EU-Initiative aus Brüssel

Mit einem Zugticket quer durch Europa

Die EU-Kommission will lange Bahnreisen einfacher und damit zur Alternative zum Flugzeug machen. Gestärkt werden sollen auch die Rechte der Fahrgäste.

Mit einem Zugticket quer durch Europa

Die EU will die internationalen Buchungen bei Bahnfahren deutlich vereinfachen.

Von Knut Krohn

Die Idee klingt gut: Eine Reise, ein Ticket. Was beim Fliegen gelingt, ist für Europas Bahnfahrer allerdings ein Wunschtraum. Das will die EU-Kommission nun ändern und die Buchung grenzüberschreitender Zugreisen einfacher machen. Gleichzeitig sollen auch die Fahrgastrechte deutlich ausgeweitet werden. So sollen die Passagiere etwa bei verpassten Anschlüssen europaweit eine Entschädigung bekommen. Die Hoffnung ist, dass auf diese Weise die Bahn eine attraktivere Alternative zum Flugzeug wird.

Der zuständige EU-Kommissar Apostolos Tzitzikostas betonte am Mittwoch bei der Präsentation des Papieres in Brüssel, dass durch diesen Vorstoß nicht nur die Buchungen einfacher würden, sondern auch die Ticketpreise sinken würden. Den Bahnunternehmen prophezeite er im selben Atemzug steigende Passagierzahlen.

Mehr Rechte für die Bahnreisenden

Die EU-Kommission kritisiert seit Jahren, dass in Europa „die Buchung von Bahnreisen mit mehreren Teilstrecken und Tickets verschiedener Unternehmen komplex sein kann, vor allem aufgrund fragmentierter Buchungssysteme und der starken Marktpräsenz bestimmter Bahnunternehmen.“ Das ist aber nicht der einzige Nachteil im europäischen Tarifdschungel, denn wer einen Anschluss verpasst, hat oft schlicht Pech gehabt. Bei mehreren Fahrkarten verschiedener Anbieter ist in der Regel niemand dafür zuständig, einen Folgezug oder ein Hotel für die Nacht zu organisieren oder gar eine Entschädigung zu zahlen.

Für die Bahnunternehmen bedeutet das, dass sie in Zukunft ihre Fahrpläne, Verspätungen und Preise mit anderen Anbietern in Europa teilen müssten. Das heißt, dass dann auch kleine Anbieter ohne Probleme Fahrten durch ganz Europa anbieten können. Die Vorschläge aus Brüssel stoßen allerdings auf den Widerstand vor allem der großen Unternehmen. „Es gibt keinen anderen Fall, in dem jemand verpflichtet wird, das Produkt der Konkurrenz zu verkaufen“, sagte der Chef des Verbands europäischer Bahnbetreiber, Albert Mazzola. Auch die eigenen Daten mit unabhängigen Plattformen zu teilen, sieht er sehr kritisch.

Die Bahn ist „im Grundsatz“ einverstanden

Die Deutsche Bahn (DB) betont, dass sie schon längst mit einem internationalen Buchungssystem arbeite, über das etwa Tickets der österreichischen ÖBB, der Schweizer SBB oder Trenitalia erhältlich sind. Aus diesem Grund begrüße das Unternehmen „im Grundsatz“ das Ziel der EU-Kommission, grenzüberschreitende Bahnreisen in Europa attraktiver zu machen. Wichtig sei, dass am Ende des Gesetzgebungsverfahrens „faire Wettbewerbsbedingungen für alle Verkehrsträger“ gälten, erklärte der Konzern. In der Vergangenheit hat sich allerdings gezeigt, dass die Deutsche Bahn mögliche Konkurrenten gerne in Schach hält. Die EU-Kommission hat große Unternehmen wie die DB und die spanische Renfe bereits mehrfach ermahnt, ihre Daten freizugeben, um den Wettbewerb anzukurbeln. Die Bahnbetreiber sträuben sich jedoch.

Dabei räumt die Deutsche Bahn selbst ein, dass die Öffnung das Geschäft durchaus beleben kann. Seit der Einführung des internationalen Buchungssystems seien die Ticketkäufe für andere europäische Bahnen bei der DB um 75 Prozent gestiegen. „Diese hohe Nachfrage zeigt, dass neben neuen Verbindungen das deutlich einfachere internationale Ticketing die Nachfrage der Fahrgäste trifft“, schreibt die Bahn am Mittwoch in einer Mitteilung.

Unterstützung aus dem Europaparlament

Unterstützung für ihre Pläne erhält die EU-Kommission aus dem Europaparlament. „Einheitliche Tickets für Reisende sind für den Bahnverkehr das, was das kostenlose Roaming für Handynutzer ist: eine konkrete europäische Erleichterung im Alltag“, betont der CDU-Abgeordnete Jens Gieseke. „Mehr Transparenz, einfachere Ticketbuchungen und klare Fahrgastrechte können das Reisen mit der Bahn deutlich komfortabler machen.“ Auch die SPD-Abgeordnete Vivien Costanzo erklärt, dass das aktuelle System mit verschiedenen nationalen Anbietern „weder verbraucherfreundlich noch zeitgemäß“ sei. Dieses unübersichtliche Chaos halte zu viele Menschen vor dem Bahnfahren ab.

Bis eine Bahnfahrt von Riga bis Faro ohne Probleme zu buchen ist, wird es allerdings noch einige Zeit dauern. Nun beginnen die meist zähen Verhandlungen zwischen Europaparlament und den EU-Mitgliedstaaten. EU-Kommissar Apostolos Tzitzikostas aber ist optimistisch und hofft, dass der Gesetzesvorschlag innerhalb der kommenden zwei Jahre umgesetzt wird.