Globales Klimaphänomen

Kommt 2026/27 der Super-El-Niño?

Im Pazifik könnte sich erneut ein starker El Niño anbahnen – nur drei Jahre nach dem letzten Auftreten dieses aufheizenden Klimaphänomens. Indizien dafür sind erste Wind-Anomalien und eine massive Erwärmung der tieferen Wasserschichten.

Kommt 2026/27 der Super-El-Niño?

 

Von Markus Brauer

In mehr oder weniger regelmäßigem Abstand heizt das Klimaphänomen El Niño den zentralen Pazifik stark auf und verändert Meeresströmungen und Winde über dem gesamten Pazifikraum.

Auch die globalen Temperaturen sind in El-Niño-Jahren höher als sonst üblich. Zudem häufen sich Wetterextreme wie Dürren und Brände westlich des Pazifiks und schwere Überschwemmungen und Starkregen östlich davon.

Starker El-Niño erst vor zwei Jahren

2023/24 sorgte ein besonders starker El-Niño weltweit für Rekordtemperaturen. Doch in diesem und im nächsten Jahr könnte ein Super-El-Niño schon stärker ausfallen. In den vergangenen 30 Jahren gab es dieses Phänomen erst zweimal: 1997/98 und 2015/16.

Ein Super-El-Niño tritt dann ein, wenn die Meerestemperaturen im Pazifik über einen längeren Zeitraum mehr als zwei Grad über dem langjährigen Mittel liegen. Der El Niño von 2023/24 erreichte diese Schwelle, blieb aber nicht langedarüber. Klimamodellen zufolge werden besonders intensive El Niños durch den Klimawandel häufiger.

Was ist El Niño?

El Niño – und sein Gegenpart und La Niña – ist eine sogenannte Wetteranomalie, die Westküste von Südamerika, Südasien und Australien Extremwetter wie Hitze, Frost, Wirbelstürme und Starkregen verursacht. Die Folgen können Dürren, Riesenwellen, Überschwemmungen und Erdrutsche sein.

Bei El Niño kommt es zu einem Auftreten außergewöhnlicher, nicht zyklischer, veränderter Meeresströmungen im sogenannten ozeanografisch-meteorologischen System (englisch: El Niño-Southern Oscillation/Enso) des äquatorialen Pazifiks.

Das in der Regel alle vier Jahre in unregelmäßigen Abständen von durchschnittlich vier Jahren auftretende Phänomen wird von wärmeren Wassertemperaturen im tropischen Pazifik ausgelöst. In der Folge verschieben sich aufgrund von veränderten Luft- und Meeresströmungen weltweit Wetterbedingungen.

Als wichtigstes Phänomen natürlicher Klima-Schwankungen kann El Niño etwa Überflutungen in Südamerika auslösen, Dürren in Australien und Missernten in Indien.

Woher stammt der Name El Niño?

Der Name ist von „El Niño de Navidad“ abgeleitet und bezieht sich auf das neugeborene Jesuskind, dessen Geburt zu Weihnachten, also dem Zeitpunkt des Auftretens des Wetterphänomens, gefeiert wird.

Weil die Erwärmung der Küstengewässer vor Peru immer zum Jahresende besonders hoch waren, nannten Fischer das Phänomen El Niño (das Christkind).

Was bewirken El Niño und La Niña?

El Niño und sein Gegenstück La Niña begünstigen Extremwetter in vielen Weltregionen. El Niño treibt die globale Durchschnittstemperatur in die Höhe, während La Niña einen kühlenden Effekt hat. Sie tauchen abwechselnd alle paar Jahre auf. Bei beiden verändern sich die Meeres- und Luftströmungen im und über dem süd-südöstlichen Pazifik.

El Niño steht dabei für eine Phase, in der eine bestimmte Region im Pazifischen Ozean besonders warme Wassertemperaturen aufweist. La Niña für die besonders kalte Phase. Die beiden Zyklen wechseln sich durchschnittlich alle drei Jahre ab.

Warme Wassermassen unter der Oberfläche

Sowohl die US-Atmosphärenbehörde NOAA als auch europäische Klimaüberwachungszentren melden derzeit eine zunehmende Wahrscheinlichkeit für El-Niño-Bedingungen im Verlauf des Sommers 2026.

Noch ist die Meeresoberfläche des tropischen Pazifiks zwar leicht kühler als normal, weil in den letzten Monaten die La Niña vorherrschte. Sie war aber nur schwach ausgeprägt und endet sukzesive.

Unter der Oberfläche des zentralen Pazifiks bahnt sich bereits die nächste Hitzeperiode an: Im westlichen Pazifik hat sich rund 100 bis 250 Meter unter der Meeresoberfläche eine große Region anomal warmer Wassermassen angesammelt. „Diese sogenannte Kelvinwelle breitet sich nach Osten aus und wird dann als Wärmeanomalie zutage treten“, erklärt der Meteorologe Andrej Flis von Severe Weather Europe (SWE).

Wind-Anomalien über dem Pazifik

Ein weiteres Indiz für einen kommenden El-Niño sind Windanomalien über dem tropischen Pazifik. Im Normalfall herrschen dort westwärts wehende Passatwinde. Sie schieben das warme Oberflächenwasser nach Westen und begünstigen damit das Aufsteigen von kaltem Tiefenwasser vor der Küste Süd- und Mittelamerikas.

Bei einem El Niño schwächen sich diese Passatwinde ab oder kehren sich sogar um. Dadurch staut sich warmes Oberflächenwasser im Ostpazifik und blockiert die kalte Aufwärtsströmung.

In den letzten Wochen haben Meteorologen zunehmende Schübe von ostwärts wehenden Winden registriert – gegen die normale Richtung der Passatwinde. „Wir haben bereits mehrere dieser anomalen Westwind-Schübe beobachtet“, berichtet Flis. „In den Prognosen sieht man den anhaltenden Trend zu mehr solcher Passatwind-Anomalien. Die gesamte Region steuert damit auf einen El Niño zu.“

Kommt der Super-El-Niño?

Die Warnzeichen deuten daraufhin hin, dass der sich anbahnende El Niño besonders extrem wird – möglicherweise mit Meerestemperaturen von mehr als zwei Grad höher als normal. „Eine so intensive Erwärmung des tropischen Pazifik kann den Jetstream grundlegend ändern und einen Domino-Effekt verursachen, der sich auf Nordamerika, Europa und den Rest des Globus auswirken wird“, erläutert Flis von Severe Weather Europe.

Sollte nach 1997/98 und 2015/16 ein solches Super-Klimaphänomen auftreten, könnten die Folgen noch dramatischer als damals. Die Meere und Atmosphäre sind heute aufgrund des Klimawandels deutlich wärmer als vor zehn bzw. 30 Jahren. Auch die Wetterextreme fallen inzwischen stärker aus.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit?

NOAA-CPC und dem Kopernicus-Klimadienst zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit für einen erneuten Super-El-Niño ab Oktober 2026 derzeit bei 13 bis 15 Prozent. „Angesichts der starken Anomalien, die wir in den jüngsten Analysen sehen, wird dies immer wahrscheinlicher“, konstatiert Flis. „Die Mittelwerte am oberen Ende der Prognosekurven zeigen eine zunehmenden Wahrscheinlichkeit für einen solchen Super-El-Niño.“