Gejagt, getötet und zerlegt von Neandertalern: Forscher haben einen fossilen Elefanten-Fund aus dem Jahr 1948 im niedersächsischen Lehringen noch einmal genauer untersucht und sind zu spannenden Ergebnissen gekommen.
Die Zeichnung illustriert, wie Neandertaler den Elefanten zerlegt haben: Mit Geräten aus Feuerstein brachen sie die dicke Haut auf, um dann Organe und Fleisch herauszulösen. Die Jagd eines solchen Bullen konnte nur als gut organisierte Gruppe gelingen.
Von Markus Brauer
Eine Mergelgrube nahe Lehringen in Niedersachsen im Jahr 1948: Ein Schuldirektor legt mit Helfern in 125.000 Jahre alte Ablagerungen der letzten Warmzeit das Skelett eines Waldelefanten frei. Er ahnt nicht, dass er einer Sensation auf der Spur ist: Zwischen den Rippen entdeckt das Team eine vollständige Holzlanze eines Neandertalers.
Nach der Entdeckung sind sich viele Forscher einig, dass der gemeinsame Fund von Skelett und Lanze von einer erfolgreichen Großwildjagd zeugt. Später gibt es Zweifel, ob wirklich eine originale Situation erhalten geblieben ist.
Elefant wurde vor 125.000 Jahren vor Ort zerlegt
Forscher der Universität Göttingen und des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD) hat nun die Rolle des Neandertalers für die Ablagerungen nun erstmals systematisch untersucht.
Zahlreiche Schnittspuren an den überlieferten Rippen belegen demnach, dass die Frühmenschen den Elefanten vor Ort zerlegt haben. Damit sei es wahrscheinlich, dass die Lanze zwischen den Rippen ein reales Jagdereignis bezeugt. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht worden.
Faunal exploitation at the elephant hunting site of Lehringen, Germany, 125,000 years ago #Neanderthalshttps://t.co/9WSJMo44xzpic.twitter.com/Q4mwquCYWI — PaleoAnthropology (@Qafzeh) March 26, 2026
3500 Kilo Nahrung für die Sippe
Der Lage der Schnittspuren nach öffneten die Neandertaler die Bauchhöhle des Elefanten, entnahmen die Organe und versorgten sich reichlich mit Nahrung. Der rund 30 Jahre alte Bulle konnte mit 3500 Kilogramm Fleisch, Organen und Fett eine größere Gruppe über längere Zeit versorgen.
Vielfältige und reichhaltige Speisekarte
Raffinierte Jagdstrategie
Mit den Ergebnissen lässt sich der Fund neu bewerten. „Allem Anschein nach hielt sich der Neandertaler in Lehringen über einen langen Zeitraum immer wieder am See auf und verfolgte eine vielfältige Jagdstrategie“, erklärtder Erstautor der Studi, Ivo Verheijen vom NLD. „Nicht nur die Gewinnung großer Fleischmengen war wichtig, sondern auch von Knochenmark und Biberpelz.“
Mit Holzwaffen, umfangreichem Wissen und kooperativem Verhalten beherrschte der Neandertaler die Jagd auf das gesamte Spektrum der warmzeitlichen Tierwelt. Er erscheint zwar als ausgeprägter Fleischesser, nutzte aber wohl auch Fisch, Muscheln und das pflanzliche Nahrungsangebot am See, vermuten die Forschenden.
Thomas Terberger, Projektleiter am NLD und Professor am Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen, ist begeistert: „Die 1948 unter schwierigen Bedingungen geborgenen Funde liefern über 75 Jahre nach ihrer Entdeckung einen entscheidenden Baustein zu einem modernen Verständnis des Neandertalers, der bereits vor 125.000 Jahren ein dem später auftretenden anatomisch modernen Menschen ebenbürtiger Jagdstratege war.“