Kleine Menschen haben es oft schwer, vor allem Männer. Einige entscheiden sich für eine kosmetische Beinverlängerung. Der Eingriff ist für die Patienten hart und nicht ohne Risiko. Unter Fachleuten ist er umstritten.
Die Verlängerung verlangt den Patienten viel Disziplin ab: Dehnübungen für die Muskulatur gehören zum Pflichtprogramm. Etwa ein Jahr nach einem Oberschenkeleingriff können die dann gewachsenen Patienten wieder mit Sport und Joggen anfangen.
Von KNA/Markus Brauer
Vor allem Männer entschließen sich nach Expertenangaben für eine kosmetische Beinverlängerung. Zu den Gründen gehören die Partnerwahl und der berufliche Erfolg. Behandlungen sind kostspielig: In der Türkei und anderen Ländern werden sie für 30.000 bis 40.000 Euro angeboten. In Deutschland sind zwischen 60.000 und 160.000 Euro fällig.
„Der Patient muss die Operation selbst zahlen, wenn es sich um einen kosmetischen Eingriff handelt“, sagt der Münchner Mediziner Ulrich Lenze. Er sitzt im Vorstand der Gesellschaft für Extremitätenverlängerung und -rekonstruktion, einer Vereinigung von Fachärzten.
Beinverlängerung ist immer hart
Im südbadischen Freiburg hat sich der Chirurg und Orthopäde Axel Becker auf Eingriffe dieser Art spezialisiert. In seiner Privatklinik spricht er Klartext: „Die Verlängerung ist immer hart. Sie ist verbunden mit Schmerzen und der Operation, bei der die jeweiligen Knochen durchtrennt werden.“ Danach wird ein sogenannter Verlängerungsnagel ins Knocheninnere eingesetzt.
Nach einer vergleichsweise kurzen Genesung folgt die Verlängerungsphase, bei der die Knochenfragmente auseinandergedrückt werden. Das macht rund 0,6 Millimeter pro Tag aus. Allein bei einem Oberschenkel müsse man also mit rund vier Monaten rechnen, erklärt Becker.
„Es muss langsam gehen, damit der Knochen mitwächst“, erläutert der Spezialist, dessen Patienten aus aller Welt in die Breisgaustadt kommen.
Die Verlängerung verlangt ihnen viel Disziplin ab: Dehnübungen für die Muskulatur gehören zum Pflichtprogramm. Etwa ein Jahr nach einem Oberschenkeleingriff können die dann gewachsenen Patienten wieder mit Sport und Joggen anfangen. Manchen gelingt es auch schon früher.
Operation immer noch schambehaftet
Der Arzt macht nach eigenen Angaben rund 100 Eingriffe pro Jahr. Die Patienten sind durchweg kleiner als der Durchschnitt. „In südlichen Regionen sind es oft Männer mit einer Größe von unter 1,60 Metern. Aus Skandinavien kommen auch Leute, die 1,70 Meter groß sind.“
Viele von ihnen haben vorher psychologische Beratung und Betreuung durchlaufen. „Es dreht sich ständig ein Gedankenkarussell“, hat der Mediziner erfahren. Viele tragen demnach hohe Schuheinlagen, um größer zu erscheinen.
Das Thema Beinverlängerung ist nach Eindruck des Experten vom Freiburger Becker-Betz-Institute immer noch schambehaftet. „95 Prozent der Leute wollen das geheim halten, mitunter auch vor den nächsten Angehörigen.“ Mitunter würden auch Ausreden wie ein Skiunfall erfunden.
Angehörigen falle eine Verlängerung von bis zu sechs Zentimetern in der Regel überhaupt nicht auf, berichtet der Mediziner. „Verlängerungen werden meist nur bemerkt, wenn sich das Blickniveau ändert. Leute merken es, falls ihr Gegenüber auf einmal gleich groß oder sogar größer ist.“
Markt für Operationen ist unübersichtlich
Für Beinverlängerungen werden international verschiedene Systeme angeboten. Für Interessierte mit großem Geldbeutel ist die Wahl deshalb alles andere als einfach. Becker verwendet ein System mit Gewinden.
Bei einer Unterschenkelverlängerung wird etwa das Sprunggelenk regelmäßig gegenüber dem Unterschenkel gedreht.
Deutlich preisgünstiger ist ein Verfahren, bei dem äußere Fixateure über einem Marknagel im Knochen aufgespannt werden. Es wird Experten zufolge häufig im Ausland genutzt.
„Wenn eine Operation gemacht wird, sollte sie von jemand gemacht werden, der viel Erfahrung hat“,, rät der Orthopäde und Unfallchirurg Lenze. Ein routinierter Operateur könne mit Problemen und Komplikationen besser umgehen.
Schwerwiegende Komplikationen kommen bei kosmetischen Beinverlängerungen nur sehr selten vor, wie er sagt. Die Zahl dieser Operationen in Deutschland schätzt er auf bis zu 150 pro Jahr.
Folgeoperationen sind Reizthema
Ein Problem benennt der Experte aus Bayern deutlich: „Wir haben häufiger Patienten, die sich etwa in der Türkei haben operieren lassen und bei Komplikationen vor Ort nicht mehr weiterbehandelt beziehungsweise abgewiesen werden.“
Ein Folgeeingriff in Deutschland müsse prinzipiell ebenfalls selbst bezahlt werden. Schwierig werde es aber, falls dafür das Geld fehle und die Operation medizinisch nötig sei.
Komplikationen werden ausgelöst, wenn sich etwa der Knochen nicht wie gewünscht bildet. Durch Operationen kann es auch zu behandlungsbedürftigen Fehlstellungen wie X- und O-Beinen kommen.
Unter Fachmedizinern wird kontrovers über ästhetische Beinverlängerungen debattiert: Manche lehnen kosmetische Eingriffe dieser Art grundsätzlich ab. Andere argumentieren, solche komplizierten Operationen sollten - wenn überhaupt - nur von Ärzten gemacht werden, die sich besonders gut auskennen.