Begegnungen mit Eisbären, Temperaturen von Minus 50 Grad – Tom Høyem war mehr als 40 Mal in Grönland. Seit 2000 lebt Dänemarks früherer Grönland-Minister in Karlsruhe.
Tom Høyem mit Kryolith in der Hand. Das seltene Mineral kam weltweit fast ausschließlich in Grönland vor, aber ist auch dort seit Ende der 1980er Jahre erschöpft.
Von Florian Dürr
Wie sehr Tom Høyem auch heute noch mit Grönland verbunden ist, zeigt sich in seiner Karlsruher Wohnung: Das Fell eines Moschusochsen schmückt eine Wand, direkt daneben hängt eine Landkarte der Insel – und in einer Vitrine liegen Erinnerungsstücke wie ein Stück Kryolith. „Das ist das, was Trump will“, sagt der 84-Jährige über die Besitzansprüche des US-Präsidenten an den grönländischen Bodenschätzen. Das seltene Mineral für die Aluminiumproduktion kam weltweit fast ausschließlich in Grönland vor, aber ist auch dort seit Ende der 1980er Jahre erschöpft. Doch auch auf viele weitere Rohstoffe hat es Trump abgesehen.
„Aber die liegen nicht einfach an der Straße, der Abbau ist sehr teuer“, sagt Høyem. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd das in Grönland aufgrund der geologischen Begebenheiten und der Infrastruktur ist. Der 84-Jährige erinnert sich an einen Öl-Konzern, der trotz voriger Millionen-Investitionen schlussendlich doch auf die Förderung in Grönland verzichtete.
Ex-Grönland-Minister: „Trump hat versucht, wieder und wieder zu eskalieren“
Von 1982 bis 1987 hatte der Wahl-Karlsruher das Amt des letzten dänischen Grönland-Ministers inne – und fungierte damit als Bindeglied zwischen der arktischen Insel und Kopenhagen. Seit 2000 wohnt er in Karlsruhe, von wo er besorgt auf die Eroberungsfantasien des US-Präsidenten blickt. „Mir hat das Angst gemacht, die Nato hätte implodieren können“, sagt Høyem über seine Gedanken vor dem Krisentreffen der USA, Dänemarks und Grönlands am vergangenen Mittwoch. Beispiellos sei es, dass ein Nato-Land einem anderen Nato-Land droht.
Denn Grönland agiert zwar weitgehend autonom, gehört aber zum Königreich Dänemark. Seit dem Gespräch am Mittwoch aber schöpft der Däne, der seit 2015 auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, neue Hoffnung in dem bislang diplomatischen Konflikt. „Trump hat versucht, wieder und wieder zu eskalieren“, sagt Høyem. „Bislang lief das weitgehend über die sozialen Medien, aber jetzt wird endlich miteinander gesprochen.“
Dänemark hat Grönland schlecht behandelt? Das sei eine Beleidigung, sagt Høyem
Høyem sagt, dass der US-Präsident – abgesehen von der Annexion – eigentlich genau das fordert, was Dänemark auch möchte. „Trump wünscht mehr Sicherheit, das wollen wir auch. Er will die Rohstoffe, da sagen wir: Bitte investieren Sie“, so Høyem. Der Deutsch-Däne erinnert die Amerikaner und deren Präsident aber auch an die damaligen Gespräche, an denen er in seiner Zeit als Grönland-Minister selbst teilgenommen hat: „Wir haben im Pentagon verhandelt und zusammen die Reduzierung des US-Militärs in Grönland beschlossen.“
Trump, der sich lustig machte, dass „zwei Hundeschlitten nicht ausreichen“ für die Verteidigung der Insel, müsse jetzt zu spüren bekommen, dass die Nato-Länder das Thema Sicherheit in der Arktis ernst nehmen. Deshalb begrüßt Høyem auch die Erkundungsmissionen von Deutschland und weiteren Nato-Ländern mit Soldaten in Grönland. Dass Dänemark Grönland nicht gut behandelt habe, nehme er als Beleidigung gegen sich und seine Vorgänger auf. Das sei schlicht falsch.
46 Mal in Grönland: Eisbären begegnet, unterwegs bei Minus 50 Grad
In seinem Heimatland gebe es heute drei unterschiedliche Positionen zu Grönland. Die einen sagten: „Uns reicht es, verkauft doch Grönland. Wir bezahlen Steuergeld und die meckern immer.“ Andere seien der Auffassung: „Wir waren die böse Kolonialmacht, wir sollten Grönland doch das geben, was sie wollen.“ Und die dritte Gruppe meine: „Als so kleines Land gibt uns dieses riesige arktische Gebiet eine fantastische Stellung in der Welt.“
Høyem selbst war vor seinem Amtsantritt im Jahr 1982 kein einziges Mal in Grönland. „Wie kann man einen zum Minister machen, der niemals in Grönland war? Das ist doch Blödsinn“, sagte er damals. Heute kann er von sich behaupten, die Insel insgesamt 46 Mal besucht zu haben – so häufig wie kein anderer Grönland-Minister zuvor, sagt er. Er ist Eisbären begegnet, hat deren Fleisch gegessen, war bei eisiger Kälte mit Temperaturen um minus 50 Grad unterwegs: „Das war immer ein Erlebnis.“
Auch wegen Hans-Dietrich Genscher trat Høyem in die FDP ein
Im Jahr 1987 dann die Abschaffung des kompletten Ministeriums, die Høyem selbst vorgeschlagen hat. Ob er stattdessen Verkehrsminister werden wolle, wurde er damals gefragt. Doch Høyem lehnte ab – ihn zog es als Schulleiter der Europäischen Schule nach Oxford, später leitete er eine dieser Schulen auch in Karlsruhe. In der Fächerstadt engagierte er sich auch als Stadtrat für die FDP.
Der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher habe ihn bei Verhandlungen im Jahr 1982 über Fischereimöglichkeiten in Grönland beeindruckt. Mit ihm habe er den Kontakt auch danach weiter gehalten. Bei Treffen habe Genscher auf die Frage, wie es ihm gehe, immer wieder geantwortet: „Wie geht es Grönland?“