Carsten Maier kann tagsüber nicht einmal Spotify hören – sein Internet ist zu langsam. Wechseln kann er nicht: In Baden-Württemberg, auch im Kreis Göppingen, stockt der Glasfaserausbau.
Breitband-Baustelle in Freudenstadt: Baden-Württemberg ist im Ländervergleich der Glasfaser-Versorgung weit abgeschlagen.
Von Jörg Breithut
Nach drei Jahren gibt Carsten Maier (Name geändert) die Hoffnung so langsam auf. Die Anrufe beim Kundenservice, die E-Mails an den Support, die ganzen Störungstickets: Wofür? Noch immer laufen Netflix-Videos nicht. Microsoft-Teams-Konferenzen ruckeln. Selbst Songs bei Spotify kommen nur häppchenweise aus den Lautsprechern. Lediglich nachts zwischen drei und sechs Uhr sei das Internet schnell genug, um Videos zu streamen und zu surfen, sagt Maier im Gespräch mit unserer Redaktion. Den Rest des Tages zwängen sich Daten nur tröpfchenweise durch die Leitung.
Dabei hat der Informatiker aus Uhingen im Kreis Göppingen laut Vertrag eine Turboleitung: 1000 Megabit soll der Kabelanschluss laut Vodafone herunterladen können. Das wäre Gigabit-Geschwindigkeit. Doch mit der Realität hat das nichts zu tun. Regelmäßig misst Maier die Leitung. Das Problem: Beim Upload quetschen sich Daten mit weniger als einem Megabit pro Sekunde (Mbit/s) ins Netz – nicht die versprochenen 50 Mbit/s. Zu langsam, um im Internet zu surfen. „Man ist völlig aufgeschmissen“, sagt der 57-Jährige. „Ich werde immer wieder vertröstet. Halten will mich bei Vodafone niemand. Sie zwingen mich praktisch dazu, den Anbieter zu wechseln.“
Das TV-Kupferkabel macht Maier einen Strich durch die Rechnung. Denn im Gegensatz zu Glasfaser-Kabeln, die jeden Haushalt mit der vollen Gigabit-Bandbreite versorgen, teilen sich Kabelkunden die Daten mit Hunderten anderen Haushalten in einem Viertel. Wenn dann alle gleichzeitig 4K-Filme streamen, wird es eng für Kunden wie Carsten Maier. Daher überbrückt der Informatiker den Engpass in der 15.000-Einwohner-Stadt derzeit mit einem mobilen Hotspot. Er holt sich das Alltags-Internet aus dem Handynetz.
Baden-Württemberg verharrt im Tabellenkeller beim Glasfaser-Ausbau
Uhingen ist ein weißer Fleck auf der Glasfaser-Versorgungskarte – und davon gibt es noch viele in Baden-Württemberg. Es klaffen überall Lücken wie zwischen Stuttgart und Göppingen. In Uhingen sind gerade einmal 15 Prozent der Haushalte mit Glasfaser versorgt, teilt ein Sprecher der Stadt auf Anfrage mit. Der bundesweite Schnitt liegt bei rund 43 Prozent. Solche Versorgungslücken auf der Karte ziehen den Schnitt im ganzen Land herunter.
Die Folge: Fast nirgendwo läuft der Breitbandausbau so zäh wie im Südwesten. Lediglich 30 Prozent der baden-württembergischen Haushalte sind an Glasfaserleitungen angeschlossen, das zeigt eine Auswertung des Vergleichsportals „Verivox“. Demnach läuft der Glasfaserausbau nur in Thüringen (28 Prozent) und dem Saarland (23 Prozent) noch langsamer. Weiter nördlich sieht das anders aus. In Ländern wie Niedersachsen (69 Prozent) und Schleswig-Holstein (72 Prozent) sind schon mehr als doppelt so viele Haushalte mit dem Turbonetz verbunden.
In Baden-Württemberg kann sich der Kreis Göppingen fast noch glücklich schätzen. Mit 26 Prozent liegt das Gebiet im Mittelfeld. Im Kreis Ravensburg und dem Main-Tauber-Kreis sind es weniger als zehn Prozent der Haushalte. Ganz bitter sieht es im Zollernalbkreis aus. Dort surfen nur vier Prozent der Haushalte im Glasfasernetz.
Das Land investiert hohe Summen in den Ausbau. Insgesamt steckt die Landesregierung rund acht Milliarden Euro in den Glasfaser-Ausbau. Fast 40 Millionen Euro hat das Land an Fördermitteln für den Kreis Göppingen freigegeben. Ob das reicht, ganz Deutschland in vier Jahren flächendeckend mit Glasfaser zu versorgen? Das ist zumindest der Plan der Bunderegierung. Im vergangenen Jahr sollten es bereits die Hälfte der Haushalte sein.
Vodafone kämpft gegen den Datenstau
Vodafone kämpft unterdessen gegen den Datenstau in Uhingen. Laut einem Konzernsprecher gebe es seit mehreren Wochen immer wieder eine hohe Auslastung im Upload bei einzelnen Haushalten. „Diese Nutzung geht weit über das normale Maß von Privatkunden hinaus“, sagt der Sprecher. Dagegen soll es gezielte Maßnahmen geben, was jedoch ein „Hase-Igel-Unterfangen“ sei. Außerdem soll der Bau einer zusätzlichen Datenautobahn für schnelleres Kabel-Internet sorgen. Der Ausbau soll noch in diesem Frühjahr abgeschlossen werden.
Carsten Maier überlegt, ob er warten oder doch wechseln soll, um einen DSL-Vertrag mit der Telekom abzuschließen. Hier müsste er zwar Abstriche machen. Mit DSL ist das maximale Tempo auf 250 Mbit/s beschränkt. Außerdem sollen DSL-Leitung in spätestens vier Jahren gekappt werden – zugunsten der Glasfaserleitungen. „Es würde mir weh tun, Vodafone zu kündigen“, sagt Maier. Denn 1000 Mbit/s liefert derzeit kein anderer Anbieter in der Stadt. Zumindest so lange, bis ein Glasfaserkabel auch bis zu seiner Haustür verlegt wird.