Stuttgarter Autohersteller

Mercedes-Benz führt weltweit neue KI ein – und setzt auf Anreize für Nutzung

Mercedes rollt die KI-Plattform des deutschen Tech-Unternehmens n8n aus. Bis Ende des Jahres sollen 70 Prozent der Mitarbeiter Künstliche Intelligenz im Arbeitsalltag nutzen.

Mercedes-Benz führt weltweit neue KI ein – und setzt auf Anreize für Nutzung

Bei Mercedes-Benz arbeiten bereits 60 Prozent der Mitarbeiter einmal die Woche mit einem KI-Tool. (Symbolbild von der Automesse IAA).

Von Veronika Kanzler

Mercedes-Benz führt für alle Mitarbeiter weltweit eine neue Künstliche Intelligenz (KI) ein. Künftig sollen die Beschäftigten des Stuttgarter Automobilherstellers die KI-Plattform des deutschen Software-Unternehmens n8n nutzen können.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich bei Mercedes-Benz die unterschiedlichsten Systeme und Technologien angesammelt, erzählte die IT-Chefin Katrin Lehmann (47) am Montag im Wirtschaftspresseclub in Stuttgart. Allein die Rechnungsstellung existiere weltweit 38‑mal. Ein Ziel sei es deshalb, historisch gewachsene Redundanzen zu erkennen und aufzulösen.

Mercedes-Mitarbeiter sollen Probleme schneller lösen können

„n8n verbindet bestehende Systeme, vereinfacht komplexe Abläufe und hilft Teams dabei, effizienter zu arbeiten, Probleme schneller zu lösen und datenbasierte Entscheidungen zu treffen“, so Mercedes. Ein Vorteil sei, dass dafür keine großen Programmierkenntnisse nötig seien.

Einsatzmöglichkeiten gebe es viele: etwa im After-Sales-Geschäft, bei der Bewertung des Restwerts geleaster Fahrzeuge. Oder in der Produktion. Komme es dort beispielsweise zu Problemen bei der Wartung von Maschinen, könnten Mitarbeitende den Fall in das System eingeben. n8n suche dann automatisch in verschiedenen Datenbanken – sogar werksübergreifend weltweit – nach ähnlichen Problemen und passenden Lösungen. So erhielten die Beschäftigten schnell die relevanten Informationen, um Störungen zu beheben.

Trotz des Einsatzes von KI gelte weiterhin das Vier- bis Sechs-Augen-Prinzip. „KI wird bei uns immer nur als Entscheidungshilfe eingesetzt, entscheidet aber nicht selbstständig“, betonte Lehmann.

Derzeit arbeiteten nach Angaben der IT‑Chefin rund 60 Prozent der Beschäftigten mit Büroarbeitsplatz mindestens einmal pro Woche mit einem KI‑Tool. Anfang des Jahres seien es noch 20 Prozent gewesen. Bis Ende des Jahres sollen es 70 Prozent sein – ohne Zwang.

Sundowner-Partys bei Mercedes

Wie motiviert die IT-Chefin, neudeutsch Chief of Information Officer (CIO) ihre Mitarbeiter, KI-Systeme zu nutzen? „Wir versuchen, die Hürden möglichst gering zu halten“, sagte Lehmann. Jeden Freitagmorgen gebe es eine „Learning Hour“ für über 10.000 Mitarbeitende, um sich weiterzubilden. Außerdem gebe es Wettbewerbe, wie beispielsweise eine Art Software-Aufräumaktion, intern Kehrwoche genannt.

Da es vielen Menschen naturgemäß schwerfällt, sich von Altem zu trennen, bekommen jene Teams, die ihre Daten am saubersten halten, einen goldenen Kehrbesen und ein Team-Frühstück. „Außerdem feiern wir Sundowner-Partys, bei jedem Team, das eine IT‑Architektur abschaltet.“ So wolle sie Anreize schaffen. Ihr Ziel sei es auch, eine Art FOMO (“Fear of missing out“) zu erzeugen – also die Angst, etwas zu verpassen oder den Anschluss zu verlieren.

Mercedes-Benz: KI und Stellenabbau getrennt voneinander betrachten

Der IT-Chefin ist es wichtig, dass der Stellenabbau getrennt von der KI betrachtet wird. Der Druck auf die gesamte europäische Autoindustrie sei allgegenwärtig. „Für uns ist es entscheidend, wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagte Lehmann. „Deshalb müssen wir uns effizienter aufstellen.“ Wenn bei Mercedes keine KI zum Einsatz käme, würde das Unternehmen zurückfallen, ist sich die IT‑Chefin sicher. Trotz KI gebe es viel zu tun – und jetzt gehe es darum, wie die Tools Mitarbeiter unterstützen können, effizient zu arbeiten.

Der Stuttgarter Autohersteller betont, dass er mit der digitalen Architektur von n8n „die volle Kontrolle über kritische Daten und Arbeitsabläufe“ behalte. Dadurch stärke die Partnerschaft zwischen Mercedes-Benz und n8n auch das europäische KI‑Ökosystem. Bisher dominieren US-amerikanische Unternehmen wie OpenAI mit ChatGPT, Microsoft mit 365 Copilot oder Anthropic mit Claude den globalen Markt für künstliche Intelligenz.

Bereits heute können die Beschäftigten von Mercedes-Benz KI im Arbeitsalltag nutzen, beispielsweise mit dem Microsoft-System Copilot. Unter anderem unterstütze Copilot die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Angaben von Mercedes bei Routineaufgaben, wie beispielsweise große Datenmengen zusammenfassen oder Entwürfe für Berichte zu erstellen.