Debatte um Krankenstand

Machen die Deutschen zu oft „blau“?

Im mehrjährigen Vergleich steigt die Zahl der Krankentage in Deutschland. Das liegt aber auch an einer statistischen Besonderheit.

Machen die Deutschen zu oft „blau“?

Bundeskanzler Merz hat eine neue Debatte um den Krankenstand in Deutschland losgetreten.

Von Norbert Wallet

Machen die Deutschen zu oft „blau“? Der Bundeskanzler hat darauf hingewiesen, dass der Krankenstand hierzulande im Durchschnitt 14,5 Tage betrage. Darüber müsse man mit dem Koalitionspartner SPD sprechen, sagte der CDU-Vorsitzende. Bei SPD, Grünen, Linken und BSW traf das auf Kritik. Vor allem, weil er die Frage gestellt hatte: „Ist das wirklich notwendig?“ Die Antwort ist nicht simpel. Das fängt bei den grundlegenden Zahlen an. Das Statistische Bundesamt (Destatis) sagt, dass die Arbeitnehmer in Deutschland 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgemeldet waren.

Das ist die Zahl, auf die sich Merz beruft. Gleichwohl: Destatis erfasst nur Meldungen, die eine Abwesenheitsdauer von mehr als drei Tagen überschreiten, weil sich das Amt auf die Entgeltfortzahlungs-Statistik der Arbeitgeber stützt. Dagegen sehen die Krankenkassen höhere Krankenstände und geben je nach Kasse zwischen 19 und 23 Tage an. Hinzukommt, dass Destatis nur arbeitsunfähige Tage mit Lohnfortzahlung zählt, die Kassen aber in der Regel alle Kalendertage einschließlich Wochenenden einrechnen. Für Krankmeldungen ohne Attest gibt es keine Statistik.

Telefonische Krankschreibung ist kein Treiber

Wie man aber auch zählt: Im mehrjährigen Vergleich ergibt sich ein Anstieg der Zahlen, bei Destatis ein Plus von 3,6 Krankentagen im Vergleich zu 2021. Auch bei den Kassen sieht man einen ähnlichen Anstieg. Was man dabei berücksichtigen muss: Die Veränderung geht zumindest zum Teil auf eine bessere statistische Erfassung zurück. Seit 2022 gilt die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Damit landet nun jede ausgestellte Krankschreibung, auch kurzzeitige, in den Kassendaten. Das hat einen erheblichen statistischen Effekt. Hinzu kommt mit den coronabedingten Atemwegserkrankungen auch ein ganz neues Krankheitsbild.

Treibt auch die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung die Zahlen hoch? Die DAK kommt bei einer Tiefenanalyse ihrer Daten zu diesem Ergebnis: „Tatsächlich gibt es keinerlei Anzeichen für einen systematischen Missbrauch.“

Mit den Kassenzahlen liegt Deutschland im OECD-Vergleich an der Spitze, gefolgt von Lettland mit 20,4 Tagen und Tschechien mit 19,2 Tagen. Aber Vorsicht: In den Ländern gibt es sehr unterschiedliche Meldeverfahren. Deutschland ist eines der wenigen Länder mit Vollerhebung durch das elektronische Meldeverfahren. Zudem werden die unbezahlten Karenztage in Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien nicht mitgezählt. Besser geeignet für einen Ländervergleich ist eine zweite OECD-Statistik, die auf einer einheitlichen Länderbefragung basiert. Abgefragt wird, wie viel der wöchentlichen Arbeitszeit der Volkswirtschaft verloren geht.

Hier liegt Deutschland mit einem Wert von 6,8 Prozent im oberen Mittelfeld. Ähnlich Werte weisen Belgien (6,7 Prozent), Schweden (6,6 Prozent) und Island (6,1 Prozent) auf, bezogen auf das Jahr 2023. Spitzenreiter ist Norwegen mit 10,7 Prozent.