deshalb streifen sie durch die umliegenden, angeblich verwunschenen Wälder. Anstatt auf böse Geister und Hexen treffen die Kinder jedoch auf die freundliche Fee Seidenhaar (Nicola Cough-lan) und deren Freund Mondgesicht (Nonso Anozie), die in einem riesigen Baum wohnen, mit bis in die Wolken reichender Krone.
Auf schwindelerregend endlosen Leitern in Paradiese
Mit ungeheurem Spaß an visuellen Details entwickelt Ben Gregor pastellfarbene, trotz ihrer Helligkeit teils unheimliche Traumszenarien. Auf schwindelerregend endlosen Leitern klettern die Kinder Paradiesen wie dem Süßigkeiten- oder Geburtstagsland entgegen. Unten auf der Erde sind die Eltern mit dem Aufbau einer Tomatenplantage und einer rettenden Geschäftsidee beschäftigt. Weiteres Konfliktpotenzial bringt die herrschsüchtige Oma (Jennifer Saunders) ins Spiel. Die Turbokapitalistin aus der Stadt verachtet die Öko-Landwirtschaft ihres Schwiegersohns und will ihm die Kinder entziehen. Spannungsreich prallen Lebensentwürfe und Generationen aufeinander, die Fantasiewelten bieten Abwechslung von den realistischeren Familienproblemen. Man kann monieren, dass Ben Gregor die Konflikte dann doch wieder relativ reibungslos nach Schema F löst; das ist in diesem Fall aber kindgerecht und kein Manko. Erwachsenen wird es auch nicht langweilig, ein kurzer Trip in die Wolken schadet nicht.
Der Wunderweltenbaum. UK 2026. Regie: Ben Gregor. Mit Billie Gadsdon, Andrew Garfield, Claire Foy. 110 Minuten.