Ende des New-Start-Vertrags

Folgt jetzt ein nukleares Wettrüsten?

Der New-Start-Vertrag zwischen den USA und Russland läuft aus. Damit entfallen die letzten Kontrollen für die Atomwaffen der Großmächte. Die globale Sicherheit ist gefährdet.

Folgt jetzt ein nukleares Wettrüsten?

Eine russische Interkontinentalrakete vom Typ Topol-M wird zur Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau gefahren. Sie kann mit einem Atomsprengkopf bestückt werden.

Von Rainer Pörtner

Am Donnerstag, 5. Februar, läuft der letzte Rüstungskontrollvertrag zwischen den USA und Russland aus. „New Start“ regelt den Umfang und die Qualität der strategischen Atomwaffen, also der schlimmsten Waffen im Arsenal der beiden Großmächte. Zum ersten Mal seit Anfang der 1970er Jahre können Amerikaner und Russen wieder ohne vertragliche Beschränkung nuklear aufrüsten. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was regelt der New-Start-Vertrag?

Die USA und Russland unterzeichneten den New-Start-Vertrag im Jahr 2010. Barack Obama, damals US-Präsident, bezeichnete ihn als „Meilenstein für die Abrüstung und die amerikanisch-russischen Beziehungen“. Das Abkommen schreibt vor, dass beide Seiten die Zahl ihrer nuklearen Sprengköpfe auf maximal 1550 und die Zahl ihrer nuklearen Trägersysteme auf 800 begrenzen – von Letzteren dürfen maximal 700 im Einsatz sein. Zur Überprüfung der strategischen Atomarsenale wurden Transparenzregeln und wechselseitige Kontrollen verabredet.

Wurde das Abkommen eingehalten?

Im Februar 2023 setzte Russland seine Mitgliedschaft an dem Vertrag aus. Präsident Wladimir Putin wollte ein Jahr nach Beginn seines Angriffskriegs gegen die Ukraine keine westlichen Inspekteure mehr ins Land lassen, weil der Westen angeblich die ukrainischen Angriffe auf strategische Ziele in Russland steuere. Im Juni 2023 hörten im Gegenzug die Amerikaner auf, Informationen über ihre strategischen Atomarsenale zu teilen und russische Inspektionen zu erlauben. Ob die Obergrenzen des Vertrags noch eingehalten werden, lässt sich nicht sagen.

Was passiert nach Vertragsende?

Putin hat im September 2025 angekündigt, dass sich Russland für ein weiteres Jahr an die „zentralen quantitativen Beschränkungen“ des Vertrags halten will, wenn auch die USA dies tun. Eine Wiederaufnahme der Inspektionen kündigte er nicht an. US-Präsident Donald Trump äußerte sich unterschiedlich. Im Oktober vorigen Jahres nannte er den Putin-Vorschlag eine „gute Idee“, zu förmlichen bilateralen Gesprächen kam es aber nicht. Anfang Januar 2026 sagte Trump zu dem Vertrag nur noch lakonisch: „Wenn er ausläuft, läuft er aus“.

Wie groß ist die Gefahr eines neuen Wettrüstens?

Die Nichtregierungsorganisation ICAN, Friedensnobelpreis-Träger 2017, zeigt sich alarmiert. Die „Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen“ ruft die USA und Russland auf, „sich weiterhin an New Start zu halten, bis ein neuer Vertrag in Kraft tritt“. Es drohe eine „Eskalationsspirale mit globalen Auswirkungen“, erklärt ICAN.

Ob ein solcher Rüstungswettlauf einsetzt, ist keineswegs gewiss. Der Bau und Unterhalt von strategischen Atomwaffen ist teuer. Russland und die USA verfügen bereits über solche Mengen an Nuklearwaffen, dass sie sich in Schutt und Asche bomben könnten. Was gewiss ist: Ohne vertraglich fixierte Kontrollen wächst das Risiko, dass es in einem Konfliktfall zu Fehleinschätzungen kommt – mit katastrophalen Folgen.

Wie sähe ein neuer Vertrag aus?

Die einfachste Lösung wäre, den bestehenden Vertrag neu aufzulegen. Dagegen gibt es viele Einwände. Ein starkes Argument: Die Welt hat sich seit 2011 sehr verändert.

Insbesondere im national-konservativen Spektrum der USA gibt es deshalb Widerstand. „Ein Abschlussabkommen an New Start zu verfolgen wäre fahrlässig“, sagt etwa Robert Peters, Forscher der US-Denkfabrik Heritage Foundation. Russland habe Abrüstungsvertrag um Abrüstungsvertrag gebrochen, dem Land sei nicht mehr zu trauen. Zudem würde von einem neuen USA-Russland-Vertrag nur einer profitieren: China, das Land mit dem weltweit am schnellsten wachsenden Nukleararsenal.

Als Donald Trump zum zweiten Mal US-Präsident wurde, wollte er mit Russland und China trilateral über nukleare Abrüstung sprechen – also den chinesischen Präsidenten Xi Jinping in eine Vertragslösung mit einbeziehen. Es sei doch unsinnig, dass die drei Länder so viel Geld für Militär und Atomwaffen ausgeben, erklärte Trump im Februar 2025. „Es gibt keinen Grund für uns, neue Atomwaffen zu bauen.“ Das Geld könne besser investiert werden: „ Lasst uns unseren Militärhaushalt um die Hälfte reduzieren.“

Aber die Chinesen winken bisher ab: Sie wollen erst einmal mit den USA gleichziehen, bevor sie über vertragliche Beschränkungen reden. Und Trump plant inzwischen keine Verringerung, sondern eine deutliche Vergrößerung des US-Verteidigungsbudgets – plus neue Tests von Nuklearwaffen.

Wladimir Putin zeigt sich nach außen hin gesprächsbereit. In seinen Vorschlägen schimmert aber die Idee durch, dass es ihm zusätzlich zu den strategischen Atomwaffen auch um eine Reduzierung der taktischen US-Nuklearwaffen in Europa sowie eine Eingrenzung der britischen und französischen Atomarsenale geht.

Was bedeutet das für die Europäer?

In Europa besteht akut die Sorge, dass sich die Großmächte über die Köpfe der Europäer hinweg verständigen könnten. Den USA unter Trump wird zugetraut, dass sie auf ihre taktischen Atomwaffen in Europa verzichten könnten, um einen Deal bei den strategischen Waffen abzuschließen. Das würde die Sicherheitslage der Europäer deutlich verschlechtern. Zudem haben die europäischen Regierungen kein Interesse daran, dass den britischen und französischen Nuklearkräften Fesseln angelegt werden – genau in dem Moment, in dem intern über eine gesamteuropäische Nuklearstreitmacht gesprochen wird.

„Europa darf nicht zuschauen, wie die größten Atommächte ihre eigenen Interessen über europäische Sicherheitsinteressen stellen“, fordern Tim Thies und Philipp Fischer vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH). „Europa muss jetzt eigene Vorschläge auf den Tisch legen, bevor eine Einigung zu seinen Lasten erzielt wird.“

Von solchen europäischen Initiativen ist bisher allerdings nichts zu sehen.