Scott Schumans Modefotografien

Haltung statt Hype

Der Modefotograf Scott Schuman, alias The Sartorialist, fotografiert seit 20 Jahren Städter mit Stil. Jetzt hat er seiner Wahlheimat Mailand ein üppiges fotografisches Denkmal gesetzt.

Haltung statt Hype

Menschen auf Fahrrädern – ein beliebtes Motiv bei Scott Schuman, hier aus der Via Senato, Mailand, 2023.

Von Eva-Maria Manz

Schönheit und Eleganz entstehen durch Haltung. Innerer, aber auch äußerer. Deshalb ist es natürlich interessant, über Äußerlichkeiten nachzudenken. Nicht um Trends geht es, für die sich die Mode hauptsächlich interessiert, sondern um Stil, und der ist bekanntlich das Gegenteil davon.

Eine Ahnung, wie das aussehen könnte, vermittelt der Amerikaner Scott Schuman bereits seit 20 Jahren in seinen Fotografien. Auf dem Blog „The Sartorialist“ hat er 2005 angefangen, Fotos von Menschen auf der Straße zu veröffentlichen – mit großem Erfolg.

Street-Style im ursprünglichen Sinne ist seither zum Ereignis geworden, prägt die Modewelt und ist selbst wieder Dutzende Male in Schauen und Shootings dekonstruiert worden. Nachahmer Schumans gibt es in den Sozialen Netzwerken zuhauf. Doch nie wirken die Aufnahmen so kunstvoll wie bei dem Amerikaner, der seit vielen Jahren im italienischen Mailand lebt. Mit dem Bildband „Milano“, der jetzt im Taschen-Verlag erschienen ist, hat er seiner Wahlheimat ein üppiges fotografisches Denkmal gesetzt.

Die Aufnahmen der Milanesi und ihrer Stadt wirken so präzise gesetzt, dass man leicht vergisst, wie spontan sie entstanden sind. Schuman scheint Momente zu verlangsamen – nicht nur jene, in denen schicke Männer und Frauen auf Fahrrädern vorbeidüsen, auch Skater oder Raucher mit Muße zeigt er, im Vorübergehen erwischt er Prominente: Miuccia Prada oder die Schwestern Sozzani (Franca Sozzani war langjährige Chefredakteurin der italienischen „Vogue“) tauchen auf seinen Bildern wie selbstverständlich zwischen Cafés und an Straßenecken auf.

Als Scott Schuman vor rund zwei Jahrzehnten mit „The Sartorialist“ online ging, wollte er sichtbar machen, wie Menschen mit Gespür für Kleidung ihren Alltag gestalten. Er beschreibt das Projekt als Versuch, einen Dialog zwischen Mode und täglichem Leben anzustoßen.

Dass ausgerechnet ein Amerikaner auf diese Weise Sinn für Stil und Kunst beweist, dürfte die Italiener verwundern, Scott Schuman sagte selbst einmal: „Es spielt keine Rolle, ob es im Sommer in Mailand mörderisch heiß ist. Die Männer ziehen trotzdem ihre Jacken an. So etwas sieht man in Amerika nie. Dort schaffen es Männer kaum, sich überhaupt ein Hemd fürs Büro anzuziehen.“ Doch es geht ihm um mehr als nur die Kleidung. Anmut strahlt auf seinen Bildern auch eine Blumenverkäuferin mit Turban und bunter Schürze aus. Oder eine alte Frau mit schlohweißem Haar, Hündchen und Pantoffeln. Überhaupt: Wer noch einen Beweis für das Zeitlose der Schönheit braucht, der möge sich Scott Schumans Bilder anschauen. Gerade weil Schuman Mode nicht auf Ware reduziert, behalten seine Fotografien ihre Frische. Sie erzählen von Haltung statt von Hype. So liest sich „Milano“ weniger als modisches Zeitdokument, sondern als zurückhaltendes Porträt einer Stadt und ihrer Bewohner.

Zum Buch

Scott Schuman: The Sartorialist. Milano. Taschen-Verlag, 248 Seiten, 60 Euro,

taschen.com

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