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Historiker Moshe Zimmermann: Israel und USA auf dem Weg zu Autoritarismus

In zahlreichen Demokratien sieht der Historiker Moshe Zimmermann einen beunruhigenden Prozess im Gang: Teils überfordert, teils verführt, geben Bürger ihre Souveränität preis.

Historiker Moshe Zimmermann: Israel und USA auf dem Weg zu Autoritarismus

Moshe Zimmermann, israelischer Historiker, sieht in Israel und den USA einen Übergang zu autoritären Strukturen (Archivfoto).

Von red/KNA

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann sieht in verschiedenen Demokratien aktuell einen Übergang zu autoritären Strukturen mit Billigung des Volkes. Der Erfolg von Benjamin Netanjahu in Israel sowie von Donald Trump in den USA seien "Musterbeispiele für den Irrweg, den Völker, die freiheitlich-demokratisch sozialisiert wurden, eingeschlagen haben, um sich an 'alternative Fakten' inklusive einem alternativen Verständnis von Realität oder von Demokratie anzupassen", schreibt Zimmermann in seinem neuen Buch "People gone mad", das am Donnerstag erschien.

Diese Entwicklung werde paradoxerweise von einem breiten Konsens getragen, so der frühere Professor der Hebrew University für moderne Geschichte, der seine These anhand historischer Beispiele aus Frankreich, den USA, Deutschland und Israel darlegt. Um die Bürger in die Irre zu führen, würden Desinformationen verbreitet, demokratische Verfahren und Amtsträger delegitimiert und Garanten der Rechtsstaatlichkeit ausgeschaltet.

Zu viel Information

Eine Herausforderung für die freiheitliche Demokratie und die notwendige Meinungsbildung sieht Zimmermann in der rasanten Entwicklung der Informationstechnologie und der neuen Medien: "Je mehr die Technik uns mit Informationen überschüttet, desto schwieriger ist es, Desinformation als solche zu erkennen und zu bekämpfen."

Mehr Information könne auch zu mehr Verwirrung führen, so Zimmermann: "Statt Skepsis, dem Kontrollinstrument des denkenden Menschen, führen Zweifel an Grundwerten und Wahrheiten zur Aufgabe der Kontrollen. Die Verwirrung, die Verunsicherung, das Abhandenkommen von sozialer Sicherheit werden zu Wegbereitern für populistische 'Lösungsvorschläge'." An den Nutzer individuell ausgespielte Informationsangebote erwiesen sich dabei als "neuartige Zensur".

Auch die Covid-Pandemie 2020 mit dem "Balanceakt zwischen Freiheit und Sicherheit" spielte laut Zimmermann einem Vertrauensverlust in demokratische Institutionen in die Hände. Angesichts staatlicher Restriktionen war aus Sicht des Historikers für viele nicht mehr klar, wer "der eigentliche Feind 'des Volkes' oder der freiheitlichen Demokratie" war.

Frage nach dem Kipppunkt

Als Schwierigkeit für die Rettung angegriffener Demokratien nennt der 1943 geborene Wissenschaftler, den Zeitpunkt zu erkennen, an dem die Dynamik hin zum Illiberalen unumkehrbar wird. "War der Knackpunkt im Kampf gegen die AfD in Deutschland der Einzug in den Bundestag 2017 mit rund zehn Prozent der Stimmen oder erst acht Jahre später, als die 20-Prozent-Marke erreicht war und ein Verbot dieser Partei keine Chance mehr hatte?", fragt Zimmermann.

Mit Blick auf sein Heimatland Israel rechnet der Historiker damit, dass der "Abwehrkampf der freiheitlichen Demokratie" verloren geht. Der Trend scheine eher in die andere Richtung zu weisen. "Vielleicht war sogar Hannah Arendt naiv, als sie den gewaltlosen Widerstand eine 'wirkungsvolle Waffe' nannte", überlegt Zimmermann. Dennoch bleibt ihm für diejenigen, die einer Selbstzerstörung der Demokratie nicht gleichgültig zusehen wollen, nur der "moralische Appell an die Verantwortung und an den Menschenverstand".