Stuttgarter Wissenschaftlerin warnt

„Kinder sollten rumhängen dürfen“ – Wie die Familienferien gelingen

Wie viel Faulenzen und Handyspielen ist für Kinder und Jugendliche in den Ferien wirklich gut? Eine Stuttgarter Erziehungswissenschaftlerin hat eine klare Meinung dazu.

„Kinder sollten rumhängen dürfen“ – Wie die Familienferien gelingen

Spielen und sich langweilen, ohne dauernd etwas lesen zu müssen – wie sinnvoll ist das in den Ferien?

Von Florian Gann

Die Pfingstferien dauern zwei Wochen. Für viele Eltern stellt sich wieder die Frage: Sollten die Kinder lernen oder sich einfach mal langweilen? Christine Sälzer, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Uni Stuttgart, klärt auf.

Frau Sälzer, Erziehungswissenschaftler erwähnen immer wieder, dass es für Schülerinnen und Schüler in den Ferien neben Erholung auch wichtig ist, eine Zeit zu erleben, in der sie selbst bestimmen können, was sie tun. Wie sollten Ferien für Kinder aus Ihrer Sicht aussehen?

Ich sehe das ähnlich. Grundsätzlich kann man sagen: Schüler sollten unverplante Zeit haben dürfen – mit Angeboten. Ein Angebot kann auch eine Hängematte sein, ohne den Anspruch, dass dort etwas gelesen werden muss. Man sollte rumhängen dürfen, wenn man sich dabei erholt – oder im Jugendalter auch mal am Handy sein. Wir unterstellen häufig, dass das sinnloses Rumdaddeln sei. Ist es aber bei Weitem nicht immer. Allerdings ist die Feriengestaltung sehr individuell und abhängig vom Alter. Je jünger, desto mehr Struktur ist hilfreich. Das gibt Sicherheit.

Ausruhen sollte also im Vordergrund stehen?

Pausen sind wichtig. Immer. Nicht nur in den Ferien. Auch innerhalb einer Stunde kann ich nicht dauernd sprinten. Ich muss zwischendrin auch mal locker laufen.

Das heißt: Wenn man Schulkinder hat, sollte man sie in den Ferien lieber in Ruhe lassen mit Schulzeug.

Grundsätzlich ja. Gleichzeitig haben manche Kinder zwischendurch auch in den Ferien mal Lust, ein paar Aufgaben zu rechnen oder an einem Problem herumzuknobeln. Dem Wunsch darf man natürlich nachgehen. Eltern können das auch von sich aus anbieten. Aber man sollte ein gutes Maß finden. Denn Schüler brauchen den Wechsel zwischen Ferien und Schulzeit, zwischen verplanter und unverplanter Zeit. Deswegen sollte man in den Ferien grundsätzlich nichts erwarten, keine Lernziele verfolgen.

Welche Auswirkungen kann es haben, wenn man zu viel erwartet?

Ich habe zum Beispiel im Zug schon Szenen beobachtet, in denen Eltern mit ihren Kindern Matheaufgaben gemacht haben und bei Fehlern völlig fatalistisch waren. Also gesagt haben: „Wenn du das jetzt nicht kannst, wie soll das etwas mit dem Gymnasium werden.“ Das sollte man auf keinen Fall machen. Natürlich vergessen Kinder, wenn sie etwas länger nicht machen – Erwachsene ja auch. Mit solchen Sätzen erzeugt man aber beim Kind unnötig negative Gefühle. Das ist absolut kontraproduktiv, weil Lernen auf diese Weise total weg vom Selbstzweck genommen wird und erst dann als Erfolg gilt, wenn es einem äußeren Ziel dient – und nicht, weil es an sich Freude macht oder Neugier befriedigen kann.

Aber vergisst man ohne Übung über die Ferien nicht etwas?

Aus amerikanischen Studien wissen wir, dass es in den Sommerferien einen Summer Learning Gap, also Sommerlernlücken gibt, in der einige Dinge vergessen werden. Dort dauern die Sommerferien aber auch etwa drei Monate. In Deutschland mit den sechs Wochen Sommerferien wurde dieser Effekt bisher nicht gefunden. Es gibt aber auch nicht viele Studien. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass in den kürzeren Ferien, wie etwa jetzt über Weihnachten, das Vergessen eine noch geringere Rolle spielt beziehungsweise die Dinge schnell wieder reaktiviert werden können.

Der Zugang in Deutschland, eher häufiger und dafür kürzere Ferien zu haben, ist in der Hinsicht also nicht so schlecht?

Da würde ich grundsätzlich zustimmen, ja.

Es gibt auch Schülerinnen und Schüler, die im Laufe des Schuljahres im Stoff hinterherhinken. Sollte man zumindest in dem Fall versuchen, das aufzuholen, um im restlichen Schuljahr nicht abgehängt zu werden?

Ich sehe das zweischneidig. Wenn man wirklich Zeit hat, kann es ganz gut sein, ein paar Übungen zu haben. Am besten über eine Lern-App, wo die Kinder von den Lehrkräften Übungen voreingestellt bekommen. Denn da bekommt man sofort Feedback, welche Antworten richtig sind. Bei Übungsblättern kommt das Feedback zu spät, da hat man keinen unmittelbaren Bezug mehr. Aber auch da würde ich versuchen, den Ball flachzuhalten, was Lernziele angeht.

Kann lernen nicht auch abseits von Übungsblättern stattfinden?

Genau. Wir haben oft die Vorstellung: Lernen findet statt, indem man am Schreibtisch sitzt und über ein Blatt gebeugt ist. Aber Lernprozesse sind etwas Dynamisches und Vielfältiges – und oft merken Kinder und Jugendliche gar nicht, wann sie lernen. Gerade im sogenannten Flow-Zustand, also wenn man Zeit und Ort vergisst, lernt man oft sehr nachhaltig. Bei kleineren Kindern kann das sein, wenn sie aus Lego ohne Anleitung ein Gebilde zusammenbauen und dann an einem gewissen Punkt merken, dass es nicht mehr tragfähig ist. Sie lernen etwas über Statik. Lernen findet also immer statt, auch in den Ferien – wir merken es nur vielleicht nicht.

Die Professorin

KarriereChristine Sälzer ist seit 2018 Professorin für Erziehungswissenschaften an der Uni Stuttgart. Sie forscht unter anderem zu Schulabsentismus und Chancengleichheit im Bildungssystem.