Bereits vor 1,77 Millionen Jahren

Homo erectus kam früher nach Asien als gedacht

Der Homo erectus gilt als erster Auswanderer aus Afrika. Jetzt legen drei fossile Schädel aus China nahe, dass sich dieser Frühmensch früher und schneller über Eurasien ausgebreitet hat als bislang für möglich gehalten.

Homo erectus kam früher nach Asien als gedacht

Homo erectus gilt als die erste Menschenart, die Afrika verließ und den eurpäischen und asiatischen Kontinent besiedelte.

Von Markus Brauer

Afrika ist die Wiege der Menschheit. Die „Out-of-Africa“-Hypothese, wonach alle Frühmenschen von der südlichen Halbkugel der Erde stammen, ist längst Allgemeingut der Paläoanthropologie – also jener Wissenschaft, die sich mit den alten, stammesgeschichtlich frühen und ausgestorbenen Arten der Hominini beschäftigt.

Doch wann die ersten Vertreter der Gattung Homo Afrika verließen und Asien und Europa erreichten, ist noch immer nicht vollständig geklärt. Die ältesten zuverlässig datierten Fundstücke am Übergang zwischen Asien und Europa stammen aus Dmanissi in Georgien und sind rund 1,85 Millionen Jahre alt.

Älteste Funde in Eurasien

Die ältesten Steinwerkzeuge Europas stammen aus der Ukraine und sind rund 1,4 Millionen Jahre alt. In Südwesteuropa wurden die ältesten Artefakte in Spanien und Südfrankreich gefunden und auf ein Alter von rund 1,2 Millionen Jahren datiert.

Doch es mehren sich Hinweise darauf, dass Frühmenschen den eurasischen Kontinent womöglich noch früher erreichten. Darauf weisen 2,12 Millionen Jahre alte Steinwerkzeuge aus China hin.

Erster Auswanderer aus Afrika

Homo erectus gilt als die erste Menschenart, die Afrika verließ und den eurpäischen und asiatischen Kontinent besiedelte. Fossilfunde aus der Frühzeit des Homo erectus sind allerdings selten, so dass eine exaktere Datierung schweirig ist.

Das bisher älteste Fossil ist ein rund zwei Millionen Jahre alter Kinderschädel aus Südafrika. Die nächstältesten Funde sind rund 1,8 Millionen Jahre alte Schädel aus Dmanisi in Georgien. Sie sind auch die ältesten Homo-erectus-Fossile Eurasiens.

Die meisten Homo-erectus-Fossilien aus Ostasien und Südostasien sind erst einige hunderttausend Jahre alt. Die bisher ältesten Funde stammen aus China mit rund 1,65 Millionen Jahren sowie aus Indonesien mit rund 1,3 Millionen Jahren.

Drei fossile Schädel aus Yunxian

Eine Fundstätte in China wirft jetzt ein neues Licht auf die Timeline der Besiedlung. Nahe Yunxian in der chinesischen Provinz Hubei hatten Forscher schon in den 1970er Jahren zwei Frühmenschen-Schädel entdeckt. Weil diese stark deformiert waren, konnte ihre Zugehörigkeit nicht eindeutig bestimmt werden.

Das änderte sich erst im Jahr 2022. „Jüngste Ausgrabungen an der Fundstätte führten zur Entdeckung eines dritten, relativ intakten Schädels“, berichten Hua Tu von der Shantou Universität und seine Kollegen.

Dieser dritte Frühmenschen-Schädel könnte tatsächlich vom Homo erectus stammen. Weil er in derselben Fundschicht wie seine beiden Vorgängerfunde lag, spricht dies dafür, dass alle drei Schädel aus Yunxian von dieser Frühmenschen-Art stammen.

Alter von rund 1,77 Millionen Jahren

Erste wissenschaftliche Datierungen ergaben ein Alter von rund 870.000 bis 830.000 Jahren. Eine spätere Datierung deutete eher auf rund eine Million Jahre hin. Allerdings waren diese Daten mit großen Unsicherheiten behaftet, wie die Paläontologen erklären.

Deshalb haben die Paläontologen die Schädelfunde von Yunxian neu datiert und dabei Überraschendes herausgefunden: Die drei Frühmenschen-Schädel aus Yunxian sind erheblich älter als bisher angenommen. Die Forscher ermittelten ein Alter von rund 1, 77 Millionen Jahren.

Wie konnte Homo erectus solche Strecken zurücklegen?

„Dieser Datierung zufolge könnten die Homo-erectus-Fossilien aus Yunxian die ältesten sicher datierten Homininen-Fossilien in Ostasien sein.“ Älter sind demzufolge nur die Schädel aus dem georgischen Dmanisi mit gut 1,8 Millionen Jahren.

Der Homo erectus muss sich demnach weit schneller über Eurasien ausgebreitet haben. „Die Funde aus Yunxian deuten darauf hin, dass der Homo erectus vor rund 1,77 Millionen Jahren schon viel weiter gekommen ist als nur bis Dmanisi in Georgien“, erklären Tu und seine Kollegen.

Wie der Frühmensch es allerdings schaffte, diese enormen Entfernungen in so kurzer Zeit zurückzulegen und warum er dies tat, bleibt ungeklärt.

Wer schuf noch ältere Artefakte?

Ebenfalls rätselhaft bleiben einige archäologische Funde aus dem chinesischen Shangchen und Xihoudu. Dort wurden Steinabschläge und Steinwerkzeuge entdeckt, die schon 2,1 und 2,43 Millionen Jahre alt sind. Sie sind damit noch älter als alle Homo-erectus-Fossilien in Eurasien und Afrika. Das wirft die Frage auf, welche Menschenart diese Artefakte hinterließ.

„Das Rätsel darüber, wann genau der Homo erectus erstmals in dieser Region auftauchte, bleibt bestehen“, resümiert Co-Autor Christopher Bae von der University of Hawaii in Manoa. „Ebenso, ob der Homo erectus wirklich die erste Menschenart an einigen dieser Orte in China und anderswo in Ostasien war.“