Galerie Schlichtenmaier

Fotokunst-Star mit 89 Jahren: Wie beflügelt Stuttgart Vera Mercer?

Fische zwischen Blumen und verwirrende Perspektiven: Die US-amerikanische Fotokünstlerin Vera Mercer verblüfft mit ihrer Bildwelt. Mit ermöglicht wird diese in Stuttgart.

Fotokunst-Star mit 89 Jahren: Wie beflügelt Stuttgart Vera Mercer?

Vera Mercer – hier in einem Interview der Reihe „Pepper Photo-Chat“

Von Nikolai B. Forstbauer

Fein arrangierte Blumensträuße stehen auf einem Sideboard. Es ist eine Szenerie, die man sofort zu erkennen glaubt. Was sieht man aber tatsächlich? Stehen und liegen da wirklich Blumen und Blüten? Und sind sie wirklich von Früchten, Erdbeeren vor allem, umgeben? Ist, was uns in einer Ausstellung der Galerie Schlichtenmaier in den Räumen von Schloss Dätzingen (Grafenau) als Fotografie begegnet, vielleicht gar gemalt und dadurch in seiner ganzen Widersprüchlichkeit von Größen- und Lichtverhältnissen begründet?

Vera Mercer lächelt und erklärt geduldig. Spricht über Ensembles, die aus Arrangements vor Hintergrundfotografie entstehen und so beiläufig wie souverän mit Surrealem und Konzept gleichermaßen agieren. Spricht über das Kochen und das Besondere des gemeinsamen Essens an einem sorgsam arrangierten Tisch.

Vera Mercer? 1936 in Berlin geboren, wächst die Tochter des Bühnenbildners Franz Mertz in Kiel mit dem experimentellen Tanz auf, will einige Zeit selbst Tänzerin werden – und lernt während eines Engagements des Vaters in Darmstadt auch einen jungen Schweizer Tänzer und Regieassistenten kennen – Daniel Spoerri. 1958 heiratet sie den Mitbegründer der Eat-Art und wird mit einer geschenkten Leica-Kamera zur bildnerischen Chronistin der Pariser Kunstszene um Daniel Spoerri und die Nouveaux Realistes. Ungemein frisch wirken diese Aufnahmen, wie eine jetzt in der Stuttgarter Leica-Galerie zu sehende Auswahl belegt.

Zugleich aber entstehen erste Stillleben. Vera Mercer, die noch immer ein feines, nachdrücklich sich selbst wie ihr Gegenüber korrigierendes Deutsch spricht, fotografiert in den historischen Pariser Markthallen Les Halles das Treiben der Händler und die Vielfalt von Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse. Und mit gutem Grund formuliert Günter Baumann, der für die Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart und Grafenau 2025 ein Projekt mit Vera Mercer für die Schlossfestspiele Ludwigsburg realisiert: „Aus diesem Frühwerk heraus entwickelte die Künstlerin eine unverwechselbare Bildsprache, die sie sowohl in Paris wie auch in ihrem heutigen Wohnsitz Omaha, USA, weiter verfeinerte.“

Vera Mercer zieht 1970 nach Omaha

Nach Omaha zieht die Künstlerin 1970 mit ihrem zweiten Mann, dem Amerikaner Mark Mercer. Ein Leben in zwei Welten beginnt: „Die Mercers“, sagt Baumann, „steigen in die Gastronomie ein, eröffnen mehrere Restaurants und Delikatessengeschäfte“ – während Vera Mercer parallel ihre Stilllebenfotografie immer weiter verfeinert. Bis eben hin zu jenen „Bildern vor Bildern, Bildern in Bildern bis hin zu Spiegel-Bildern“ (Baumann), die Vera Mercer mit nun 89 Jahren zu einem Star der Kunst mit Fotografie machen.

Verbinden sich zuletzt gar Kunst und Kochen? Die von ihr mit ihrem Mann betriebenen Restaurants, sagt Vera Mercer, seien eher reduziert gehalten gewesen. Einladungen zu Hause aber folgten bis heute eigener Logik. Einheitliches Geschirr sei dabei nicht gefragt. „Eigentlich“, sagt Vera Mercer in einem Interview, „passt kein Stück zum anderen“ – und doch ergebe sich „wie selbstverständlich ein Ganzes“, „ganz ähnlich wie in den Stillleben“. Jedoch sei ihr Versuch, einen solchen Tisch zu fotografieren, stets gescheitert. Für das Kochen und Präsentieren gelten denn doch andere Regeln als für die Ensembles, die Vera Mercer in ihrer Fotokunst erschafft.

Eng verbunden ist das aktuelle Rampenlicht für Vera Mercer mit Stuttgart. „Als wir 2020 eine Sommerausstellung zum Thema Blumen in Schloss Dätzingen machten“, sagt Günter Baumann, Mit-Geschäftsführer der Galerie Schlichtenmaier, „schlug mir ihre Freundin Luzia Simons vor, sie mit in die Ausstellung zu nehmen. Wegen der Entfernungen zwischen Omaha und Stuttgart entwickelten wir eine kreative Geduld: sie weiterhin zeigen zu wollen und einen günstigen Augenblick abzuwarten“. Dieser „Augenblick“ kommt 2024 mit den Planungen für die Schlossfestspiele Ludwigsburg 2025. „Die Ludwigsburger Schlossfestspiele“, sagt Günter Baumann jetzt, „waren das ideale Ambiente für die erste Einzelausstellung der Galerie Schlichtenmaier, zu deren Eröffnung Vera eigens aus den USA anreiste. Der Festspielleiter Lucas Reuter hatte Veras Werk auf unserer Homepage entdeckt – und so entstand eine Kooperation, die 2025 in die Ausstellung in der Alten Porzellanmanufaktur der Residenz mündete“.

Vera Mercer fotografiert auch während Signierstunden

Mehr noch: „Das“, sagt Baumann weiter, „brachte einen Stein ins Rollen, der überspitzt gesagt wie ein kleiner Triumphzug bis zur Kunstmesse Art Karlsruhe und zurück nach Dätzingen führte“. Christian Jarmuschek, Lenker der Art Karlsruhe, feierte Vera Mercer bei der Messe-Eröffnung. Die Grande Dame, dabei ständig selbst mit der Kamera aktiv, sah sich bei ihren Signierstunden für ihr neues Buch umlagert – und das auch internationale Echo der Schlichtenmaier-Ausstellung in den Räumen von Schloss Dätzingen in Grafenau provoziert eine deutliche Verlängerung der eigentlich bis zum 8. März geplanten Schau „Die Bühne der Dinge“. Ein Titel, der auch darauf verweist, dass Vera Mercer einst für ihren Vater Bühnenmodelle fotografiert und in Paris auch für die Zeitschrift „Theater heute“ gearbeitet hat.

Produziert wurden die neuen Arbeiten in Stuttgart – durch das Fachlabor Prolab. Seit 2022 hat Prolab-Geschäftsführer Alexander Stöckle Kontakt zu Vera Mercer – und ist anhaltend beeindruclt von einem „enormen technischen Interesse“. Hat Vera Mercer „2022 ihre Arbeiten in Omaha noch selbst gedruckt und uns zum Rahmen zu Verfügung gestellt“, habe, sagt Stöckle, die Zusammenarbeit inzwischen eine „ganz eigene Qualität“. Prolab ist Vera Mercers „Partner für den europäischen Raum“. Der Zusammenarbeit verdankt sich auch die aktuelle Präsentationsform der Werke. Sie sind ohne Glas zu erleben, was den Eindruck einer malerischen Fotografie noch verstärkt. Was aber schützt diese Arbeiten? „Wir haben“, sagt Alexander Stöckle, „in Abstimmung mit Restauratoren aus dem musealen Bereich ein Papier und eine Wachskombination entwickelt, die die Arbeiten vor mechanischen Einflüssen schützt und darüber hinaus einen Schutz vor UV-Strahlung“. „Das verwendete vollsynthetische Wachs“, sagt Stöckle, „ist frei von Farbveränderung und wird in mehreren Schichten händisch aufgetragen. Wir kalkulieren mit ungefähr einer Stunde pro Quadratmeter.“

Für Vera Mercer ist Paris „die schönste Stadt“

Vera Mercer, für die bis heute Paris „die schönste Stadt“ ist, hat sich all dies in Stuttgart in den Prolab-Werkstätten zeigen lassen, und auch im Team der Druckspezialisten ist man von der „Grande Dame“, ihrer Präsenz, ihrem künstlerischen Anspruch und ihrem technischen Wissen anhaltend beeindruckt. „Vera Mercer“, sagt Alexander Stöckle, „geht mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrer Neugier an Leben, an Techniken, aber auch an jüngeren Generationen als leuchtendes Beispiel voran“. Und Günter Baumann, Mitgesellschafter der Galerie Schlichtenmaier, ergänzt: „Vera Mercer ist eine Weltbürgerin. Ohne viel Aufhebens um sich zu machen, hat sie Spuren in Europa, auf dem amerikanischen Kontinent und in Ostasien hinterlassen, die es in ihrem 90. Lebensjahr neu zu entdecken gilt.“

Derweil denkt Vera Mercer schon wieder weiter. „Vielleicht“, sagt sie in einem Interview, „sollte man sich wirklich rechtzeitig von allem trennen“. Kein Mercer-Archiv für die Ewigkeit also? Die jüngsten Erfolge dürften Vera Mercer darüber vielleicht noch einmal nachdenken lassen.

 

Wo ist Vera Mercers Kunst zu sehen?

Galerie Schlichtenmaier Die Ausstellung „Vera Mercer – Die Bühne der Dinge“ ist am Stammsitz der Galerie Schlichtenmaier in Schloss Dätzingen (Grafenau) zu sehen. Geöffnet ist Mittwoch bis Freitag von 11 Uhr bis 18.30 Uhr, an Samstagen von 11 bis 16 Uhr.

Leica-GalerieDie Ausstellung „Vera Mercer | Still. Leben“ ist vom 7. Februar bis 18. April 2026 in der Leica Galerie Stuttgart, Königsstraße 28, 70173 Stuttgart, zu sehen. Die Galerie ist von Montag bis Samstag von 10 Uhr bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei, die Ausstellung befindet sich im Untergeschoss.

Fotokunst-Star mit 89 Jahren: Wie beflügelt Stuttgart Vera Mercer?

In Stuttgart in der Leica-Galerie zu sehen: Stillleben von Vera Mercer

Fotokunst-Star mit 89 Jahren: Wie beflügelt Stuttgart Vera Mercer?

In der Galerie Schlichtenmaier in Grafenau (Schloss Dätzingen) zu sehen: Vera Mercer, Peonies in May

Fotokunst-Star mit 89 Jahren: Wie beflügelt Stuttgart Vera Mercer?

In der Galerie Schlichtenmaier in Grafenau (Schloss Dätzingen) zu sehen: Vera Mercer, Lobster