Die deutsche Nationalmannschaft geht nach dem 2:1-Sieg gegen die USA mit Rückenwind in die Fußball-Weltmeisterschaft, hat aber auch noch Aufgaben in der Trainingsarbeit vor sich. An der Anfangsformation wird sich voraussichtlich nicht mehr viel ändern.
Von David Scheu
Stuttgart/Chicago - Die Stimme etwas angekratzt, das T-Shirt durchgeschwitzt – der Zufriedenheit von Julian Nagelsmann taten die strapaziösen äußeren Bedingungen aber keinen Abbruch. „Es war eine gute Generalprobe“, sagte der Bundestrainer nach dem 2:1-Erfolg gegen die USA im letzten Testspiel vor der WM. Nach dem neunten Sieg in Serie startet die deutsche Mannschaft mit Rückenwind in die Weltmeisterschaft – aber auch noch mit Themen für die Trainingsarbeit. Der Stand rund um das DFB-Team.
Was läuft bereits gut? Das deutsche Team ist angekommen in Amerika – mental wie körperlich. Gegen den Co-Gastgeber zeigte es vor 63.000 Zuschauern im Solider Field von Chicago von Beginn an viel Präsenz und hielt gegen einen emotionalisierten Gegner auch körperlich dagegen. Vorne kam zudem eine Qualität zum Tragen, die im Turnierverlauf bedeutend werden könnte: Kai Havertz köpfte, wenngleich ohne große Gegenwehr, nach einer Freistoß-Flanke von Joshua Kimmich zum 1:0 ein (2.). „Standards sind wichtig“, betonte Nagelsmann, „diese Situationen kann man viel trainieren und einüben.“
Dass das hohe Pressing der DFB-Elf nach 20 Minuten etwas nachließ und das Spiel offener wurde, war für Nagelsmann angesichts der hohen Temperaturen von 30 Grad kein Malus – sondern Teil des Plans: „Ich verlange von der Mannschaft, dass sie ein Gespür dafür entwickelt, wenn sie hoch verteidigt. Dann müssen sie das auch mit 100 Prozent Intensität tun. Und wenn es nicht geht, dann ziehen wir uns zurück.“ In der zweiten Hälfte nahmen die Chancen dann auch wieder zu, eine davon verwandelte Leroy Sané per Abschluss in die lange Ecke nach Vorlage von Havertz (57.) zum zweiten deutschen Treffer.
Woran gilt es noch zu arbeiten? Während die Standards in der Offensive zum Torerfolg führten, blieb deren Verteidigung ausbaufähig. Beim Tor der USA zum zwischenzeitlichen 1:1 nach einer Ecke traf zwar Antonee Robinson den Ball nach einer mittigen Kopfball-Abwehr von Jonathan Tah perfekt, hatte im Rückraum aber auch sehr viel Platz (37.).
Gerade in dieser Phase griffen auch im offensiven Positionsspiel noch nicht alle Rädchen ineinander. Jamal Musiala und Florian Wirtz fehlte noch die Leichtigkeit in ihren Aktionen, Umschaltmomente des Gegners brachten die Deutschen ab und an in Bedrängnis. Am Ende standen zehn Eckbälle und 16 Schüsse für die Mannschaft von Mauricio Pochettino zu Buche, die ja nicht zum engeren Favoritenkreis bei der WM zählt. „Natürlich haben wir noch ein paar Dinge zu tun“, sagte auch Nagelsmann, „ich glaube, das ist auch normal.“
Steht die Startelf fest? In weiten Teilen. Auf den noch offenen Positionen lieferten Linksverteidiger Nathaniel Brown und der rechte Flügelstürmer Leroy Sané solide Leistungen ab, mit denen sie sich um einen erneuten Startelf-Platz bewarben. Sané gelang zwar längst nicht alles, aber am Ende doch der Siegtreffer. „Er bringt alles mit, was ein Topfußballer braucht“, sagte Nagelsmann. „Er muss immer an die Grenze gehen. Dann kann er uns viel Freude bereiten.“
Ausgeschlossen ist es daher nicht, dass im ersten WM-Spiel am kommenden Sonntag (19 Uhr/ARD) gegen Curacao dieselben Spieler beginnen wie gegen die USA. Zumindest im Feld. Auf der Torwart-Position ist dagegen der lange anvisierte Wechsel von Oliver Baumann zu Manuel Neuer geplant. „Er wird jetzt ins Mannschaftstraining einsteigen und dann gegen Curacao auch spielen“, so Nagelsmann über den zuletzt wegen Wadenproblemen geschonten Neuer.
Die vier Profis des VfB Stuttgart könnten damit zunächst auf der Bank Platz nehmen, wobei insbesondere die formstarken Jamie Leweling (auf dem rechten Flügel) und Deniz Undav (im Sturm) gute Aussichten auf Einsatzzeiten haben. Gegen die USA sorgte das Duo in der 78. Minute mit einer Flanke-Kopfball-Kombination für Torgefahr. Für Angelo Stiller sind Spielminuten einen Tick unwahrscheinlicher, da Nagelsmann in Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha sein Duo im zentralen Mittelfeld gefunden hat und dort meist weniger gewechselt wird als auf den offensiven Positionen. Gegen die USA kam Stiller zu einem Kurzeinsatz als einer von acht Einwechselspielern, während der WM sind nur noch fünf Wechsel erlaubt. Torwart Alexander Nübel wird nur spielen, wenn Neuer und Baumann ausfallen sollten.
Wie geht es jetzt weiter? Nach einem freien Sonntag bezieht der DFB-Tross an diesem Montag sein Quartier in Winston-Salem in North Carolina. Dort beginnt die intensive Vorbereitung auf das erste WM-Spiel gegen Curacao, das 1600 Kilometer Luftlinie westlich in Houston stattfindet. Derzeit sind für die Partie am nächsten Sonntag um 12 Uhr Ortszeit Temperaturen von 33 Grad prognostiziert. Auch in dieser Hinsicht war das Spiel in Chicago also ein ganz guter Testlauf.