Trotz günstiger Vorzeichen gelingt der Linkspartei nicht der erstmalige Einzug in den baden-württembergischen Landtag. Der Frust ist groß – aber auch die Hoffnung auf die Zukunft.
Das schwer enttäuschte Spitzentrio Amelie Vollmer, Mersedeh Ghazaei, Kim Sophie Bohnen (von links) – Rückhalt gibt es von Jan van Aken (Mitte, dahinter), dem Coparteichef der Linkspartei.
Von Matthias Schiermeyer
Wo am Vorabend noch eine „90er Rock Party“ die Wände wackeln ließ, sollte am Sonntagabend eine besondere Party abgehen: Im LKA-Longhorn in Stuttgart-Wangen lockte eine politische Sensation – der erstmalige Einzug der Linkspartei in den Landtag. In einem bürgerlich-liberalen Bundesland. Doch daraus wurde nichts, die Fünf-Prozent-Hürde blieb wieder einmal unüberwindbar.
Nachdem die ersten Prognosezahlen von 4,5 Prozent eingeblendet werden, scheint die Niederlage schon besiegelt. Die herbe Enttäuschung ist an den Gesichtern abzulesen. „Das ist das beste Ergebnis, das wir jemals bei Landtagswahlen in Baden-Württemberg erreicht haben“, versucht Landessprecherin Sahra Mirow dem Ganzen noch Positives abzuringen. Natürlich sei es eine Enttäuschung, „aber wir sind stärker geworden“.
CDU-Mann Hagel als Hauptschuldigen ausgemacht
Seit Mai 2025 lag die Linkspartei konstant bei sieben Prozent – erst kurz vor der Wahl rutschte sie auf 5,5 Prozent ab. Nun ist sie noch mal darunter ins Ziel gekommen. Viele Wähler hätten einen CDU-Ministerpräsidenten verhindern wollen, meint Mirow. Oder lag es vielmehr daran, dass gleich ein Team von drei weithin unbekannten Spitzenkandidatinnen den Wahlkampf anführte? Kim Sophie Bohnen, Amelie Vollmer und Mersedeh Ghazaei waren hoch motiviert und sind dennoch gescheitert. Rasch werden sie von der rückentätschelnden Anhängerschar umringt, auf der Bühne sagen sie lieber nichts. Erst eineinhalb Stunden später bekennt Ghazaei: „Manchmal muss man einstecken.“ Doch die Menschen im Land seien „ready für linke Politik“ – das mache Hoffnung für die Zukunft. „Lasst uns den Kopf oben halten.“
Allein Co-Bundesparteichef Jan van Aken versucht sich in Optimismus: „Die Briefwähler werden noch ausgezählt – ich habe Hoffnung, dass es doch noch klappt.“ Auch für ihn war „das Hauptproblem Manuel Hagel, den niemand wollte“. An der Bundesebene liegt es tatsächlich nicht, von dort kam Rückenwind. Im Bund sehen sich die Sozialisten wegen der in die Mitte gerückten SPD als letzte Verteidiger von sozial Schwachen. Die BSW-Abspaltung schärft die Konturen.
Mitgliederzahl in zwei Jahren verdreifacht
Auch im Land waren die Voraussetzungen günstig wie nie: Die SPD ist marginalisiert, und Cem Özdemirs Grüne haben den Platz links der Mitte freigemacht. Erstmals durften 16- und 17-Jährige wählen. Da passte es, dass sich die Linke mit ihrem Spitzentrio, jeweils jünger als 30 Jahre, bei jungen Wählern etabliert hat. So konnte die Mitgliederzahl binnen zwei Jahren auf 10 730 verdreifacht werden. Auch die Fokussierung auf die Themen Mieten, Gesundheit und ÖPNV schien zu wirken. An 137 800 Türen wurde geklingelt, der Haustürwahlkampf verlief absolut vielversprechend. So lag der Ball auf dem Elfmeterpunkt und konnte am Ende doch nicht verwandelt werden.
Riexinger setzt für die Zukunft auf die jungen Mitglieder
Bernd Riexinger – ein Mann der ersten Stunden in der Linkspartei – ist in der Vergangenheit mehrfach vergeblich angerannt; der Einzug in den Landtag war zu seinen Zeiten nie wirklich greifbar. Er hofft, dass die Landespartei jetzt nicht in Depression verfällt. „Es wird uns nicht zurückwerfen“, sagt der frühere Bundesvorsitzende am Rande. Der Unterschied zu früher sei der große Zuspruch bei den jungen Menschen – der Wahlkampf sei diesmal so aktiv geführt worden wie nie zuvor. Diesen Rückhalt gelte es auszubauen, dann sieht er auch eine gute Perspektive für die Zukunft.
Vom Niedergang der SPD habe die Linke gar nicht so sehr profitiert, meint Riexinger. Seine Partei sei gut verankert bei den Erzieherinnen, Pflegerinnen, Paketboten – diese eigenen Bereiche müsse gestärkt werden. Denn so stabil sei die Linke offenkundig noch nicht, dass sie eine Dynamik wie auf den letzten Metern des Wahlkampfs wegstecken könne.