Gold gilt eigentlich als sicherer Hafen in Krisenzeiten, doch derzeit fällt der Preis deutlich. Allein in der letzten Woche rauschte der Kurs knapp 10 Prozent in den Keller. Was hinter dem Rückgang steckt.
Gold fällt auf ein neues Jahres- und Sechsmonatstief. Erfahren Sie, welche Zins-, Inflations- und Marktfaktoren den Goldpreis aktuell besonders stark unter Druck setzen.
Von Matthias Kemter
Der Goldpreis ist auf ein neues Jahrestief gefallen. Am Markt ging es knapp 10 Prozent innerhalb von einer Woche auf aktuell rund 4.100 US-Dollar je Feinunze deutlich nach unten. Auffällig ist dabei, dass die klassische Krisenlogik derzeit nur eingeschränkt greift. Die Eskalation im Nahen Osten und steigende Energiepreise stützen Gold nicht, weil viele Anleger den Blick vor allem auf Inflation, Zinsen und den Verkaufsdruck an den Märkten richten.
Zinssorgen belasten Gold
Ein zentraler Belastungsfaktor sind die Sorgen über länger hoch bleibende Zinsen in den USA. Neue Angriffe des US-Militärs auf Ziele im Iran haben die Ölpreise steigen lassen und damit zugleich die Inflationssorgen verschärft. Hintergrund ist die Befürchtung, dass höhere Energiepreise die Teuerung anheizen könnten. Gleichzeitig zeigten jüngste Daten, dass die US-Verbraucherpreise im Mai so stark gestiegen sind wie seit drei Jahren nicht mehr. Aus Sicht des Marktes spricht das dafür, dass die US-Notenbank ihren restriktiven Kurs länger beibehalten könnte. Für Gold ist das ein Problem, weil das Edelmetall keine laufenden Erträge abwirft und bei höheren Zinsen an Attraktivität verlieren kann.
Negatives Momentum am Markt
Hinzu kommt, dass sich die Stimmung am Markt zuletzt deutlich eingetrübt hat. Obwohl geopolitische Spannungen und eine höhere Inflation Gold normalerweise stützen können, setzte sich zuletzt das negative Momentum durch. Anleger trennten sich demnach trotz der angespannten Lage von Goldpositionen. Das zeigt sich auch im Terminmarkt. Dort dominierten zuletzt Wetten auf fallende Kurse.
Verkäufe und schwächere Nachfrage
Zusätzlicher Druck kam von Verkäufen staatlicher Goldbestände. So soll die türkische Zentralbank Gold verkauft und in US-Dollar getauscht haben, um ihre Landeswährung zu stützen. Auch aus einigen Golfstaaten, darunter Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien, wurden Goldverkäufe gemeldet. Gleichzeitig belasten höhere Einfuhrabgaben auf Gold in Indien die Nachfrage. Diese Kombination aus zusätzlichem Angebot und nachlassender Nachfrage verschlechtert das Umfeld für den Goldpreis zusätzlich.
Charttechnik verstärkt die Abwärtsbewegung
Neben den fundamentalen Faktoren spielte offenbar auch die Charttechnik eine wichtige Rolle. Nach dem Unterschreiten bedeutender Kursmarken wurden zahlreiche Stop-Loss-Orders ausgelöst. Solche automatischen Verkaufsaufträge können Abwärtsbewegungen zusätzlich beschleunigen, weil sie in kurzer Zeit weiteren Verkaufsdruck in den Markt bringen. Genau dieser Effekt dürfte die jüngste Schwächephase bei Gold noch verstärkt haben.
Der Blick richtet sich auf neue Daten
Am Markt richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf die anstehenden US-Erzeugerpreisdaten. Anleger erhoffen sich davon neue Hinweise auf den weiteren geldpolitischen Kurs der Federal Reserve. Solange die Unsicherheit über Inflation, Zinsen und die Marktstimmung hoch bleibt, dürfte Gold anfällig für weitere Ausschläge bleiben. Dass der Goldpreis zuletzt auf ein neues Jahrestief beziehungsweise ein Sechsmonatstief gefallen ist, unterstreicht, wie angespannt die Lage derzeit ist.