Steven Spielberg hat es wieder getan – und mit „Disclosure Day“ einen fantastischen Science-Fiction-Thriller auf die Leinwand gebracht.
Margaret (Emily Blunt) kann plötzlich die Gedanken und Gefühle ihrer Mitmenschen lesen
Von Martin Schwickert
Mit seinem neuen Film „Disclosure Day“ kehrt Steven Spielberg in sein eigentliches Habitat, den Science-Fiction-Film, zurück. Die Zukunft als filmischer Entdeckungsraum spielte im Werk des mittlerweile 79-jährigen Regisseurs und Produzenten stets eine zentrale Rolle. Bereits 2001 blickte er mit „A.I. – Künstliche Intelligenz“ auf die Auswirkungen einer Technologie, die heute beginnt, unser Leben grundlegend zu verändern.
Mit „Minority Report“ (2002) reiste er in einen futuristischen Überwachungsstaat, der sich einer präventiven Kriminalitätsbekämpfung verschrieben hat. Vor allem aber beschäftigte sich Spielberg immer wieder mit der Begegnung zwischen Menschen und außerirdischen Lebensformen. Schon in seinem vierten Kinofilm „Die unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) ließ er UFO’s auf der Erde landen. Mit „E.T. – der Außerirdische“ eroberte ein kleiner Alien die Herzen des irdischen Publikums. In „Krieg der Welten“ (2005) inszenierte er nach dem Roman von H. G. Wells eine weniger friedfertige Begegnung mit außerirdischen Invasoren.
Wo sind die Beweise?
Nun beleuchtet Spielberg das Thema noch einmal aus einer anderen Perspektive. Ausgangspunkt ist ein 2017 in der „New York Times“ erschienener Artikel, der von einem geheimen Pentagon-Programm berichtet, in dem mögliche UFO-Phänomene untersucht wurden. Daraus entwickeln Spielberg und sein Drehbuchautor David Koepp („Jurassic Park“) die Prämisse ihres Films: Die Beweise für außerirdische Lebensformen, die der Erde bereits einen Besuch abgestattet haben, werden von der regierungsnahen Organisation WARDEX systematisch geheim gehalten – und eine Gruppe von Aktivisten versucht, diese zu veröffentlichen.
Der Plot erinnert nicht von ungefähr an die guten, alten Verschwörungsthriller der 1970er Jahre, aber auch an „Men in Black“, in dem die schwarz gekleideten Herren alle Hände voll zu tun hatten, um die Erinnerung an die Begegnungen mit illustren Außerirdischen aus dem Gedächtnis zu löschen. Aber natürlich ist Spielbergs Herangehensweise weniger komödiantisch angelegt, sondern stellt die Grundfrage, ob die Menschheit bereit ist für die Erkenntnis, dass es Außerirdische gibt, die möglicherweise weiter entwickelt sind als sie selbst.
Gefolterte Aliens
Der Computerspezialist Daniel (Josh O’Connor), der die Beweise hierfür aus dem Hauptquartier von WARDEX gestohlen hat, ist fest davon überzeugt, dass die ganze Erdbevölkerung ein Recht auf die Wahrheit hat. Die Videodokumente aus den letzten neun Jahrzehnten, die er heruntergeladen hat, zeigen Wrackteile von abgestürzten Ufos sowie außerirdische Wesen, die gefangen genommen, verhört und gefoltert wurden. Aber Daniel ist nicht nur ein überzeugter Whistleblower, sondern besitzt auch übermenschliche, mathematische Fähigkeiten, deren Herkunft er sich nicht erklären kann.
Ähnlich geht es der TV-Meteorologin Margaret (Emily Blunt), die plötzlich während des Wetterberichts eine außerirdische Sprache zu sprechen beginnt und die Gedanken und Gefühle ihrer Mitmenschen lesen kann. Über unsichtbare Kanäle scheinen die beiden miteinander verbunden und der Leiter der Aktivistengruppe Hugo (Coleman Domingo) weiß, dass sie sich gemeinsam verdrängten Erinnerungen stellen müssen, um ihre übermenschlichen Fähigkeiten zu entfalten. Genau dies versucht der WARDEX-Chef Noah Scanion (Colin Firth) mit allen Mitteln und einer Armada von Agenten zu verhindern.
Im Zeitalter von Remakes, Sequels und Spin Offs hat man schon fast vergessen, wie originelles, intelligentes Hollywoodkino aussieht. Spielberg inszeniert einen packenden Thriller, der nicht unentwegt auf die Tube drückt, sondern seine Story langsam, spannungsreich auffächert und gezielte Action-Akzente setzt.
Waffen? Empathie!
Innerhalb seines klassischen Science-Fiction-Plots verhandelt „Disclosure Day” ein ganzes Bündel an politischen, gesellschaftlichen, psychologischen und auch religiösen Themenstellungen. Die Menschheit sieht sich in diesem Szenario mit einem herannahenden dritten Weltkrieg konfrontiert. Aber als die Bilder der Aliens auf allen Displays des Globus zu sehen sind, scheint die Faszination für die Außerirdischen jegliche Feindseligkeiten zumindest für einen kurzen pazifistischen Moment zu überbrücken.
Bemerkenswert ist auch, dass die Heldinnen und Helden des Films sich gänzlich unbewaffnet gegen ihre paramilitärisch ausgerüsteten Gegner zur Wehr setzen. Die schärfste Waffe, die Margaret immer wieder zum Einsatz bringt, ist ihre ausgeprägte Empathiefähigkeit, mit der sie die Gegner durch tiefes, zwischenmenschliches Verständnis kampfunfähig macht.
Blunt ist herausragend in dieser Rolle und kann ihre ausdrucksstarken Augen als Instrument des Mitgefühls auf vielschichtige Weise zum Einsatz bringen. Wenn dann schließlich im Finale ein leibhaftiges Alien ins TV-Studio geschoben wird, könnte dessen Botschaft an die Menschheit einfacher nicht sein. Lange aneinander gereihte Knatterlaute sind aus dem Mund des Wesens zu hören. Die Übersetzung ist deutlich kürzer: „Hört zu!” – eine Empfehlung, die in der Tat einiges verändern könnte.
Disclosure Day. USA 2026. Regie: Steven Spielberg. Mit Josh O’Connor, Emily Blunt, Colin Firth, 145 Minuten, ab 12 Jahren