Kehrtwende in der Netzpolitik

Neue Stromleitungen sollen wieder oberirdisch gebaut werden

Schluss mit teuren Erdkabeln: Die Bundesregierung will neue Stromleitungen wieder oberirdisch bauen. Gut so, sagt TransnetBW-Chef Werner Götz – doch er hat einen dicken Kritikpunkt.

Neue Stromleitungen sollen wieder oberirdisch gebaut werden

Jetzt macht die Bundesregierung eine Kehrtwende: Neue Hochspannungsleitungen sollen wieder über der Erde gebaut werden, nicht mehr als teure Erdkabel unter der Erde.

Von Jonas Schöll

Der baden-württembergische Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW hat den geplanten Freileitungsvorrang bei neuen Gleichstromprojekten grundsätzlich begrüßt, warnt aber vor Einschränkungen in dem Gesetzentwurf. „Der Freileitungsvorrang führt zu deutlich niedrigeren Kosten für den Netzausbau und somit zu einer hohen volkswirtschaftlichen Entlastung“, erklärte TransnetBW-Chef Werner Götz am Mittwoch.

Das Bundeskabinett hatte zuvor den Gesetzentwurf zur Anpassung des Bundesbedarfsplangesetzes beschlossen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kündigte an, dass die Regierung neue Stromautobahnen „wieder als Freileitung realisieren“ wird. Das bedeute finanzielle Entlastungen für Verbraucherinnen und Verbraucher, „denn langfristig senken wir damit die Netzentgelte“, so Reiche.

Kehrtwende in der Netzpolitik

Damit vollzieht die Bundesregierung eine Kehrtwende: Noch 2024 hatte die damalige Ampel-Regierung versichert, dass große Stromleitungen von Norddeutschland nach Süddeutschland unter der Erde verlegt werden sollen. Die niedersächsische Landesregierung, deren Bundesland Transitland für Strom ist, hatte im Juni mitgeteilt, ein Umstieg auf überirdische Freileitungen sei vom Tisch.

Vor allem die Netzbetreiber, aber auch Teile der Politik hatten schon damals gefordert, dass große Stromleitungen bei neuen Vorhaben nicht mehr unterirdisch gebaut werden sollten – die Kosten für Erdkabel sind deutlich höher.

TransnetBW warnt vor Mischformen

TransnetBW-Chef Götz betonte die Vorteile von Freileitungen: „Freileitungen werden für eine Nutzungsdauer von mindestens 80 Jahren errichtet, lassen sich im Störungsfall schneller reparieren und weisen insgesamt eine höhere Verfügbarkeit auf.“ Das stärke die Systemresilienz und reduziere langfristig Folgekosten für Verbraucherinnen und Verbraucher.

Kritisch äußerte sich Götz allerdings zu den im Gesetzentwurf enthaltenen Einschränkungen des Freileitungsvorrangs. Diese „schaffen Unsicherheiten und würden die Projektumsetzung erschweren.“ Eine Kombination von Freileitung und Erdverkabelung bei einem Vorhaben sei nicht sinnvoll – weder bei Planung und Genehmigung noch bei Bau und Betrieb der Stromleitung.

45 neue Netzausbauvorhaben geplant

Besonders die Akzeptanz – weiterhin ein zentraler Aspekt des Netzausbaus – würde bei der Kombinationsvariante leiden, warnte der TransnetBW-Chef. „Entscheidend ist jedoch, Lösungen zu wählen, die im Gesamtsystem den größten Nutzen entfalten.“

Laut Ministerin Reiche sind 45 neue Netzausbauvorhaben geplant, darunter drei Verbindungsleitungen zu den Nachbarstaaten Schweiz, Dänemark und Großbritannien. „Ein bezahlbarer, verlässlicher und schneller Netzausbau ist die Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende“, betonte Götz. Ein eindeutiger Freileitungsvorrang für neue Gleichstromvorhaben im Bundesbedarfsplan setze hierfür ein wichtiges und richtiges Signal.