Teheran verzichtet auf Hinrichtungen. Im Gegenzug blasen die USA ihre angedrohten Luftangriffe ab. Die Opposition im Iran sieht sich von Trump verraten.
Die Aufnahme kursierte im Internet und zeigt Menschen im iranischen Kahrizak, die zwischen dem 9. und 11. Januar versuchten, unter Duzenden von Leichen Opfer zu identifizieren.
Von Thomas Seibert
Millionen Menschen bei Protestkundgebungen, mindestens 3500 Tote bei Straßenschlachten, ein einwöchiger Internet-Blackout – doch die iranische Führung tut so, als habe es nur einen kleinen Betriebsunfall gegeben. Sein Land habe eine „dreitägige Terror-Operation“ im Auftrag Israels erlebt, sagt Außenminister Abbas Araghchi – dabei dauerten die Proteste zwei Wochen und wurden von Iranern aus allen Bevölkerungsschichten getragen. Hinrichtungen werde es keine geben, versicherte der Minister im amerikanischen Fernsehsender Fox, der US-Präsident Donald Trump zu seinen treuen Zuschauern zählt.
Araghchis Versprechen ist Teil eines Deals der iranischen Führung mit Trump, der zumindest vorerst auf die angedrohten Luftangriffe verzichtet. Die iranische Opposition fühlt sich von den USA verraten. Das Entsetzen über die Brutalität der Einsatzkräfte bei den Unruhen seit dem 28. Dezember könnte nach Einschätzung von Regierungsgegnern schon bald neue Proteste auslösen.
Oman vermittelt
Mit dem Verzicht auf Hinrichtungen öffnete der Iran eine Tür für Trump: Der US-Präsident konnte seine mehrmaligen öffentlichen Drohungen mit Luftangriffen zurücknehmen, nachdem wichtige arabische Staaten und Berater wie Vizepräsident JD Vance davon abgeraten hatten. Damit entgeht das iranische Regime neuen Bombardements, die den Fortbestand der Islamischen Republik bedroht hätten. Trump betonte zwar, er werde die Entwicklung weiter verfolgen, doch allen Beteiligten ist klar, dass der Iran zumindest vorerst aus dem Schneider ist.
„Das Töten hat aufgehört, und Hinrichtungen finden nicht statt“, sagte Trump unter Berufung auf „sehr wichtige Quellen“ auf der iranischen Seite. Araghchi sagte, die Verantwortung für die Todesopfer liege bei pro-israelischen „Terroristen“, die Polizisten und Demonstranten erschossen hätten, um eine US-Intervention zu provozieren. Die iranische Justiz, die für Mittwoch die Hinrichtung des 26-jährigen Demonstranten Erfan Soltani angekündigt hatte, erklärte, Soltani sei wegen Vergehen angeklagt, für die der Galgen nicht vorgesehen sei.
Vor der Einigung hatte Araghchi mit Trumps Berater Steve Witkoff gesprochen. Zudem vermittelte das Sultanat Oman: Außenminister Badr al-Busaidi verhandelte in Teheran mit Araghchi und Präsident Massud Peseschkian; Oman hatte schon in früheren Krisen zwischen dem Iran und den USA als Vermittler gedient.
Die iranische Opposition empfindet den Deal als Hohn. „Die Enttäuschung ist sehr groß“, sagt die deutsch-iranische Aktivistin Daniela Sepehri, die viele Kontakte im Iran hat. „Die Menschen im Iran wurden von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen.“ Statt Hilfe für die Opposition habe es nur Ankündigungen gegeben.
Es herrscht die Angst
Dabei schlug das Regime mit so viel Brutalität zu wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die iranische Exil-Menschenrechtsgruppe IHR in Norwegen hat 3500 Todesopfer allein vom 8. bis zum 12. Januar gezählt. Wegen der Internet-Sperre sei es schwierig, die Zahl der Toten seit Beginn der Proteste am 28. Dezember zu ermitteln. Noch nie seit einem Massaker an 5000 Häftlingen 1988 hat die Islamische Republik so viele Gegner bei einem Ereignis getötet. „Was ich höre, sind Berichte von Tod und Zerstörung überall und vom Schock über das Ausmaß der Brutalität des Regimes“, sagte der Iran-Experte Arash Azizi von der Universität Yale in den USA. „Die Leute haben Angst, vor die Tür zu gehen.“
Menschenrechtler und Augenzeugen berichten von Polizisten und Revolutionsgarden, die in Demonstrationszüge feuerten und Scharfschützen, die von Dächern aus gezielt Menschen töteten. In einigen Fällen hätten die Einsatzkräfte fliehenden und unbewaffneten Demonstranten in den Rücken geschossen, berichtete Amnesty International. „Unser ganzes Stadtviertel riecht nach Blut, so viele Menschen haben sie getötet“, sagte ein Iraner dem persischen Dienst der BBC. Ein anderer Augenzeuge berichtete auf der Plattform X, sein 24-jähriger Neffe sei vor den Augen seines Vaters vor seiner Wohnungstür erschossen worden.
Unter den Opfern war auch die 23-jährige Rubina Aminian, die Modeschöpferin werden wollte. Sie starb am Abend des 8. Januar in Teheran durch einen Schuss in den Hinterkopf, wie IHR mitteilte. Als ihre Verwandten ihre Leiche zur Beerdigung abholen wollten, wurden sie von den Behörden zu Aminians Universität bestellt. „Dort sahen sie hunderte Leichen von jungen Leuten, von denen viele Kopf- und Nackenschüsse aufwiesen.“ Die Familie durfte Rubina nicht auf dem Friedhof beisetzen, sondern musste sie am Straßenrand verscharren. Damit wollen die iranischen Behörden verhindern, dass die Zahl der Opfer ermittelt werden kann.
Nun herrsche Ruhe im Land, sagte Araghchi. Das sieht die Opposition anders. „Wut und Schock sind immer noch da“, meint der in den USA lebende Aktivist Navid Mohebbi. „Das Spiel ist noch nicht vorbei. 2026 ist ein entscheidendes Jahr.“