Seit Jahren wird zwischen Berlin und Paris über das geplante deutsch-französische Luftkampfsystem FCAS gestritten. Nun steht es offenbar vor dem Aus.
So könnte der europäische FCAS-Kampfjet aussehen – ob er aber je gebaut wird, steht in den Sternen.
Von Knut Krohn
Die EU steuert auf eine der größten Blamagen ihrer Geschichte zu. Der geplante deutsch-französische Kampfjet FCAS steht offenbar vor dem Aus. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, sei nach monatelangem, erbittertem Streit zwischen Berlin und Paris keine Einigung über das Prestigevorhaben erzielt worden.
Bei dem 100-Milliarden-Projekt, an dem auch Spanien beteiligt ist, geht es nicht nur um die Entwicklung eines neuen Kampfflugzeuges der sogenannten sechsten Generation. Hinter der kryptischen Abkürzung FCAS verbirgt sich das „Future Combat Air System“. Der Jet selbst wäre nur der zentrale Teil eines intelligenten Kampfsystems, er wäre vernetzt mit Drohnenschwärmen zu einem in sich zusammenhängenden Gefechtssystem, in dem alle Teile unablässig ihre Informationen austauschen und koordiniert agieren.
FCAS ist mehr als nur ein Kampfflugzeug
Das drohende Aus ist nicht nur militärisch und industriepolitisch eine Katastrophe. FCAS sollte die europäischen Ambitionen verdeutlichen, auch machtpolitisch durchaus in einer Liga mit den USA und China spielen zu wollen. Beide Staaten arbeiten seit Jahren an ähnlichen Kampfflugzeugen der sechsten Generation. Die Signale, die die Europäer seit dem Beginn der Planung im Jahr 2019 an den Rest der Welt senden, sind allerdings eher fataler Natur. Im Zentrum steht der Streit um die Führungsrolle bei der Planung und Ausführung, der geprägt ist von persönlichen Eitelkeiten und nationalen Egoismen.
Auf deutscher Seite sorgten immer wieder die Aussagen des selbst- und machtbewussten Dassault-Chef Éric Tappier für Unmut. Das französische Unternehmen hat bereits das Kampfflugzeug Rafale entwickelt und verfügt damit in seinen Augen allein über die umfassende Erfahrung im Bau moderner Jets. Beim Partner Airbus wollte man das allerdings nicht hinnehmen. Die Deutschen wollte eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und von den Franzosen nicht zum bloßen Geldgeber degradiert werden. Also keilte Airbus-Chef Guillaume Faury, im Dezember zurück und erklärte in Richtung Paris, wenn Dassault mit den bestehenden Vereinbarungen nicht zufrieden sei, stehe es dem Unternehmen frei, „sich aus FCAS zurückzuziehen“.
Streit zwischen Paris und Berlin
Um den Streit um die Führungsrolle zu schlichten, beauftragten beide Seiten Ende März laut Medienberichten den früheren Chef des Panzerbauers KMW, Frank Haun, und den ehemaligen französischen Rüstungsmanager Laurent Collet-Billon damit, noch einen Lösungsversuch zu unternehmen. Offenbar ohne Erfolg.
Im Februar hatten sich sogar die Staats- und Regierungschefs eingeschaltet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron unterstützte noch einmal die Pläne für das gemeinsame Luftkampfsystem. „Ich zweifele daran nicht“, betonte er Mitte Februar öffentlich. Man habe gemeinsame Bedürfnisse identifiziert, die auch nicht infrage gestellt würden. Diese Aussage Macrons war eine direkte Reaktion auf eine Bemerkung von Bundeskanzler Friedrich Merz, der kurz zuvor das 100-Milliarden-Euro-Projekt erstmals offen in Frage gestellt hatte.
Der Kanzler gibt dem Projekt kaum eine Zukunft
Dabei verwies er auf die unterschiedlichen Anforderungen an einen Kampfjet der neuen Generation. „Im Hinblick auf die Atomwaffenfähigkeit und im Hinblick auf die Flugzeugträgerfähigkeit“ hätten die Franzosen eben andere Vorstellungen, erklärte Kanzler Merz, was nach mehreren Jahren Zusammenarbeit allerdings eine überraschende Erkenntnis ist. Zuletzt mehrten sich in Deutschland und Frankreich die Stimmen, die die Entwicklung zweier verschiedener Kampfjets fordern und die Zusammenarbeit auf Drohnen und weitere Komponenten beschränken wollen.
Beiden Seiten sitzt für eine mögliche Lösung in dem Streit inzwischen die Zeit im Nacken. Im kommenden Jahr stehen in Frankreich die Präsidentschaftswahlen ins Haus und es liegt im Bereich des Möglichen, dass die extreme Rechte Marine Le Pen oder ihr Ersatzmann Jordan Bardella siegreich in den Élysée-Palast einziehen werden. Das wäre unweigerlich das Ende des FCAS-Projektes, denn beide haben bereits angekündigt, in diesem Fall Rüstungsprogramme mit Deutschland zu beenden.
Die endgültige Entscheidung über den gemeinsamen Kampfjet könnte noch in dieser Woche fallen. Donnerstag und Freitag treffen sich Emmanuel Macron und Friedrich Merz beim informellen Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs auf Zypern. Die EU will dort ein Signal der Geschlossenheit senden, im Fall von FCAS ist diese Chance längst verpasst.