Um die Uni Hohenheim und das Naturkundemuseum Stuttgart hat sich ein einzigartiges Zentrum für Artenkenntnis und Naturschutz entwickelt. Es wirkt einer großen Bedrohung entgegen.
Amelie Höcherl, Entomologin am Naturkundemuseum, fängt Insekten mit einem Schlauch aus einem Kescher.
Von Lisa Kutteruf
Die Rechnung ist einfach: Ohne Artenvielfalt keine Ökosysteme. Ohne Ökosysteme keine menschliche Existenz. Die Lage ist alarmierend: Viele Pflanzen- und Tierarten weltweit werden derzeit seltener oder sterben aus. Nicht nur das Klima also, sondern auch die Biodiversität ist in der Krise – und bedroht die Zukunft der Menschheit. „Biodiversität ist die Lebensgrundlage von uns allen“, sagt Lars Krogmann, wissenschaftlicher Direktor des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart – und nennt damit einen Grund von vielen, die Natur zu schützen.
Um Arten zu bewahren, muss man diese allerdings erst einmal erkennen. Das veranlasste die damalige Landesregierung unter Winfried Kretschmann (Grüne) 2019 zum Handeln. Sie startete eine Initiative für den Erhalt der Artenvielfalt und initiierte ein Netzwerk, das sie anschließend förderte: das Kompetenzzentrum für Biodiversität und integrative Taxonomie (KomBioTa). Dieses Zentrum, getragen von der Universität Hohenheim und dem Naturkundemuseum Stuttgart, hat sich seit seiner Gründung vor fünf Jahren zu einem Hotspot des Artenschutzes mit europaweitem Renommee entwickelt. „Es gibt Studierende, die wegen der Taxonomie extra nach Stuttgart gekommen sind“, sagt Johannes Steidle, Professor für chemische Ökologie an der Uni Hohenheim und Netzwerk-Vorstand. Taxonomie bedeutet, Lebewesen wissenschaftlich zu klassifizieren, beschreiben und zu benennen.
Stuttgarter Meldeplattform für Tapinoma-Ameise
Das Kompetenzzentrum beobachtet und dokumentiert die Artenvielfalt und beschreibt neue Arten. Die bekannteste Entdeckung dürfte die nach dem Ex-Ministerpräsidenten benannte Wespe Aphanogmus kretschmanni sein. Zudem erforscht KomBioTa invasive Arten und berät Kommunen, wie sie mit diesen umgehen können. Beispiele dafür sind die Große Drüsenameise Tapinoma magnum und der Asiatische Laubholzbockkäfer Anoplophora glabripennis. „ Die Tapinoma-Ameise ist auch um Stuttgart verbreitet und bildet dort Superkolonien“, sagt Amelie Höcherl, Insektenforscherin am Naturkundemuseum. Sie und ihr Forschungsteam haben ein Meldeportal für die Große Drüsenameise eingerichtet und informieren beispielsweise darüber, wie man die aus dem Mittelmeerraum stammende Art identifizieren kann.
Um Insektenbestände zu überwachen, arbeitet das Zentrum unter anderem mit Keschern und hat zehn sogenannte Malaise-Fallen im ganzen Bundesland aufgebaut. Eine von ihnen steht vor dem Naturkundemuseum am Stuttgarter Löwentor. Insekten, die sich im Netz der Falle verfangen, werden in ein Behältnis geleitet, das regelmäßig gewogen wird. So können die Forschenden beobachten, wie sich die Zahl der Insekten über die Jahre entwickelt – derzeit schlecht. „Leider bestätigt unser Monitoring das Insektensterben“, sagt Johannes Steidle. Die Forschenden haben die Hoffnung, dass die Insektenzahl durch Maßnahmen wie Grünstreifen oder weniger Einsatz von Pestiziden irgendwann wieder steigt.
Das Netzwerk bringt etwa 150 Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus Systematik, Ökologie, Genetik, Informatik, Naturschutz, Sozial- und Agrarwissenschaften zusammen. Sie entwickeln unter anderem Schutzkonzepte wie insektenfreundliche Mähmaschinen und Biotopverbünde. Ob sie wirken, prüft das Kompetenzzentrum auch mithilfe von Robotik und Künstlicher Intelligenz bei der Artenbestimmung. Hierbei ist das Zentrum deutschlandweit Vorreiter.
Auch die neue Landesregierung unterstützt Artenforschung
Dabei geht es nicht nur um große, bekannte Exemplare wie Bienen oder Hummeln. Es sind vielmehr oft kleine Zikaden und parasitische Wespen wie das einen Millimeter große, nach Kretschmann benannte Exemplar, die ins Netz gehen und Aufschluss geben über Arten und Bestandsentwicklung. „Für viele sind das aber leider nur schwarze Punkte“, bedauert Tobias Wilhelm vom Naturkundemuseum. Die Insektensamples sind wie Wissensspeicher für andere Forschungsprojekte. So konnte Doktorand Simon Müller durch sie etwa untersuchen, inwiefern sich der Grad an Agrarnutzung auf Insektenarten auswirkt.
Auch unter der neuen grün-schwarzen Landesregierung unter Cem Özdemir wird die Biodiversitätsforschung gefördert, wie Lars Krogmann und Johannes Steidle zu ihrer Freude erfahren haben. Wichtig wäre aus Sicht des Kompetenzzentrums, Insektenbestände auch an anderen Orten in Deutschland und Europa zu dokumentieren, um eine größere Datengrundlage zu haben. Bislang ist Baden-Württemberg ein Solitär.
Ruf nach mehr Wildnis zum Tag der Artenvielfalt am 22. Mai
AppellDer Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) fordert mehr Wildnis in Deutschland. Wildnisgebiete müssten mindestens zwei Prozent der Landesfläche ausmachen, erklärt die Organisation. Mittelfristig will der BUND in Deutschland fünf Prozent der Fläche als Wildnisgebiete sehen. Bislang beträgt der Anteil den Angaben zufolge nur 0,6 Prozent. Die Nationale Biodiversitätsstrategie sieht ein Zwei-Prozent-Ziel bis zum Jahr 2030 vor. Der BUND argumentiert, dass Wildnisgebiete die Biodiversität, das Klima und den Wasserhaushalt schützen. Die Natur soll sich dort frei entwickeln können. Für Erholung, Tourismus, Bildung und Forschung dürften sie aber betretbar sein.
Jahrestag Anlass für die Forderung nach mehr Wildnis in Deutschland ist der Internationale Tag der biologischen Vielfalt. Dieser wurde durch die Vereinten Nationen ins Leben gerufen und wird jedes Jahr am 22. Mai begangen. (epd)
Johannes Steidle (Professor an der Uni Hohenheim, Fachgebiet Chemische Ökologie) bei der Insektenfalle vor dem Naturkundemuseum: „Es gibt Studierende, die wegen der Taxonomie extra nach Stuttgart gekommen sind.“
Auch mithilfe von Keschern kann man Insekten fangen und erfassen, wie Amelie Höcherl, Insektenforscherin am Naturkundemuseum, zeigt.
Viele Insektenarten sind klein.
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