Was bedeutet die schleichende Kriegsmüdigkeit für Netanjahus Regierung – und die nahenden Parlamentswahlen?
Linke Aktivisten protestieren vor dem US-Konsulat in Tel Aviv gegen den Iran-Krieg.
Von Mareike Enghusen
Es war eine weitere unruhige Nacht für viele Menschen in Israel: Im Großraum Tel Aviv schlugen von Montag auf Dienstag mehrere Fragmente iranischer Raketen ein, zertrümmerten Häuser, entfachten Brände und bohrten Krater in Straßen und Gehwege. Ums Leben kam bei dieser Angriffswelle niemand. Doch erst am Sonntag hatte eine iranische Rakete in der nordisraelischen Stadt Haifa mindestens vier Menschen getötet.
Seit dem Beginn des Irankrieges vor über einem Monat pendelt das Leben in weiten Teilen Israels zwischen Alltag und Alarm: Meist mehrmals täglich treiben Warnsirenen die Menschen in Bunker und Schutzräume. Der Rückhalt für die Offensive war anfangs hoch: 93 Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels äußerte in Umfragen Unterstützung (in der arabischen Minderheit nur ein Viertel). Seitdem sinkt die Zustimmung jedoch stetig: Zuletzt sprachen sich in einer Umfrage des Israel Democracy Institute, einer liberalen Denkfabrik, nur noch 78 Prozent der jüdischen (und 19 Prozent der arabischen) Israelis für eine Fortsetzung der Kämpfe aus. Und am vergangenen Samstag demonstrierten in Tel Aviv und anderen Städten Hunderte für ein Ende des Krieges.
Stimmungswandel zeigt einen klaren Trend
Der Stimmungswandel scheint nicht dramatisch – doch er zeigt einen klaren Trend. Und er dürfte der Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, die sich demnächst zur Wiederwahl stellen muss, nicht gefallen. „Wir erleben historische Tage“, hatte Netanjahu zu Beginn des Krieges verkündet. „Wir zerschlagen das Terrorregime im Iran.“ Die Islamische Republik, deren Vertreter dem Jüdischen Staat regelmäßig mit Zerstörung drohen, wird in Israel weithin als fundamentale Bedrohung gesehen, insbesondere ihr umstrittenes Atomprogramm. So lässt sich der hohe Rückhalt für die Offensive erklären, die Israel am 28. Februar gemeinsam mit den USA begann. „Hauptsache, sie bringen die Sache zu Ende“ – Sätze wie dieser fallen häufig, auf Märkten, in Bussen, in Bars. Doch nach über fünf Wochen erscheint das Regime in Teheran trotz massiver Verluste weiter stabil. Eine Rebellion der zahlreichen Regimegegner im Iran, auf die in Israel viele gehofft hatten, lässt auf sich warten. Und zugleich steigt der Preis, den Israel für die Offensive zahlt.
Mehr als 20 Zivilisten sind seit Kriegsbeginn bei Raketenbeschuss umgekommen, Tausende wurden verletzt. Weil Schulen und Kindergärten geschlossen sind, können viele Eltern kaum arbeiten; viele Firmen müssen wegen des Ausnahmezustands ihren Betrieb einschränken. Offiziellen Schätzungen zufolge kostet der Krieg die Wirtschaft umgerechnet 1,4 Milliarden Euro pro Woche. Und womöglich könnte die Offensive kurz vor einer weiteren Eskalation stehen: Die Frist, die US-Präsident Donald Trump dem iranischen Regime gesetzt hatte, einer Reihe von Forderungen zuzustimmen, sollte am Dienstag auslaufen. Für diesen Fall hatte Trump mit noch massiveren Attacken gedroht. Sollten sich die Kämpfe noch länger hinziehen, ohne klare Erfolge zu bringen, könnte sich die Stimmung in Israel weiter gegen den Krieg drehen – und womöglich auch gegen die Regierung, die ihn begonnen hat.
Netanjahus Regierung ist unbeliebt
Bei den anstehenden Parlamentswahlen hat die Koalition aus rechten, religiösen und rechtsextremen Kräften unter Ministerpräsident Netanjahu Umfragen zufolge kaum Chancen auf Wiederwahl. Schon seit dem Terrorangriff der Hamas von 7. Oktober 2023, auf den die Sicherheitskräfte mit fataler Verspätung reagierten, ist die Regierung unbeliebt. Doch manche Analysten hatten erwartet, dass der Irankrieg ihr Ansehen verbessern könnte. „Noch ist es zu früh, um zu beurteilen, wie der Krieg sich innenpolitisch auswirkt“, sagt Jonathan Rynhold, Politikwissenschaftler an der Bar-Ilan-Universität bei Tel Aviv, dieser Zeitung. „Sollte es im Iran zu einem Regimewechsel kommen, wäre das gut für Netanjahu. Aber im Moment hilft der Krieg ihm nicht. Und je weniger eindeutig das Ergebnis des Kriegs aussehen wird, desto schlechter wird es für ihn.“