Die Grünen freuen sich über den Auftritt des Ministerpräsidenten. Und die Stuttgarter CDU schimpft über einen „Schmutzwahlkampf“.
Von Lisa Welzhofer
Stuttgart - Statt eines roten Teppichs ist es der ikonische grüne Noppen-Boden der Staatsgalerie Stuttgart, über den Cem Özdemir unter großem Jubel auf der Wahlparty seiner Partei eintrifft – oder vielmehr nach vorn auf die Bühne zu Winfried Hermann und Theresa Schopper zu schweben scheint, getragen von einer Welle der Euphorie ob dieses Ergebnisses von voraussichtlich mehr als 30 Prozent und begleitet von Fans, die Schals mit 2Ö26 in die Luft halten.
Zuvor hat der grün ausgeleuchtete, gut gefüllte Saal im Stirling-Bau frenetisch die ersten Hochrechnungen für die Grünen beklatscht, das schlechte Ergebnis der SPD beraunt, die hohen AfD-Werte bebuht und das voraussichtliche Ausscheiden der FDP bejubelt. Die ganze Polit-Prominenz ist natürlich da: Die grünen Minister Winfried Hermann, Theresa Schopper, Thekla Walker, Petra Olschowski und Danyal Bayaz ebenso wie der Fraktionsvorsitzende Andreas Schwarz, Landtagspräsidentin Muhterem Aras oder der ehemalige Stuttgarter OB Fritz Kuhn. Und auch die ehemalige Bundesparteivorsitzende Ricarda Lang ist da.
Und so ist die Stimmung bei den Grünen in der Staatsgalerie – anders als etwa in der Alten Kanzlei bei der FDP oder im LKA Longhorn bei den Linken – bei Cola-Mix, Weißwein und Grillgemüse-Wraps bestens und voll der warmen Worte für Spitzenkandidat Özdemir und sich selbst.
Bestens gelaunt ist auch Verkehrsminister Winfried Hermann, der nicht mehr zur Wahl angetreten war und seinen Wahlkreis II an Cem Özdemir abgegeben hatte. „Ich wollte natürlich nicht, dass diesmal alles den Bach runter geht, was wir aufgebaut haben.“
Zwischen Gänsehaut und Hochgefühlen schwankt der Saal dann, als ein anderer Polit-Rentner in spe ankommt und die Wartezeit auf die Rückkehr Özdemirs verkürzt: Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Wir können nicht genug dankbar sein, so jemand zu haben“, sagt der scheidende Landesvater, der sich zu diesem Zeitpunkt sicher ist, dass Özdemir sein Nachfolger werden wird. Dass zum ersten Mal jemand mit einem türkischen Namen in dieses Amt kommen könnte, sei ein „großes Signal an unsere Gesellschaft“ und Özdemir ein „personifiziertes Aufstiegsversprechen“. Man könne es in Deutschland zu etwas bringen, wenn man anpacke und vorangehe. Kretschmann selbst scheint dann ganz bei sich, als er sagt: „Ich kann jetzt froh in den Ruhestand gehen.“ Und wie sieht es beim Gegner aus?
Die einen sagen so: „Das war ein Schmutzwahlkampf der Grünen aus der untersten Schublade, wie ich ihn noch nie erlebt habe“, sagt der Stuttgarter CDU-Kreisvorsitzende Max Mörseburg. Ein anderer erfahrener Christdemokrat aus der alten Garde sagt: „Ich kann nicht fassen, dass die CDU es immer wieder schafft, im letzten Augenblick gegen die Wand zu fahren.“
Beide halten sich am Sonntagabend im Ratskeller auf – bei der Stuttgarter CDU-Wahlparty mit 250 Gästen. Enttäuschung, eine letzte, aber vergebliche Hoffnung auf zwei Direktmandate, Ungewissheit. Alle vier Kandidaten wussten, dass sie nur mit der Erststimme und dem Direktmandat in den Landtag kommen würden. Per Zweitstimme über die Liste – für sie ein Muster ohne Wert.
Eine Achterbahnfahrt der Gefühle erleben vor allem zwei der vier CDU-Wahlkämpfer. Doch zuletzt stirbt die Hoffnung. Um 21 Uhr ist klar, dass es wohl nicht reicht. Nur dies: „Wir haben gekämpft wie die Löwen“, sagt Shajeevan Thavakkumar. „Was wir beeinflussen konnten, haben wir beeinflusst“, sagt Klaus Nopper, der Bruder des Stuttgarter OB. „Wir wussten, dass wir eigentlich gegen Windmühlen ankämpfen in diesem Wahlkreis“, sagt Teresa Schreiber. „Nach so einer Schmutzkampagne“, sagt Reiners, „ermöglicht nur schwer eine Koalition.“