Größer als heutige Löwen

Höhlenlöwen – ausgestorbene Raubtiere der Eiszeit

Höhlenlöwen trennten sich von modernen Löwen schon vor über einer Million Jahren. Seitdem entwickelten seither viele Eigenheiten, auch wenn es mitunter Kontakte gab.

Höhlenlöwen – ausgestorbene Raubtiere der Eiszeit

Schädel eines Höhlenlöwen mit teilweise erhaltenem Weichgewebe. Er wurde im sibirischen Permafrost in der Nähe des Flusses Indigirka gefunden und mittels Radiokarbonmethode auf ein Alter von circa 34.000 Jahren datiert.

Von Walter Willems (dpa)/Markus Brauer

Heute scheint es schwer vorstellbar: Noch bis vor etwa 13.000 Jahren wurde das nördliche Eurasien – auch Mitteleuropa – von Höhlenlöwen durchstreift, die größer waren als heutige Löwen. Aus Genomanalysen rekonstruiert ein internationales Forschungsteam im Fachjournal „Cell“ die Evolutionsgeschichte dieser bislang rätselhaften Art.

Der eurasische Höhlenlöwe gehört zu den größten Löwen, die je gelebt haben. Von den Steinzeitmenschen während des Oberen Jungpaläolithikums wusste man bislang nur, dass sie kleinere Tiere jagten. Archäologische Hinweise darauf, dass sie auch Löwen erlegten, waren bislang gering.

Das Team um David Stanton vom Centre for Palaeogenetics (CPG) in Stockholm untersuchte das Erbgut von zwölf Höhlenlöwen aus Eurasien und Nordamerika, die vor etwa 148.000 bis vor 17.000 Jahren lebten, und verglich es mit 20 Genomen von modernen Löwen aus Afrika und Asien.

„Einzigartige biologische Eigenheiten“

Die ältesten eindeutigen Löwen-Fossilien sind der Studie zufolge etwa 1,9 Millionen Jahre alt. Anhand genetischer Mutationsraten schätzt das Forscherteam, dass sich Höhlenlöwen (Panthera spelaea) und gewöhnliche Löwen (Panthera leo) schon vor mehr als einer Million Jahren voneinander trennten – wesentlich früher als bislang angenommen.

„Höhlenlöwen wurden oft einfach als größere, kräftigere Version moderner Löwen dargestellt“, sagt Erstautor Stanton. „Aber in ihren Genomen sehen wir etwas viel Bemerkenswerteres: eine Linie, die sich unabhängig über mehr als eine Million Jahre entwickelte und einzigartige biologische Eigenheiten ansammelte.“

Zum Vergleich: Der Homo sapiens existiert nach derzeitigem Kenntnisstand seit grob 300.000 Jahren.Wie das Team weiter berichtet, fand es genetische Veränderungen, die unter anderem mit Gehirn, Sehen, Wachstum und Kreislauf in Verbindung stehen.

Das passt dazu, dass die Tiere nicht nur größer waren als ihre heutigen Verwandten, sondern dass sie andere Ökosysteme bewohnten und sich wohl auch anders verhielten. Bereits vorher war vermutet worden, dass sie auch ein helleres Fell hatten als ihre heutigen Verwandten.

Vermischungen während der Kaltzeiten

Allerdings fand das Team genetische Hinweise darauf, dass beide Arten nicht ständig voneinander isoliert waren, sondern sich gelegentlich miteinander vermischten. Kurioserweise hingen diese Vermischungen der Studie zufolge mit klimatischen Veränderungen zusammen. Spuren moderner Löwen fanden sich demnach im Erbgut von Höhlenlöwen am ausgeprägtesten während Kaltzeiten – etwa vor 64.000 Jahren und vor 22.000 Jahren.

Vermutlich wichen die Höhlenlöwen vor der Kälte in wärmere Gefilde aus und kamen so eher in Kontakt mit ihren weiter südlich lebenden Verwandten – etwa mit einer vermutlich im 20. Jahrhundert ausgestorbenen Population moderner Löwen in Südwestasien.

Demnach enthielt einer der untersuchten Höhlenlöwen, der vor etwa 20.000 Jahren im östlichen Mittelasien lebte, zu etwa vier Prozent Erbgut eines modernen Löwen.„Unsere Resultate deuten darauf hin, dass frühere Klimaveränderungen nicht nur Lebensräume veränderten“, erläutert Studienleiter Love Dalén aus Stockholm. „Sie brachten aktiv Arten zusammen und schufen kurze Gelegenheiten für Vermischungen, die es andernfalls nicht gegeben hätte.“