Der Nato-Generalsekretär gilt als „Trump-Flüsterer“, doch seine unterwürfigen Schmeicheleien für den US-Präsidenten gefallen nicht allen in Europa.
Zwei Männer in goldenem Ambiente: Nato-Generalsekretär Rutte trifft US-Präsident Trump zum Gespräch im Weißen Haus.
Von Knut Krohn
Mark Rutte versucht wirklich alles. Bei seinem Besuch im Weißen Haus, wollte er Donald Trump sogar mit dessen eigenen Mitteln schlagen. Also präsentierte der Nato-Generalsekretär dem US-Präsidenten eine Schautafel mit vielen roten Balken. Darauf zu sehen waren die gestiegenen Investitionen der Nato-Staaten in das Bündnis. Über der plakativen Darstellung prangte in goldener Schrift: „Die Trump-Billion“, denn erst durch die Führungsstärke des US-Präsidenten hätten sich die europäischen Staaten durchgerungen, ihren Verteidigungsetat deutlich zu erhöhen, schmeichelte Rutte.
Der unbändige Zorn des 80-Jährigen
Der Zorn des 80-Jährigen war aber trotz dieser Charmeoffensive nicht zu besänftigen. Trump blieb bei seiner Meinung, dass nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich, Italien und Großbritannien die USA im Krieg gegen den Iran „im Stich gelassen“ hätten. Für Trump sind die Schuldigen an dem offensichtlichen Fehlschlag der Amerikaner an der Straße von Hormus gefunden.
Mark Rutte wurde seinem Ruf als „Trump-Flüsterer“ in diesem Fall also nicht gerecht, ihm war es kaum gelungen, knapp zwei Wochen vor dem wichtigen Nato-Gipfel in der türkischen Hauptstadt Ankara die Wogen zwischen den USA und den Verbündeten zu glätten. Die Kritik am Verhandlungsstil des Niederländers, er würde den US-Präsidenten zu sehr umschmeicheln, ließ nicht lange auf sich warten.
Der stets gut gelaunte „Teflon-Mark“
Im Nato-Hauptquartier wird sein Tun allerdings vehement verteidigt. Mark Rutte sei mit seiner positiven Art in dieser aktuell äußerst schwierigen Situation eine „sehr gute Besetzung“, betont ein hoher Diplomat in Brüssel. Und tatsächlich vermittelt der 59-Jährige stets gut gelaunte Junggeselle den Eindruck, dass er Probleme vor allem als dornige Chancen betrachtet, bei deren Lösung er bisweilen unkonventionelle Wege beschreiten muss. Mit seiner jovialen und politisch äußerst wendigen Art führte er in seiner Heimat Niederlande einst als Ministerpräsident 14 Jahre wechselnde Regierungskoalitionen, die im Grunde immer kurz vor dem Zusammenbruch standen. Während dieser Zeit überstand er mehrere Krisen, was ihm den Spitznamen „Teflon-Mark“ einbrachte.
Zu Ruttes Erfolgsrezept gehört, Gesprächspartner zu umgarnen. Wie weit er dabei geht, wurde am Rande des Nato-Gipfels im vergangenen Jahr in Den Haag öffentlich. Schon damals standen wegen der zu geringen Verteidigungsausgaben der Europäer die Zeichen auf Sturm. Also schickte Rutte kurz vor Beginn des Treffens eine SMS an den US-Präsidenten, in der er überschwänglich dessen außenpolitischen Erfolge pries und ihn in eine Reihe mit den ganz großen Präsidenten der USA hob.
Trump demütigt den Nato-Generalsekretär
Wahrscheinlich hätte es Mark Rutte vorgezogen, wenn seine private SMS an Trump ein Geheimnis geblieben wäre. Das aber kümmerte den US-Präsident wenig, der den Text damals in voller Länge und Unterwürfigkeit auf seinem Onlinedienst Truth Social veröffentlichte. Der Spott war dem Nato-Generalsekretär danach sicher, diese Art von Unterwürfigkeit führe nur dazu, dass die Europäer von Trump als Schwächlinge wahrgenommen würden, hieß es.
Doch auch Ruttes Kritiker müssen einräumen, dass er als Nato-Generalsekretär bisher die schwierigsten Situationen irgendwie gemeistert hat, ohne dass das Bündnis auseinandergebrochen ist. Selbst die existenzielle Krise angesichts der drohenden feindliche Übernahme Grönlands durch die USA konnte der redegewandte Diplomat mit einem geschickten Schachzug abmoderieren. So hob Rutte hervor, dass mehrere Bündnisstaaten sich für den Start eines neuen Überwachungseinsatzes mit dem Namen „Arctic Sentry“ ausgesprochen hatten. Damit konnte er den Amerikanern das Argument nehmen, dass die Sicherheit in der strategisch wichtigen Region nicht ausreichend gewährleistet werde - ohne dass sich in der Substanz wirklich etwas verändert hat.
Richter Mann auf dem richtigen Posten
Der wendige Mark Rutte scheint also tatsächlich der richtige Mann, zur richtigen Zeit auf dem richtigen Posten zu sein. Davon ist offensichtlich auch Donald Trump überzeugt. Der US-Präsident lobte den Nato-Generalsekretär während ihres Gespräches als eine „großartige Führungsperson“. Nicht nur für die Verteidigungsallianz ist der Niederländer deshalb von unschätzbarem Wert, denn er ist der vielleicht letzte hochrangige Politiker aus Europa, dem Donald Trump noch sein offenes Ohr leiht.