Hitzesommer 2026

Wieder war es ein verheerendes Jahr für die Alpen-Gletscher

Hitzewellen und wenig Schnee setzen den Gletschern in der Schweiz, Österreich und Deutschland massiv zu. Warum kleine Gletscher bereits verschwinden und der Nachschub an Trinkwasser zurückgeht.

Wieder war es ein verheerendes Jahr für die Alpen-Gletscher

Gletscher in der Schweiz: Was auf den ersten Blick pittoresk wirkt - ein idyllischer Sommertag in den Alpen mit Touristen, die einen Gletscher fotografieren - ist in Wirklichkeit ein Warnsignal. Die Alpengletscher schmelzen immer schneller dahin.

Von Markus Brauer

Die Gletscher der Erde haben einer neuen Studie zufolge seit dem Jahr 2000 eine große Menge ihres Gesamtvolumens verloren. Unter der Leitung des World Glacier Monitoring Service (WGMS), der an der Universität Zürich (UZH) in der Schweiz angesiedelt ist, und der TU Graz in Österreich haben Forscher die Studie „Glacier Mass Balance Intercomparison Exercise“ (GlaMBIE) durchgeführt. Die Analyse ist im Fachmagazin „Nature“ erschienen.

Die Gletscher sind  nach der Erwärmung der Ozeane der zweitgrößte Verursacher für den weltweit steigenden Meeresspiegel, noch vor den Beiträgen des Grönland-Eisschildes, den Veränderungen in der Wasserspeicherung an Land und den Beiträgen des antarktischen Eisschildes.

Alpengletscher schmelzen in Rekordtempo

Vor allem in den Alpen werden die dramatischen Folgen des Klimawandels immer deutlicher sichtbar. Der Schneemangel im vergangenen Winter und die große Hitze im Sommer haben für die Alpengletscher teils extreme Auswirkungen. In der Schweiz sind in diesem Jahr rund 5,5 Prozent des Eisvolumens geschmolzen, wie das Schweizerische Gletschermessnetz (Glamos) berichtet. Es bezeichnet das Jahr als verheerend für die Gletscher. Auch in Österreich und Deutschland erwarten Fachleute erhebliche Verluste.

„Alpengletscher haben unter solchen Bedingungen langfristig keine Überlebenschance“, teilt Glamos mit. Die mittlere Eisdicke einzelner Schweizer Gletscher habe um 2,5 bis vier Meter abgenommen. Nur im Rekordjahr 2022 sei der Verlust größer gewesen. Das Messnetz führt die Entwicklung auf den Klimawandel zurück. Der Eisverlust war in den vergangenen fünf Jahren fast doppelt so hoch wie in den fünf Jahren davor.

Nullgradgrenze über 4000 Metern

Glamos gehört nach Schweizer Angaben mit einer über 140-jährigen Messreihe zu den ältesten Gletschermessnetzen der Welt. Es vermisst regelmäßig 23 der rund 1400 Gletscher Schweizer Gletscher und rechnet dies auf alle Gletscher hoch.

Im Winterhalbjahr 2025/26 sei in allen Höhenlagen deutlich weniger Schnee als im langjährigen Mittel gefallen, so Glamos. Die Nullgradgrenze habe an 76 Tagen über 4000 Metern gelegen - so häufig wie nie zuvor. Die schützende Schneedecke auf den Gletschern sei teilweise bereits im Juni verschwunden gewesen. Im September habe selbst auf 3.500 Metern kein Schnee mehr gelegen.

Gletscherschwund und Wasserknappheit

Insgesamt verloren die Gletscher von Juli bis September rund 2200 Milliarden Liter Wasser, berichtet Glamos. Das ist mehr als das Vierfache dessen, was die Schweizer Haushalte im Jahr an Trinkwasser brauchen. Das Schmelzwasser hilft derzeit noch, sommerliche Wasserknappheit abzumildern. Dieser Effekt nimmt mit der schrumpfenden Eisfläche jedoch bereits deutlich ab.

Kleine Gletscher seien inzwischen verschwunden, etwa der Bella-Tola-Gletscher im Wallis und der Plattalvagletscher, auch Griessfirn genannt, in Glarus. Die Gletscher Allalin, Clariden, Großer Aletsch und Rhone hätten in diesem Jahr eine so starke Schmelze erlebt wie nie zuvor seit Messbeginn, berichtet Glamos.

Deutschland in maximal zehn Jahren ganz ohne Gletscher

Auch den vier letzten deutschen Gletschern setzte die Hitze erneut schwer zu. Sie büßten schon bis 2025 innerhalb von nur zwei Jahren mehr als ein Viertel ihrer Fläche ein. Rund eine Million Kubikmeter Eis gingen insgesamt verloren, wie eine Vermessung durch den Geografen Wilfried Hagg von der Hochschule München und den Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) im vergangenen Jahr ergab.

Auch dieses Jahr sei ein erheblicher Verlust zu erwarten, heißt es unter anderem bei der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus an der Zugspitze.

Felssturz an der Zugspitze - Tauender Permafrost

Vor wenigen Tagen hatte ein Felssturz an Deutschlands höchstem Berg Zugspitze für Aufsehen gesorgt. Ein Zusammenhang mit den hohen Temperaturen dieses Sommers wird vermutet. Die Abbruchstelle lag in 2800 Metern Höhe, wo der Boden in der Tiefe teils gefroren ist.

Es handelt sich dabei also nicht um einen Gletscher, sondern um sogenannten Permafrost, der das Gestein wie Kleber zusammenhält und mit steigenden Temperaturen taut. Wissenschaftler untersuchen derzeit die genauen Ursachen des Felssturzes.Tauender Permafrost erschwert aber auch die Arbeit der Gletscherforscher: Denn das zunehmend bröckelnde Gestein erhöht das Risiko für die Vermessungsteams, wie ÖAV-Experte Kellerer-Pirklbauer schildert. Dazu kämen noch weitere Faktoren wie vermehrte Spalten im schmelzenden Eis. „Es wird durchaus gefährlicher.“ (mit dpa-Agenturmaterial)

Wieder war es ein verheerendes Jahr für die Alpen-Gletscher

Eine große Staubwolke ist an der Zugspitze zu sehen, nachdem sich am Grenzkamm mehrere Kubikmeter Felsen gelöst haben.