Ein Schatz mit strengem Geruch: Archäologen bergen ein mittelalterliches Notizbuch. Nach der Konservierung soll der Text entschlüsselt werden.
Dieses vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zur Verfügung gestellte Foto zeigt ein Wachstafelbuch vor der Restaurierung, fotografiert unter Wasser: Archäologen haben in Paderborn ein gut erhaltenes Notizbuch aus dem 13. bis 14. Jahrhundert gefunden. Und das ausgerechnet in einer mittelalterlichen Latrine, wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) mitteilte.
Von Markus Brauer/dpa
Latrinengruben können echte Schatztruhen sein, wenn sie denn schon vor längerer Zeit benutzt wurden. Was man dort im einst schlammig-modrigen Bodensatz findet, lässt das Herz von Sachensuchern und Spatenforschern, Bakteriologen und Numismatiker (Münzforscher) höher schlagen.
„Latrinen sind fast immer eine Schatzgrube“
Was Archäologen ist in der westfälischen Domstadt Paderborn jetzt ein besonders aufregender Fund gelungen: ein gut erhaltenes Notizbuch aus dem 13. bis 14. Jahrhundert.
Es lag in einer mittelalterlichen Latrine, wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) mitteilt. Das Notizbuch sei aus Leder, Holz und Wachs und wird jetzt in Münster restauriert und konserviert. Anschließend soll der Text entschlüsselt werden.
Das Artefakt war den Mitarbeitern einer Fachfirma bei Bauarbeiten zum Neubau der Stadtverwaltung aufgefallen. „Dies ist der einzige derartige Fund in ganz NRW“, erklärt LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger. Es klinge komisch, aber für die Archäologen sei die Latrine fast immer eine Schatzgrube. Rüschoff-Parzinger ist selbst Archäologin.
Wertvolle Einblicke in den Alltag
Von dem rund 700 bis 800 Jahre alten Schriftstück verspricht sich der LWL wertvolle Einblicke in den Alltag und die Lebensverhältnisse im mittelalterlichen Westfalen.
„Nach sorgfältiger Restaurierung durch die LWL-Fachleute wird es möglicherweise gelingen, den schwer zu entziffernden Text mit High-Tech-Methoden wieder vollständig lesbar zu machen.“ Dazu seien sie bereits mit Schrift- und Material-Fachleuten aus ganz NRW im Gespräch, berichtet Rüschoff-Parzinger.
Das Notizbuch hat demnach zehn Seiten, von denen acht doppelseitig sind. Das gebundene Stück ist in einer kleinen Ledertasche mit Deckel verpackt.Als erstes gesehen hat es LWL-Restauratorin Susanne Bretzel.
„In einem nassen Erdklumpen verpackt – und zunächst ganz unscheinbar – klärte sich das Objekt erst bei der Reinigung in unserer Restaurierungswerkstatt in Münster. Und tatsächlich haftete dem Latrinenfund auch nach so vielen Jahrhunderten im Boden noch ein recht unangenehmer Geruch an“, berichtet Bretzel.