Drei Tote auf einem Kreuzfahrtschiff im Atlantik – das Hantavirus macht Sorgen. Die Krankheit ist auch in Deutschland endemisch, insbesondere in Baden-Württemberg.
Hantavirus-Analyse im Labor – vor allem in Amerika gibt es gefährliche Varianten.
Von mic/red
Anfang Mai 2026 sorgt ein Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius für Schlagzeilen: Drei Passagiere starben, mehrere weitere erkrankten schwer, ein 69-jähriger Brite wird auf einer Intensivstation in Johannesburg behandelt. Hantavirus – das klingt nach fernen Kontinenten. Ist es aber nicht. Denn das Virus ist auch in Deutschland längst heimisch.
Was ist das Hantavirus?
Der Name geht auf den Fluss Hantan in Südkorea zurück, an dem während des Koreakrieges in den 1950er-Jahren mehr als 3.000 amerikanische Soldaten an einem starken Fieber mit anschließendem Nierenversagen erkrankten. Das bis dahin unbekannte „Hantaan-Virus“ wurde erst 1977 isoliert.
Die Familie der Hantaviridae umfasst zahlreiche Arten, die je nach Typ unterschiedliche Erkrankungen verursachen: schwere Lungenerkrankungen, akutes Nierenversagen oder hämorrhagische Fiebererkrankungen. Die Viren sind weltweit verbreitet und treten auch in Mitteleuropa auf. In Deutschland wird die Erkrankung vor allem durch das Puumala-Virus (PUUV) verursacht, dessen Hauptüberträger die Rötelmaus ist. Die infizierten Nager selbst erkranken nicht – sie scheiden das Virus jedoch lebenslang mit Speichel, Urin und Kot aus.
Mensch-zu-Mensch-Übertragung beim Hantavirus
Die Übertragung auf den Menschen erfolgt überwiegend durch das Einatmen virushaltiger Stäube aus Nagerausscheidungen (Mäusekot), seltener durch Bisse oder direkten Kontakt. Die Inkubationszeit beträgt je nach Virustyp zwischen 5 und 60 Tagen. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist bei den in Europa vorkommenden Virustypen selten bis ausgeschlossen – sie ist lediglich von einem Ausbruch in Südamerika 1996 beschrieben worden.
Hantavirus: Deutschland vs. Amerika
Je nach Kontinent und Virustyp unterscheidet sich das Krankheitsbild erheblich. In Europa und Asien stehen Nierenschäden im Vordergrund – das sogenannte hämorrhagische Fieber mit renalem Syndrom (HFRS). Die durch das Puumala-Virus ausgelöste Erkrankung wird auch als Nephropathia epidemica (NE) bezeichnet und verläuft vergleichsweise mild. Sie heilt meist folgenlos aus, kann in schweren Fällen jedoch eine Dialyse erforderlich machen.
Ganz anders das Bild auf dem amerikanischen Doppelkontinent: Dort verursachen Hantaviren vor allem das gefürchtete Hantavirus-assoziierte pulmonale Syndrom (HPS) – eine schwere Lungenentzündung mit Lungenödem, die abrupt eskalieren und zum akuten Lungenversagen führen kann. Genau dieses Krankheitsbild dürfte auch auf der MV Hondius eine Rolle gespielt haben.
Tödliche Hantavirus-Varianten
Die Unterschiede in der Sterblichkeit sind dramatisch: Während Puumala-Infektionen in Mitteleuropa in weniger als 1 Prozent der klinisch auffälligen Fälle tödlich verlaufen, liegt die Letalität beim ostasiatischen Hantaan-Virus und beim Dobrava-Virus bei bis zu 15 Prozent – und bei den amerikanischen Varianten wie dem „Sin-Nombre-Virus“ oder dem „Andes-Virus“ bei rund 30 bis 40 Prozent.
Hantavirus-Hotspot in Baden-Württemberg
Innerhalb Deutschlands gehört Baden-Württemberg zu den am stärksten betroffenen Regionen – insbesondere die Schwäbische Alb mit ihrem hohen Buchenwaldanteil, aber auch der Odenwald und Oberschwaben. Der Grund: Die Rötelmaus ernährt sich von Bucheckern. Nach ertragreichen Buchenmastjahren explodiert die Mäusepopulation – und mit ihr die Zahl der Hantavirus-Fälle im Folgejahr.
Die Schwankungen sind enorm: Während in ruhigen Jahren nur wenige Dutzend Fälle gemeldet werden, kam es in Epidemiejahren wie 2012 oder 2021 zu über 1.000 Erkrankungen allein in BW. Unter anderem gab es damals auch Fälle im Polizeipräsidium Einsatz in Göppingen.
Starke Schwankungen bei Hantavirus-Infektionen
Seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2001 liefert das Robert Koch-Institut verlässliche bundesweite Daten. Sie zeigen: Die Fallzahlen schwanken dramatisch. 2010 und 2012 waren mit über 2.000 beziehungsweise fast 2.900 gemeldeten Fällen bundesweit besonders schwere Jahre. Darauf folgten ruhige Phasen – 2013 nur 161 Fälle, 2022 sogar nur 143. Zuletzt stiegen die Zahlen wieder leicht an: 2023 wurden 337 Fälle gemeldet, 2024 bereits 425, 2025 wieder 293.
Im Frühjahr 2021 meldeten deutsche Wissenschaftler zudem erstmals eine humane Infektion mit dem Tula-Virus – einem weiteren Hantavirus, das wahrscheinlich durch Feldmäuse übertragen wird und bei einem 21-Jährigen zu einem akuten Nierenversagen führte.
Hantavirus-Statistik in Deutschland
Hantavirus-Diagnose, Therapie und Prävention
Die Diagnose erfolgt vor allem über den Nachweis spezifischer Antikörper im Blut (IgM, IgG). Eine gezielte antivirale Therapie gibt es nicht – die Behandlung ist symptomatisch: Flüssigkeitsgabe, intensivmedizinische Versorgung, im Ernstfall Dialyse oder Beatmung. Das Mittel Ribavirin zeigt zwar Laboraktivität gegen Hantaviren, wird wegen unklarer Wirksamkeit und schwerer Nebenwirkungen aber in der Regel nicht eingesetzt.
Einen Impfstoff gibt es bislang nicht – er befindet sich noch im Entwicklungsstadium. Prävention bedeutet daher vor allem: Kontakt mit Nagerausscheidungen meiden. Wer Keller, Schuppen oder Gartenhaus aufräumt, sollte Atemschutzmaske und Handschuhe tragen, Flächen vor dem Kehren befeuchten und den Bereich vorab gründlich lüften. Nagetierkadaver sollten zunächst mit Desinfektionsmittel eingesprüht und dann mit Einmalhandschuhen entfernt werden.