Krieg und Religion

Morden und Erobern im Namen Gottes

Was haben die Kriege im Iran und im Nahen Osten mit Religion zu tun? Wer die Rhetorik der politischen Akteure verfolgt, bemerkt, wie religiöse Vorstellungen den Konflikt aufladen sollen. Das hat eine lange Tradition.

Morden und Erobern  im Namen Gottes

Heiliger Krieger: US-Kriegsminister Pete Hegseth besuscht am 15. Mai 2025 die Al Udeid Air Base in Doha, Qatar.

Von Markus Brauer/KNA

Enthemmte Tiraden gehören zu seinem Standardrepertoire: Pete Hegseth, US-Verteidigungsminister und selbsternannter Kriegsminister, verbindet aggressive Rhetorik gerne mit christlichen Bildern und Inhalten.

Der 45-Jährige trägt ein Tattoo des Jerusalemkreuzes auf der Brust, ein Symbol aus der Zeit der Kreuzzüge. Auf seinem imposanten Bizeps steht „Deus Vult“, lateinisch für „Gott will es“ – ein historischer Schlachtruf der Kreuzritter.

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„Deus vult!“ Papst Urban II. hat Aufruf zum Kreuzzug nie verwendet

Der Ausruf „Deus vult!“ wird Papst Urban II. als Aufruf am 27. November 1095 zur „Befreiung“ Jerusalems von den Sarazenen und zum ersten Kreuzzug zugeschrieben. „Deus lo vult!“ (mittellateinisch für „Gott will es!“) ist auch die Devise des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem und findet sich als Wahlspruch in dessen Wappen.

Aus Sicht des Marburger Historikers Georg Strack handelt es sich dabei jedoch nur um eine Legende. „Urban II. hat dieses Zitat niemals in Texten verwendet, die er selbst oder seine Kanzlei verfasst haben“, sagt Strack.

Nur in einer einzigen Chronik, der von Robert dem Mönch, die etwa zehn Jahre nach dem Kreuzzugsaufrufs des Papstes bei einer Synode im französischen Clermont entstand, werde der Ausruf überhaupt zitiert, erklärt Strack.

Heiliger Krieg und Kreuzzug heute

Den Krieg gegen den Iran beschreibt Pentagon-Chef Hegseth als eine Art heiligen Krieg und Kreuzzug.

Laut Medienberichten betete Hegseth bei einem Gottesdienst im Pentagon für „überwältigende Gewalt gegen diejenigen, die keine Gnade verdienen“. Und er bat Gott: „Lass jede Kugel gegen die Feinde der Gerechtigkeit und unserer großen Nation ihr Ziel finden.“

Papst widerspricht: Gott lehnt den Krieg ab

Papst Leo XIV. widerspricht dieser Kriegsrhtehorik in aller Deutlichkeit: Gott dürfe nicht dazu missbraucht werden, Krieg zu rechtfertigen. Er sei „ein Gott, der den Krieg ablehnt“, konstatiert der aus den USA stammende Pontifex. Gott erhöre nicht das Gebet jener, die Krieg führten.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx fand am Osterfest noch deutlichere Worte: Es sei eine „schamlose Gotteslästerung“, wenn Hegseth dafür bete, dass jede Kugel im Iran-Krieg ihr Ziel treffe. Gleiches gelte für die Aussage des orthodoxen Patriarchen von Moskau, Kyrill, der den von Russland begonnenen Angriffskrieg gegen die Ukraine als einen „Heiligen Krieg“ bezeichne.

Krieg und Religion – eine unheilvolle Allianz

Krieg und Religion sind in der Menschheitsgeschichte eine unheilvolle Allianz eingegangen. unheilvolle„Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot“ (Die Bibel, Altes Testament, 1. Buch Moses, Kapitel 4, Vers 8).

Der erste Mord in der Weltgeschichte wird in der Bibel als Brudermord geschildert. Der Ackermann Kain erschlägt aus Eifersucht, Hass und Neid im Zorn seinen Bruder Abel, der Hirte ist und vor Gott Wohlgefallen gefunden hat.

Fehden, Massaker, Kannibalismus

Mord und Totschlag gibt es schon seit den Anfängen der Menschheit: Schon unter Neandertalern gab es tödliche Fehden, Massaker und sogar Kannibalismus, aber auch der Homo sapiens metzelte Gegner nieder, wie 10.000 Jahre alte Skelettfunde belegen.

Wann war das erste blutige Gemetzel in der Geschichte des Homo sapiens, in dem sich Menschen gegenseitig erstachen, erschlugen, erwürgten?

Die Menschen hätten sich schon immer die Köpfe eingeschlagen. „Aber nur individuell und gelegentlich, nicht massenweise und beständig“, erläutert der Prähistoriker Harald Meller. „Den ersten belegbaren Mord gab es in der Altsteinzeit, vor etwa 430.000 Jahren, nahe Atapuerca in Spanien.“

Religion mobilisiert

Die Kriege in der Ukraine und im Iran – der vorerst beigelegt scheint – stehen folglich in einer langen kriegerischen Tradition und ihrer ideologischen Untermauerung.

Zwar sind die Waffengänge im Nahen Osten und in der Ukraine eindeutig geopolitische Machtkämpfe. Doch Endzeitvisionen und religiöse Sprache tauchen auch hier immer wieder auf. Religion verdichtet komplexe politische Zusammenhänge in einfache Erzählungen von einem göttlichem Plan. Religion soll im Kampf zwischen Gut und Böse mobilisieren und Widerstand zum Schweigen bringen:

Israel greift bei seinen Angriffen auf den Iran auf alttestamentliche Bezeichnungen zurück: Der 12-Tage-Krieg im Juni 2025 wurde unter dem Codenamen „Rising Lion“ geführt, der jetzige Krieg firmiert unter „Roaring Lion“. Beide spielen auf das vierte Buch Mose an: „Ein Volk, das sich erhebt wie ein Löwe.“

Großer und kleiner Satan

Der Iran lädt den Konflikt mit dem Westen schon seit der Islamischen Revolution von 1979 religiös auf: Die USA werden als „Großer Satan“ und Israel als „kleiner Satan“ bezeichnet. Der Kampf mit dem ungläubigen Westen wird als endzeitlicher Konflikt zwischen Gut und Böse dargestellt.

Gehören solche Denkschemata vielleicht sogar zur DNA von Christentum, Judentum und Islam? In den 1990er Jahren hat der Ägyptologe Jan Assmann die These aufgestellt, der Glaube an den einen Gott habe Unterscheidungen wie Freund und Feind oder wahr und falsch zugespitzt. Denkmuster, die dann oft zu Gewalt gegen Andersgläubige führten.

Andererseits sind Gewaltlosigkeit und Frieden Kernbotschaften der monotheistischen Religionen. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ Das Lukas-Evangelium etwa macht Weihnachten zum Friedensfest, und Jesus wird als „Friedensfürst“ bezeichnet.

Blutspur von Intoleranz und Grausamkeit

Und doch lässt es sich nicht bestreiten: In der Geschichte des Christentums findet sich eine lange Blutspur von Intoleranz und Grausamkeit – von der Zwangsmissionierung der Sachsen bis zu Ketzerverfolgung, von den Kreuzzügen und Religionskriegen, wie der Mittelalter-Experte Philippe Buc in seiner im Jahr 2015 erschienenen Studie „Heiliger Krieg. Gewalt im Namen des Christentums“ darstellt.

Der Kampf richtete sich nicht nur gegen Abweichler im Innern, sondern auch auf vermeintliche Feinde außerhalb. Der Missionsauftrag des Evangeliums wurde als Aufforderung interpretiert, Nichtgläubige notfalls mit Gewalt zum Heil zu zwingen. Muslime, aber auch Juden wurden zu Opfern. Für das Töten im Dienste der Kirche stellten die Päpste Belohnung in Aussicht, die Aufnahme in den Himmel inklusive.

Rechtfertigung auch in der Neuzeit

Auch die Neuzeit kennt Beispiele für die Rechtfertigung der Gewalt durch die christliche Religion. Der frühere US-Präsident George W. Bush etwa rief nach dem 11. September 2001 den „Krieg gegen den Terror“ aus und bezeichnete ihn als „Kreuzzug“.

In der muslimischen Welt sind die Massaker der Kreuzritter in Jerusalem zu einem Mythos geworden, der immer wieder aktualisiert wird. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) wendet sich in ihrer Propaganda gegen die „ungläubigen Kreuzfahrer“. Seit den Anschlägen des 11. September 2001 gehört das arabische Wort „Dschihad“ verstärkt zum Vokabular muslimischer Extremisten im Kampf gegen die westliche Welt.

Dschihad im Islam

Der Begriff Dschihad (arabisch für Kampf, Bemühung, Einsatz) meint in einem religiösen Sinne „die Anstrengung auf Gottes Wegen“. Nach der klassischen islamischen Rechtslehre dient dieser Kampf der Erweiterung und Verteidigung islamischen Territoriums, bis der Islam die beherrschende Religion auf der Erde ist.

Auch moderne muslimische Autoren sehen im militärischen Kampf ein legitimes Mittel, um islamische Staaten und die Freiheit der Muslime zu verteidigen sowie den Islam außerhalb seines Einflussbereiches zu verkünden.

Neben dem äußeren ist aber auch der innere Kampf gegen das Böse im eigenen Herzen und die innere Läuterung zur moralischen Vervollkommnung durch Riten, Gebete und Buße gemeint. Der Dschihad ist als wichtiges Glaubensprinzip eines der Grundgebote des islamischen Glaubens und eine allen Muslimen auferlegte Pflicht.

Sunnitische Gelehrte rechnen den Dschihad als sechste zu den „fünf Säulen des Islam“. Der Dschihad kann nur von hohen Würdenträgern ausgerufen werden. Radikalislamische Organisationen wie der Islamische Staat (IS), El Kaida oder die Hisbollah sehen in ihm ein Mittel, um Feinde des Islam zu bekämpfen – notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens.

Die Schwert-Verse des Koran

Die Idee vom „Heiligen Krieg“ wird im Islam unterschiedlich interpretiert. Maßgeblich waren die sogenannten Schwertverse im Koran und die Aussprüche des Propheten Mohammed, der selbst Feldzüge gegen seine Gegner führte.

Die klassische Dschihad-Lehre fordert, dass die Ungläubigen bekämpft und unterworfen werden, bis die ganze Welt islamisch ist. Muslime, die in diesem Kampf sterben, gelten als Märtyrer. Allerdings unterliegt der Dschihad festen Regeln. So darf er nur von legitimen Herrschern erklärt werden, das Leben christlicher und jüdischer Zivilisten sollte geschont werden.

Wenn heutzutage „Dschihadisten“ Unbeteiligte ermorden, können sie sich also nicht auf die klassische Lehre berufen. Ohnehin deutet die Mehrheit der islamischen Rechtsgelehrten den Dschihad heute als reinen Verteidigungskrieg.

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Auf der Brust trägt Pete Hegseth außerdem ein Tattoo mit einem großen Kreuz, umrandet von vier kleineren. Das Symbol, auch bekannt als „Jerusalemkreuz“, wird ursprünglich den Kreuzrittern zugerechnet. Die Darstellung findet sich heute auch in harmloseren Kontexten, etwa auf der Flagge Georgiens.