Mehr als 1.700 Urlauber berichten von schweren Erkrankungen nach Reisen auf die Kapverden – nun wächst der Druck auf den Reiseveranstalter Tui. Anwälte sprechen von einem außergewöhnlichen Fall mit möglicherweise weitreichenden Folgen.
Der Reiseveranstalter Tui sieht sich in Großbritannien einer Sammelklage von Kap-Verde-Reisenden gegenüber.
Von Katrin Jokic
Mehr als 1.700 britische Urlauber haben sich einer Sammelklage gegen den Reiseveranstalter Tui angeschlossen, nachdem sie während ihres Aufenthalts auf den Kapverdischen Inseln erkrankt sind. Das berichten Anwälte der Kanzlei Irwin Mitchell gegenüber der BBC. Die Juristen vertreten zahlreiche Betroffene und sprechen von einem außergewöhnlich großen Fall.
Nach Angaben der Anwälte melden sich weiterhin neue Betroffene, zuletzt noch vor wenigen Wochen. Inzwischen gehen sie davon aus, dass in den vergangenen Jahren mindestens acht britische Urlauber infolge der Erkrankungen gestorben sind.
Vorwürfe: Erkrankungen durch mangelhafte Hygienebedingungen
Viele der Betroffenen sollen sich mit Magen-Darm-Erkrankungen infiziert haben, darunter E. coli, Salmonellen und Shigellen. Auch parasitäre Infektionen wie Cryptosporidium wurden gemeldet. Selbst Kleinkinder seien betroffen gewesen.
Eine Untersuchung der britischen Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency hatte bereits im Februar Hinweise geliefert: Seit Oktober 2025 wurden demnach 112 Shigellen- und 43 Salmonellen-Fälle registriert, die mit Reisen auf die Kapverden in Verbindung stehen.
Die Krankheitserreger verursachen typischerweise Durchfall, Bauchkrämpfe und Fieber.
Anwälte berichten zudem von möglichen Hygienemängeln in einigen Hotels. Der BBC vorliegendes Bildmaterial soll unter anderem nicht durchgegartes Essen, von Fliegen umgebene Buffets sowie Schimmel in Zimmern zeigen.
Tui äußert sich zurückhaltend
Tui teilte mit, man untersuche die Vorwürfe, könne sich derzeit jedoch nicht abschließend äußern. Grund sei unter anderem ein noch nicht veröffentlichter Gesundheitsbericht zu den Kapverden, auf den man bislang keinen Zugriff habe.
Zugleich betonte das Unternehmen, dass erkrankte Gäste vor Ort unterstützt und medizinisch versorgt würden.
Beliebtes Reiseziel mit wachsender Kritik
Die Kapverden gelten mit ihren Stränden und dem ganzjährig warmen Klima als beliebtes Urlaubsziel. Seit 2022 hat Tui nach eigenen Angaben mehr als eine Million Reisende in den westafrikanischen Inselstaat gebracht.
Die Anwälte sehen dennoch eine klare Verantwortung beim Veranstalter. Sollte es nicht zu einer außergerichtlichen Einigung kommen, könnten laut ihrer Einschätzung Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe vor Gericht entschieden werden.
Hotelbetreiber weisen die Vorwürfe zurück. So erklärte die Hotelkette RIU, ihre Anlagen erfüllten internationale Hygiene- und Sicherheitsstandards und würden regelmäßig extern überprüft.
Warnungen für Reisende
Bereits im Februar hatten britische Gesundheitsbehörden vor Reisen auf die Kapverden gewarnt, nachdem sich Hinweise auf vermehrte Magen-Darm-Erkrankungen gehäuft hatten. Auch das deutsche Auswärtige Amt weist darauf hin, dass seit 2022 in der Region Santa Maria eine Häufung von Shigellenruhr sowie weiteren Magen-Darm-Infektionen beschrieben wird. Bis März 2026 seien über 1.000 Fälle bei Reiserückkehrern dokumentiert worden.
Die laufenden Verfahren könnten nun weitreichende Konsequenzen für den Tourismus und die Verantwortlichkeiten von Reiseveranstaltern haben.