Im Indischen Ozean entdecken Forscher den mit Abstand größten, tiefsten und ältesten Walfriedhof. Sie finden fast 500 Walreste bis in eine Tiefe von 7000 Metern, teils Millionen Jahre alt. Wie ist das möglich?
Der Roboterarm eines Tauch-U-Bootes greift nach einem Wal-Fossil: Die Forscher gehen davon aus, dass es weltweit noch viele andere solche Walfriedhöfe gibt. Allein die Fläche des Grabens schätzt es auf 14.400 Quadratkilometer. Hochgerechnet könnten in der Bruchzone mehr als zehn Millionen Walreste liegen.
Von Markus Brauer/dpa
Schon zu Beginn ihrer Expedition machen die Forscher einen spektakulären Fund: Im Februar 2023 erkundet das chinesische Tauchboot „Fendouzhe“ die Diamantina-Bruchzone (Diamantina Fracture Zone) im Südosten des Indischen Ozeans, rund 1000 Kilometer westlich der australischen Stadt Perth.
Dabei stoßen die Wissenschaftler nahe des Dordrechttiefs (Dordrecht Deep) in rund 7000 Metern Tiefe auf Überreste von Walen. Die Knochen ragen aus Sedimenten hervor und sind bedeckt von einer schwarzen Schicht von Eisen-Manganoxiden. Nie zuvor waren Walfossilien auch nur annähernd in einer solchen Tiefe entdeckt worden.
Nekropole entlang Diamantina-Bruchzone
Das Ausmaß des Walfriedhofs wird erst bei 32 weiteren Tauchgängen in den folgenden Wochen deutlich. Die Nekropole – also die Totenstätte, so der Jargon der Forscher – erstreckt sich entlang der Diamantina-Bruchzone über eine Länge von 1200 Kilometern und liegt in einer Tiefe von 4200 bis 7000 Metern.
Es ist der mit Abstand tiefste, der mit Abstand größte und der mit Abstand älteste bekannte Walfriedhof. Insgesamt finden die Forscher 476 teils mehrere Millionen Jahre alte Fossilien von Walen. Von ihnen lebt ein hochspezialisiertes, vielfältiges und weitgehend unbekanntes Ökosystem, wie das Team um Xiaotong Peng von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Sanya im Fachjournal „Nature“ berichtet.
Researchers diving 7 kilometres deep in a crewed submersible have discovered a vast collection of whale bones, including fossils up to 5 million years old and species new to science https://t.co/ZiZRpdpeJj — New Scientist (@newscientist) June 10, 2026
Walstürze in der Tiefsee
Wenn ein Wal stirbt, sinkt der Kadaver gewöhnlich in die Tiefe, landet auf dem Meeresgrund und dient dort als Nahrungsgrundlage für eine Vielzahl von Organismen. Insgesamt seien solche sogenannten Walstürze zwar sehr häufig, schreibt die Gruppe, dokumentiert seien bisher weltweit aber nur etwas mehr als 70 derartige Areale. Diese reichten von relativ flachen Zonen bis in maximal etwa 4000 Meter Tiefe.
Rekordhalter diesbezüglich war bislang eine Stelle im Südwest-Atlantik vor der südbrasilianischen Küste mit 4204 Metern Tiefe, über die ein internationales Forschungsteam 2016 im Fachblatt „Scientific Reports“ berichtet hatte.„ berichtet hatte. Das jetzige Gebiet – das Team spricht von einem „Walsturz-Superkorridor“ – liegt noch bis zu 2800 Meter tiefer.
In der dort entdeckten Nekropole stießen die Forscher auf spezielle Ökosysteme, die von Quallen, Schlangensternen (Ophiuroidea), Muscheln und Bartwürmern (Siboglinidae) etwa aus der Gattung Osedax dominiert werden, die auf die Besiedlung von Skeletten auf dem Meeresgrund spezialisiert ist.
Insgesamt identifizierte die Gruppe in den aktiven Arealen 35 bekannte größere – mehr als 0,5 Millimeter messende – Arten, mit einer Dichte von bis zu 2840 Individuen pro Quadratmeter. Die meisten gesammelten Arten seien aber wohl unbekannt, schreibt die Gruppe.
Bis zu 5,3 Millionen Jahre alte Fossilien
Die Walfossilien sind bis zu 5,3 Millionen Jahre alt, wie Datierungen anhand von Strontium-Isotopen ergaben. Fünf Areale seien noch aktiv, berichten die Wissenschaftler. Die dortigen jüngeren Knochen sind demnach von dichten, weißlichen Mikrobenmatten bedeckt und von Osedax-Würmern besiedelt.
Das tiefste aktive Areal lag ebenfalls nahe dem Dordrechttief, knapp 6800 Meter unter der Wasseroberfläche. Dort identifizierten die Wissenschaftler ein fünf Meter langes Skelett anhand der charakteristischen Ohrknochen und des Genoms als Südlichen Zwergwal (Balaenoptera bonaerensis).
Mancherorts hätten die Walfossilien schon das abschließende Riff-Stadium erreicht, heißt es weiter. Diese Knochen sind von Hartsubstrat und Tieren bedeckt, wie der Seeanemone Galatheanthemum profundale, Schwämmen der Gruppe Caulophacus und Tiefsee-Seesternen der Gattung Freyastera.
Zwei noch lebende Arten unter den Gebeinen
Noch spannender ist die Analyse der alten Walfossilien. Hier fand das Team zwei heute noch lebende Arten: 7 Individuen des Andrew-Schnabelwals (Mesoplodon bowdoini) und 14 Exemplare von Layard-Walen (Mesoplodon layardii). Andere Arten sind dagegen längst ausgestorben – etwa Vertreter der Schnabelwal-Gruppen Pterocetus und Izikoziphius.
Die Resultate deuten darauf hin, dass es Walstürze in der Region schon seit mehr als fünf Millionen Jahren gibt. „Die Konzentration von Walstürzen und Fossilien in der Diamantina-Bruchzone wirft grundlegende Fragen zum Ursprung dieser Wal-Nekropole auf“, schreiben die Forscher.
Warum häufen sich in der Region so viele Walstürze?
Eine Teilantwort liefert die Zusammensetzung der Walarten: Bartenwale wie etwa Seiwal (Balaenoptera borealis) und Südlicher Zwergwal sind sehr selten. Bei den weitaus meisten Tieren handelt es sich um die zu den Zahnwalen zählenden Schnabelwale (Ziphiidae).
Diese jagen typischerweise bis in große Tiefen, etwa nach Kalmaren. Sie könnten mehr als eine Stunde die Luft anhalten und vermutlich bis in mehr als 3000 Meter Tiefe vordringen, schreibt das Team – mit dem Hinweis, dass solche Vorstöße in Tiefseegräben durchaus riskant seien. „Jagen in Tiefen über 3000 Metern wäre für Schnabelwale körperlich herausfordernd und kann das Risiko für tödliche Erschöpfung oder die Dekompressionskrankheit steigern.“
Warum sich Walkadaver in der Tiefsee ansammeln
Auch die V-förmige Topografie der tief eingeschnittenen Diamantina-Zone trage dazu bei, dass sich Kadaver von Walen dort ansammelten, heißt es weiter. Als dritten Faktor nennt das Team den Umstand, dass sich in dieser extremen Tiefe der Bruchzone kaum noch Sedimente ablagern. Dadurch bleiben die Knochen dort über mindestens viele Hunderttausende Jahre sichtbar, stellenweise sogar Millionen Jahre.
Ferner weisen gerade Schnabelwale eine sehr hohe Knochendichte auf – ihre Skelette werden also besonders langsam zersetzt. Zusätzlich geschützt werden sie demnach durch die Schicht aus Eisen-Mangan-Oxid, die die Fossilien überzieht.
Knochen überdauern wegen ihrer extremen Dichte
Diesen letzten Punkt hält auch Stephen Godfrey vom Calvert Marine Museum in Solomons (US-Bundesstaat Maryland) für entscheidend. Durch ihre extreme Dichte könnten die Knochen so lange überdauern, bis sie von Mineralien wie Eisen-Manganoxiden überzogen und so vor weiterer Zersetzung geschützt seien, schreibt der Paläontologe in einem „Nature“-Kommentar.
Die Kombination von Faktoren könne die Entstehung der extremen Wal-Nekropole erklären, schreibt die Gruppe. Teilweise erreicht die Waldichte 760 Individuen pro Quadratkilometer. Dieser hohe Wert erklärt sich dadurch, dass das Tauchboot insgesamt nur 0,64 Quadratkilometer erkundete.
Liegen bis zu zehn Millionen Wal-Überreste in der Bruchzone?
Das Team geht davon aus, dass es weltweit noch viele andere solche Walfriedhöfe gibt. Allein die Fläche des Grabens schätzt es auf 14.400 Quadratkilometer. Hochgerechnet könnten in der Bruchzone mehr als zehn Millionen Walreste liegen.
Kommentator Godfrey schreibt von einer „wahrhaft einzigartigen Entdeckung“: Er vergleicht sie mit dem Fund des Quastenflossers (Latimeria chalumnae) im Jahr 1938 vor der Küste von Madagaskar. Der Fisch galt damals seit 70 Millionen Jahren als ausgestorben.
So tief können Tiere tauchen
8370 Meter: Abyssobrotula galatheae ist ein Tiefseefisch aus der Familie der Bartmännchen. Er lebt in tropischen und subtropischen Regionen aller Ozeanen in Tiefen unterhalb von 3100 Metern. Ein totes Exemplar wurde in einer Tiefe von 8370 Meter im Puerto-Rico-Graben gesammelt.
8098 Meter: Pseudoliparis swirei ist ein Tiefseefisch aus der Familie der Scheibenbäuche. Er lebt im Marianengraben im nordwestlichen Pazifik in sehr großen Tiefen. Videoaufnahmen von Fischen, die wie Pseudoliparis swirei aussehen, gibt es aus Tiefen bis 8098 Metern.
7000 Meter: Die Kronenqualle (Periphylla periphylla) ist eine leuchtende, rotgefärbte Tiefseequalle. Die Qualle kommt in Tiefen von bis zu 7000 Metern vor und ist perfekt an ihre dunkle Umgebung angepasst.
6000 Meter: Enypniastes eximia ist eine Art der Tiefsee-Seegurken, die im gesamten Pazifik in Meerestiefen zwischen 300 und 6000 Meter vorkommt.
5000 Meter: Fangzahnfische Anoplogaster cornuta leben zwischen 200 und 5000 Metern Tiefe. Sie machen eine Vertikalwanderung. Dass heißt: Tagsüber halten sie sich in größeren Tiefen auf und wandern in der Nacht in höhere Wasserschichten.
5000 Meter: Dumbo-Oktopusse (Grimpoteuthis; syn. Enigmatiteuthis) ist eine Gattung der Tiefseekraken. Sie kommen in der kalten Tiefsee zwischen 400 und 5000 Metern vor.
2400 Meter: Der Südliche See-Elefant (Mirounga leonina) ist eine der beiden Arten der See-Elefanten. Er ist die größte Art der Robben und kann zu 2400 Meter tief tauchen.
3000 Meter: Cuvier-Schnabelwale (Ziphius cavirostris) sind Weltmeister im Tauchen. Forscher haben nachgewiesen, dass die Tiere den Tief- und auch den Zeittauchrekord unter den Meeressäugern halten. Der Zahnwal erreicht bei seinen Tauchgängen eine Tiefe von bis zu 3000 Metern.
2000 Meter: Vitreledonella richardi, auch bekannt als Glas-Oktopus, lebt in Tiefen bis zu 2000 Meter.
1200 Meter: Die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) ist die größte lebende Schildkröte. Als ausgezeichneter Taucher erreicht sie Tiefen von bis zu 1200 Meter.
1000 Meter: Der Pottwal (Physeter macrocephalus) ist ein in allen Ozeanen verbreiteter Wal aus der Unterordnung der Zahnwale. Die Bullen können in Tiefen von mehr als 1000 Meter tauchen.
540 Meter: Der Kaiserpinguin (Aptenodytes forsteri) ist die größte Art aus der Familie der Pinguine. Er kann bis zu 540 Meter tief tauchen.