Eine in China entdeckte Fossil-Lagerstätte enthüllt die ersten Anfänge der heutigen Tierstämme, auch des unsrigen. Denn die 550 bis 540 Millionen Jahre alten Fossilien belegen erstmals, dass die Ur-Ur-Vorfahren der heutigen Tiere schon vor Beginn des Kambrium-Zeitalters entstanden.
Eine neu entdeckte Fossil-Lagerstätte in China verrät, wie die Lebenswelt vor 554 bis 539 Millionen Jahren aussah.
Von Markus Brauer
Im Zeitalter des Ediacariums vor rund 570 bis 540 Millionen Jahren ereigneten sich Meilensteine der Evolutiongeschichte: Die ersten mehrzelligen Tiere entstanden. Diese Ediacara-Fauna hatte allerdings noch kaum Ähnlichkeit zu heute bekannten Tiergruppen.
Entwicklungsschub vor 540 Millionenn Jahren
Einige dieser Organismen glichen halbleeren Schläuchen, andere fraktalen (natürliche oder künstliche Gebilde mit geometrischen Mustern) Farnen oder elliptischen Blasen. Erst mit dem Übergang zum Kambrium vor rund 540 Millionen Jahren entwickelten sich die ersten Vertreter der Schwämme, Nesseltiere und Bilateria (Zweiseitentiere), zu denen auch wir Menschen gehören.
Von diesem entscheidenden Übergang zum Kambrium (541 bis 485,4 Millionen Jahren) und dem Ursprung der ersten Bilateria gibt es bislang kaum Zeugnisse. „Tierfossilien aus dem späten Ediacarium sind sowohl selten als auch wenig artenreich“, erklären Gaorong Li von der Universität Yunnan und seine Kollegen. Daher blieb bisher unklar, wann genau die ersten Vertreter der heutigen Tierstämme entstanden.
Die Studie ist im Fachjournal „Science“ publiziert.
A site in southwestern China holds a wide array of strange life-forms that emerged prior to the Cambrian explosion, and it pushes back the origin of complex life by millions of years. https://t.co/vRQAOJwljO — Live Science (@LiveScience) April 4, 2026
Verlorene Welten aus spätem Ediacarium
Jetzt liefert eine wahre Schatztruhe an neu entdeckten Ediacara-Fossilien eine wegweisende Antwort. Bei Ausgrabungen in der Jiangchuan-Formation der chinesischen Provinz Yunnan entdeckten Li und sein Team eine Fossil-Lagerstätte mit mehr als 700 Fossilien aus der Zeit vor 554 bis 539 Millionen Jahren.
Die Fossilien offenbaren eine reichhaltige Lebenswelt mit teilweise völlig unbekannten Organismen, aber auch mit ersten Vertretern der später aus dem Kambrium bekannten Tiergruppen.
„Diese Entdeckung ist äußerst spannend, weil sie eine Übergangsgemeinschaft offenbart: Die seltsame Welt des Ediacariums weicht dem Kambrium, dessen Tierwelt viel leichter in heute lebende Gruppen eingeordnet werden können“, erklärt Koautor Luke Parry von der University of Oxford in Großbritannien. „Als wir diese Exemplare zum ersten Mal sahen, war klar, dass wir hier etwas Einzigartiges und Unerwartetes gefunden haben.“
Viele Fossilien passen in keine bekannte Tiergruppe
Unter den Neufunden aus der Jiangchuan-Formation sind einige Wesen, die in keine bekannte Tiergruppe passen. „Ein Exemplar sieht zum Beispiel aus wie der Sandwurm aus Dune“, erläutert Dunn. Andere Organismen ähneln Meerestang, zeigen eine dreiseitige Symmetrie oder besitzen ungewöhnliche Kombinationen aus Haftscheiben, Tentakteln und umstülpbaren Mundpartien.
Zu den neu entdeckten Urzeit-Tieren gehören aber auch wurmartige Frühformen bilateralsymmetrischer Tiere und frühe Vorläufer der Seesterne und Eichelwürmer. Diese Tiere besaßen einen U-förmigen Körper, der mit einem senkrechten Stiel am Meeresgrund befestigt war. Am Vorderende des Körpers befanden sich Tentakel, mit denen die Tiere ihre Nahrung fingen.
„Die Präsenz dieser Ambulacraria schon im Ediacarium ist wirklich spannend“, berichtet Koautorin Frankie Dunn von der University of Oxford. Denn diese Tiere gehörten bereits zu den Deuterostomen, den weiterentwickelten Bilateria, deren „Vordereingang“ zum Verdauungssystem erst im Laufe der Embryonalentwicklung neu angelegt wird.
Ursprung des Menschen in wurmartigen Urzeittieren
Alle Wirbeltiere inklusive des Menschen gehören zu dieser Gruppe. Die Entdeckung von Ambulacraria-Fossilien (Meerestiere, die als Larven im Wasser schweben und als Adulttiere am Boden leben) belegt nun erstmals, dass diese Deuterostomier (Zweitmünder, Neumünder, Rückenmarktiere) schon im Ediacarium entstanden sind.
„Die neue Fossilien liefern uns den bislang überzeugendsten Beweis dafür, dass es am Ende des Ediacariums schon verschiedene Gruppen der bilateralsymmetrischen Tiere gab – nach diesen Belegen haben wir seit Jahrzehnten gesucht“, kommentiert der Paläontologe Feng Tang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.
Entstehung von Tierarten geschah früher als angenommen
Entgegen gängiger Annahme entstanden die Vorläufer vieler heutiger Tiergruppen folglich nicht erst in der kambrischen Explosion vor rund 535 Millionen Jahren, sondern schon deutlich früher.
„Unsere Entdeckung schließt eine große Lücke in den frühesten Phasen der Tier-Diversifizierung. Zum ersten Mal zeigen wir, dass viele komplexe Tiere, die normalerweise nur im Kambrium gefunden werden, bereits im Ediacarium vorhanden waren“, resümiert Li.
Die aufgefundenen Fossilien erklären möglicherweise auch, warum bisher so wenige Relikte aus dem Späten Ediacarium gefunden wurden. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das scheinbare Fehlen dieser komplexen Tiergruppen an anderen Ediacarium-Fundstellen eher auf Unterschiede in der Erhaltung zurückzuführen ist als auf ein tatsächliches biologisches Fehlen“, berichtet Koautor Ross Anderson von der University of Oxford.
Chinesische Fundstelle und kanadischer Burgess-Schiefer
Die Fossilien blieben nicht als versteinerte Abdrücke im Sediment erhalten, sondern als dünne Filme kohlenstoffhaltigen Materials. Diese Erhaltungsform ist auch für die Fossilien des berühmten Burgess-Schiefers aus dem Kambrium typisch.
Sie kommt aber nur unter ganz speziellen Bedingungen zustande, unter anderem im berühmten Burgess Shale aus dem Kambrium. „Kohlenstoff-Kompressionen wie jene in Jiangchuan sind in Gestein dieses Alters selten“, erklärt Anderson. „Dadurch sind ähnliche Gemeinschaften woanders wahrscheinlich nicht erhalten geblieben.“